Renaissance der Sangesfreude

Foto: Kerstin Lorenz

Gemeinsames Singen auch von Volksliedern wird mit dem Landesschulprojekt "Klasse! Wir singen." neu belebt

Stade/Buxtehude. Singen ist aus der Mode, zumindest für die breite Masse der Schüler an den bundesdeutschen Schulen. Gerade mal eine Stunde pro Woche widmen sich Grundschüler im Musikunterricht dem gemeinsamen Gesang. Wenn überhaupt. Denn Singen, insbesondere von Volksliedern, gilt seit Jahren als nicht mehr zeitgemäß und wird von vielen Musiklehrern mit dem Basteln von Instrumenten oder anderen Unterrichtsinhalten ersetzt.

Singen von Volksliedern erfährt derzeit eine Renaissance

Doch das Singen von Volksliedern erfährt derzeit an deutschen Schulen und in Konzertsälen eine Renaissance. "Klasse! Wir singen." ist ein landesweites Musikprojekt das in mehr als 3 000 niedersächsischen Schulen mit rund 140 000 Schülern in den Klassen 1 bis 7 die Sangesfreude neu beleben soll. Schüler, die daran teilnehmen, wollen über einen Zeitraum von sechs Wochen jeden Tag im Unterricht singen. Und zwar nicht nur im Musikunterricht - die Lehrer sollen das gemeinschaftliche Singen in die ganz normalen Unterrichtfächer, wie Deutsch, Mathematik oder Geografie mit einbinden.

Derzeit haben sich rund 68 000 Schüler aus 763 Schulen in Niedersachsen beim Initiator des Projekts, dem Braunschweiger "Verein Singen" angemeldet. Auch aus dem Landkreis Stade wollen sich etliche Schulklassen und Chöre aus insgesamt 58 Schulen beteiligen, um ihr Liederrepertoire zu erweitern und gemeinsame Sangesfreude zu entfalten.

Aus dem Raum Stade haben sich bisher Schüler aus 58 Schulen angemeldet

Mit dabei sind unter anderen168 Mädchen und Jungen der Stader Grundschule am Burggraben, 112 von der Grundschule Haddorf, 77 von der Stader Realschule Hohenwedel, 148 von der Integrierten Gesamtschule, 134 von der Grundschule Campe und 90 Grundschüler aus Bützfleth. Aus der Grundschule Hollern-Twielenfleth wird der Schulchor mit rund 50 Kindern teilnehmen und aus der Grundschule am Westerminnerweg in Jork beteiligt sich die Klasse 2 c.

Auch die Realschulklasse 5 R 2 aus dem Schulzentrum der Samtgemeinde Lühe in Steinkirchen gehört zu den Teilnehmern des Sing-Projektes. 25 Mädchen und Jungen haben sich mit ihrer Klassenleiterin Maike Bremer dafür entschieden, weil sie Freude am gemeinsamen Singen haben. "Wir singen gern im Unterricht, weil es gleich eine frohe Stimmung vermittelt", sagt Maike Bremer. "Es muntert auf, macht frisch und die Kinder haben eine gemeinsame Freude."

Mit Blick auf die Gesamtzahl der Schüler im Kreis Stade wirken diese Teilnehmerzahlen am landesweiten Projekt allerdings eher noch gering, obwohl die im März 2007 vom Braunschweiger Domkantor Gerd-Peter Münden initiierte große Singbewegung im "Musikland Niedersachsen" im Schuljahr 2010/2011 unter der Schirmherrschaft des niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister steht.

"Ein Grund dafür könnte der Kostenfaktor für die Teilnahme sein", sagt Ursel Schirmer, Leiterin der Haupt- und Realschule am Schulzentrum Lühe. Denn die Teilnehmer sollen für das Gesangsprojekt ein spezielles Liederbuch mit 16 Liedern, eine "Mitsing-CD" nutzen und bei Auftritten einheitlich ein "Klasse! - Wir-singen"-T-Shirt tragen. All das bekommt jeder Teilnehmer für acht Euro. "Diese acht Euro sind für manche bedürftige Familien schon ein Problem, zumal es ja viele Schulprojekte gibt, für die weitere Beiträge anfallen würden", sagt Schirmer.

Ihr Kollege Eckhard Schröder nennt als Leiter der Grundschule Guderhandviertel den gleichen Grund, warum aus seiner Schule keine Klasse teilnimmt: "Die Grundidee ist toll, zumal das gemeinsame Singen ja viel zu selten stattfindet. Aber sobald es mit Kosten und festen Vorgaben verbunden ist, schießen die Initiatoren ein Eigentor."

