Dänemark: Patient resistent gegen Tamiflu

Wie wirksam sind die Grippe-Pillen?

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Christoph Rind

Das Antivirenmittel, das weltweit in Riesenmengen eingelagert ist, hilft nicht in jedem Fall.

Die Mexiko-Grippe verbreitet weiter Schrecken, auch in Europa. In Spanien gab es jetzt die erste Grippetote auf dem europäischen Festland. Eine 20-jährige Frau aus Marokko starb in einer Klinik in Madrid an dem Virusleiden. Am Vortag hatte sie ein Kind per Kaiserschnitt bekommen - im siebten Monat. Die Frau habe bereits länger an Asthma gelitten, teilten die Ärzte außerdem mit. In Spanien sind bisher insgesamt rund 700 Fälle der neuen Grippe nachgewiesen worden.

Aufregung versetzte eine Nachricht aus Dänemark. Dort sei erstmals bei einem Patienten eine Resistenz gegen das Grippemittel Tamiflu nachgewiesen worden, gab dort die Gesundheitsbehörde bekannt. Genau dieses Mittel allerdings wird weltweit in großen Mengen bevorratet, auch in Hamburg, um im Fall einer weiter um sich greifenden Grippe-Pandemie die Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten zu gewährleisten. Das wirft die Frage auf: Wie wirksam sind im Ernstfall die Tamiflu-Kapseln im Kampf gegen das Virus A (H1N1) wirklich?

Der Hamburger Grippe-Spezialist Dr. Martin Ehlers sieht eine Wirkungslosigkeit des Medikaments, wie sie jetzt aus Dänemark gemeldet wurde, "nur in wenigen Einzelfällen". Der Patient dort wurde nach Angaben der Ärzte daraufhin mit dem als ebenso wirksam geltenden Antivirenmittel Relenza behandelt und sei inzwischen geheilt. Auch der Leiter der Pandemie-Taskforce beim Schweizer Pharmaunternehmen Roche, das Tamiflu herstellt, geht von einem "individuellen Fall" aus. Bei klinischen Tests sei es auch zuvor schon zu einer Resistenzbildung gekommen, aber nur "innerhalb einer 0,5-Prozent-Marge".

Der Lungenfacharzt Ehlers hält beide Antivirenmittel für "hochpotente, hochwirksame neue Medikamente". Die wesentlich größere Verbreitung von Tamiflu sei darauf zurückzuführen, dass dieses Mittel in Tablettenform verabreicht werde, während Relenza über ein kleines Inhaliergerät wie ein Spray eingeatmet werden müsse. Beim Einatmen würde der Wirkstoff jedoch zielgenau dort ansetzen, wo sich die Viren aufhalten und vermehren: in der Lunge und im Atmungstrakt. Denn nur dort, nicht im gesamten Körper, komme es zu der explosionsartigen Vermehrung der Erreger. Lebensgefährlich kann es dann werden, wenn der Körper in einer Art Kettenreaktion auf die Viren reagiere.

Die Wirkstoffe beider Antivirenmittel greifen nicht die Viren selbst an, sondern blockieren ein Enzym (Neuraminidase), das die Viren brauchen, um weitere menschliche Zellen befallen zu können. Weil die Mittel wirken, indem sie diesen Mechanismus blockieren, sei es auch nicht entscheidend, ob sich durch eine Veränderung (Mutation) die Oberfläche des Virus verändere, so Ehlers. Denn immer wieder wird die Befürchtung geäußert, dass nach einer Veränderung der Virusstruktur möglicherweise auch die Antivirenmittel wirkungslos werden könnten.

Allerdings gelten beide Mittel auch nur dann als virenhemmend, wenn sie innerhalb von 48 Stunden nach Auftreten der ersten Krankheitssymptome gegeben werden (noch besser innerhalb von 24 Stunden). Nur dann können sie den Krankheitsverlauf abschwächen. Doch wenn wirklich eine Erkrankung mit dem Virus (ob Mexiko-Grippe oder saisonale Grippe) vorliegt, könnten alle, die mit dem Infizierten in Kontakt gekommen seien, auch vorbeugend gegen eine Ansteckung geschützt werden, erklärt Ehlers. Die Gefährdeten müssten dann fünf Tage lang jeweils die halbe Medikamentenmenge Tamiflu oder Relenza einnehmen. Und seien dann gut geschützt.

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