EHEC

Krankenhäuser bitten dringend um Blutspenden

Foto: dpa

Kiel/ Hamburg. Experten können noch keine Hoffnung auf ein baldiges Ende der seuchenartigen Krankheit machen. Immer mehr Menschen infizieren sich mit dem gefährlichen Bakterium, die Zahl der schweren Verläufe und Todesfälle nimmt zu. Schwerpunkt sind immer noch Hamburg und Norddeutschland - doch auch andere europäische Länder wie Schweden und Dänemark melden EHEC-Infektionen.

Weil bei vielen Patienten ein Blutaustausch notwendig ist, sind die Mediziner in Sorge, dass die Plasma-Vorräte bald zur Neige gehen könnten. Deswegen richten sie einen dringenden Appell an die Hamburger, Blut zu spenden .

Am Freitag hatten die Behörden in Deutschland sechs EHEC-Todesfälle bestätigt, darunter auch der Fall eines 38-jährigen Hamburger Unternehmensberaters. Nach Information des Robert-Koch-Instituts gab es innerhalb einer Woche 1000 bestätigte und EHEC-Verdachtsfälle - rund 100 mehr als sonst in einem ganzen Jahr. Die Kliniken in Hamburg gelangen daher an ihre Grenzen. 400 Menschen sind in der Stadt erkrankt, 79 davon schwer.

Wie ernst die Lage offensichtlich ist, zeigen auch die Einschätzungen von Senat und Krankenhäusern: "Es ist offensichtlich, dass wir auf Versorgungskapazitäten in anderen Bundesländern zurückgreifen müssen, um die Versorgung von Neufällen am Wochenende zu gewährleisten", sagte Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD). UKE-Chef Jörg F. Debatin zeigte sich sehr besorgt: "Uns macht die Anzahl der sehr schwer kranken Patienten, die dialysiert werden müssen, Sorge", sagte er. Probleme gibt es auch bei den Asklepios-Häusern der Stadt. Sprecher Rudi Schmidt: "Wenn es sich weiter dramatisch zuspitzen sollte, hätte das Gesundheitssystem ein Problem. Irgendwann gäbe es keine Lösung mehr."

Am Donnerstag hatte das Hamburger Hygieneinstitut vier Gurken, drei davon aus Spanien, identifiziert, die mit dem gefährlichen EHEC-Keim belastet waren. Die Proben waren am Großmarkt genommen worden. Zuvor hatte das Robert-Koch-Institut bereits vor dem Verzehr von Gurken, Tomaten und Salaten gewarnt. Zunächst galt die Warnung vor Produkten aus Norddeutschland, später wurde die Aussage relativiert, indem nun in Norddeutschland vor dem Verzehr gewarnt wird.

Viele Verbraucher haben daher offensichtlich den Genuss von Salat- und Rohkost eingestellt, etliche Supermärkte und Kantinen nahmen Gurken, Tomaten und Salat sogar komplett aus ihrem Programm. Folge: Die Großhändler am Hamburger Großmarkt machten am Freitag nach Angaben der Händler-Genossenschaft oft nur noch zehn Prozent ihrer üblichen Umsätze. Der Umsatzeinbruch betraf aber nicht nur spanische Waren. Weil das Robert-Koch-Institut zunächst vor Produkten aus Norddeutschland gewarnt hatte, hätten mehr als 1000 Betriebe im Norden mit teils großen finanziellen Einbußen zu kämpfen, hieß es beim Gartenbauverband Nord. Gemeinsam mit dem Bauernverband Hamburg wolle man daher das Institut und auch das Bundesverbraucherschutzministerium auf Schadensersatz verklagen, kündigte am Freitag Heinz Behrmann, Präsident des Hamburger Bauernverbands, an. "Die Schäden gehen in die Millionen", sagte er. Und ein Ende sei noch nicht in Sicht.

Wie die spanischen Gurken mit den Keimen in Berührung gekommen sein könnten - darüber wird unterdessen heftig gestritten. Als Träger der Erreger gelten Ausscheidungen von Rindern, Schafen oder Ziegen. Das Hamburger Hygieneinstitut hatte drei der vier betroffenen Gurkenproben zwei Erzeugern aus Südspanien zuordneten können. Beide wurden am Freitagabend vorübergehend geschlossen. Unklar ist weiter, vorher die vierte Gurke stammt. Meldungen, wonach sie aus den Niederlanden geliefert sein könnte, bestätigten sich zunächst nicht. Möglicherweise gab es eine Verwechselung, weil ein Erzeuger in Spanien Niederländer ist.

Einer der spanischen Betriebe, Frunet Bio bei Málaga, äußerte den Verdacht, dass auf dem Hamburger Großmarkt eine Palette mit Gurken vom Lkw gekippt sei und dann auf dem Boden mit dem Erreger in Kontakt gekommen sein könnte. Ein Erklärungsversuch, der von Experten aber als absolut theoretisch bezeichnet wird. "Ware von einer einzigen Palette kann unmöglich zu EHEC-Primärinfektionen mit diesem Ausmaß führen", sagt Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks. Auch der Geschäftsführer der Händler-Genossenschaft in Hamburg, Hans Joachim Conrad, hält die Umfall-Theorie für abwegig. "Bei uns laufen doch keine Ziegen oder Rinder durch die Halle."

Der Vorsitzende des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure, Martin Müller, hält es daher eher für denkbar, dass die mit dem Erreger verunreinigten Gurken nach der Ernte mit EHEC in Berührung kamen - beim Waschen, Verpacken oder während des Transports nach Hamburg.

EHEC-Keime sind eine besonders gefährliche Form des Darmbakteriums Escherichia coli. Der Erreger ist vor allem deshalb gefährlich, weil nach Expertenangaben rund 10 bis 100 der winzigen Bakterien ausreichen, um den Durchfall auszulösen. Schwere Verläufe äußern sich unter anderem durch blutigen Durchfall. Erste Symptome treten in der Regel nach ein bis drei Tagen auf. Bei anderen Infektionen sind um ein Vielfaches mehr Erreger nötig, damit es zur Erkrankung kommt.

In schweren Fällen können der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (Nierenheilkunde) zufolge weitere Organe geschädigt werden. Betroffene erlitten oft eine gefährliche Schwellung des Gehirns. Eine "Blutwäsche" könne den Heilungsprozess jedoch beschleunigen.