Denn es bliebe am Ende ja nicht allein bei den acht Euro, so Schröder. "Es summiert sich doch erheblich, wenn die Familien zu Auftritten der Kinder, etwa ins Stadeum, fahren und dort Eintritt zahlen", rechnet Schröder vor.

"Auch die Vorgabe, sechs Wochen jeden Tag zu singen und für den Auftritt zu proben, passt nicht immer in die Arbeitspläne der Schulklassen", sagt Schröder weiter. Zudem haben die 116 Grundschüler in der Arbeitsgemeinschaft "Plattdeutsche Sprache" kostenfrei und unverbindlich die Möglichkeit, plattdeutsche Lieder zu singen. Dennoch sehe es derzeit so aus, dass das deutsche Liedgut verfällt, so Schröder.

Auch Heinrich Lüken, Leiter der Jorker Grundschule sieht den Kostenfaktor als Hemmnis. Entweder man findet für so ein Projekt Sponsoren, damit alle Klassen teilnehmen können, oder die Schüler müssen sich für eine Sache entscheiden. "Unsere Schüler singen im Englisch-Unterricht hin und wieder und in Musik. Aber kaum Volkslieder." Es sei heute "in", Musik via MP3-Player oder am PC zu konsumieren, statt selber zu singen, so Lüken.

"Bei der Generation der 68er war das kollektive Singen als post faschistoid verschrien", sagt Hans Walter vom Referat 26 - Musikalische und künstlerische Bildung beim Niedersächsischen Kultusministerium. Weil im Dritten Reich das gemeinsame Singen ideologisch missbraucht wurde, verschwand das Singen weitestgehend auch aus der Ausbildung von Lehrern und Erziehern und letztlich schrittweise aus dem Alltag und der Gesellschaft, so Walter.

"Singen fördert aber die geistige, seelische und körperliche Entwicklung von Kindern und vertieft ein Gefühl der Zusammengehörigkeit", sagt Walter. "Die bisherigen Veranstaltungen zu dem Musikprojekt waren für die Kinder und Eltern ein großes Erlebnis." Bei der Pilotveranstaltung im Jahre 2007 in Braunschweig sangen 28 000 Kinder und 40 000 Erwachsene bei zehn Liederfesten in der VW-Halle gemeinsam. Zudem sei es so, dass der Veranstalter, der gemeinnützige "Verein Singen" in Braunschweig soziale Aspekte bei der Aktion berücksichtigt. Für Kinder aus Hartz IV-Familien sei die Aktion kostenfrei, so Walter.

Für 2011 rechne man damit, dass 120 000 Kinder nach einer intensiven Vorbereitungszeit in den Schulen bei gemeinsamen Liederfesten in Braunschweig, Emden, Göttingen, Hameln, Hannover, Lingen, Oldenburg, Quakenbrück, Stade und Lüneburg auftreten.

"Das Projekt soll ein neuer, elementarer Baustein sein und möglichst früh allen Kindern in Niedersachsen einen Zugang zu musikalischer Bildung zu ermöglichen", sagt Walter.

Nicht ein Kind ist der Superstar, sondern Tausende singende Schüler

"Nicht ein Kind ist der Superstar, sondern Tausende von Schülern", beschreibt der Initiator Gerd-Peter Münden seine Projektidee, die deutschlandweit einzigartig ist. "Ich erhoffe mir einen musikalischen Schub für das ganze Land, der nicht nur die Schüler, sondern auch Eltern, Geschwister und Großeltern zum gemeinsamen Singen bewegt", sagt Münden.

Singen als Alltagkultur sei ein effektiver Gesundheiterreger, der nachweislich die psychische und physische Gesundheit fördere, argumentiert der Gesangsforscher, Musikpsychologe und Soziologe Karl Adamek in seinen wissenschaftlichen Forschungsarbeiten. "Singen stärkt die Lebensfreude, das Selbstwertgefühl, hilft Aggressionen abzubauen, Emotionen zu regulieren und fördert die Mitmenschlichkeit", so Adameks Plädoyer für gemeinsames Singen.

Die Anmeldefrist für "Klasse! Wir singen" ist gerade bis zum 15. Oktober verlängert worden - für alle, die nun doch noch mitmachen möchten.

www.klasse-wir-singen.de