Stephan Weil im Abendblatt-Interview

Das große Charme-Duell um Niedersachsen

Hannovers Bürgermeister Stephan Weil (SPD) fordert Ministerpräsident McAllister (CDU) heraus. Im Abendblatt spricht er über seine Ziele.

Hannover. Oberbürgermeister Stephan Weil, 52, ist bekennender Fußballfan; bei Heimspielen von Hannover 96 zieht er es vor, auf der Westtribüne zu sitzen statt im VIP-Bereich. Und er kann aus dem Stegreif ein Loblied singen auf hannoversche Kneipen, wo sich alles um Bratkartoffeln dreht: "Das ist genau die Umgebung, in der ich mich wohlfühle." Für solche Vergnügen wird jetzt die Zeit knapp, denn die SPD in Niedersachsen hat am Wochenende den 2006 direkt ins Amt gewählten obersten Verwaltungsbeamten der Landeshauptstadt in einer Urabstimmung zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 20. Januar 2013 gekürt .

+++Stephan Weil soll McAllister stürzen+++

Schon im Januar 2012 löst der Jurist seinen unterlegenen Gegenkandidaten Olaf Lies als SPD-Landesvorsitzenden ab, dann wird sich zeigen, ob der traditionell linke Landesverband ein Stück in die Mitte rückt.

Dass er genau da die Wahl gegen Amtsinhaber David McAllister (CDU) gewinnen will, daran ließ Weil gestern keinen Zweifel: "Ich werde in das Zentrum meiner Ansprache die gesellschaftliche Mitte stellen, also Menschen, die arbeiten, die selbst immer mehr Leistung bringen müssen und die wissen, wie wichtig ein leistungsfähiger Staat ist." Seit 2003 regieren CDU und FDP dort, wo zuvor auch Gerhard Schröder als SPD-Ministerpräsident den Ton angab. Und noch etwas betonte er im Abendblatt-Interview: Etwas mehr kommunale Tugenden würden der Landespolitik guttun.

Hamburger Abendblatt: Als sie zwei Jahre alt waren, ist ihre Familie von Hamburg nach Hannover gezogen: Was ist davon geblieben?

Stephan Weil: Mein Bruder lebt unverändert mit seiner Familie in Hamburg, und wenn wir ihn besuchen, habe ich immer ein gutes Gefühl, wenn ich über die Elbbrücken nach Hammonia komme. Das ist nur zwei Tage im Jahr getrübt, wenn der kleine gegen den großen HSV spielt.

Wer ist denn der Große?

Weil: So viel Diplomatie muss sein: Kein Kommentar und Verweis auf die jeweilige Tabellensituation. Ich gebe zu, Fußball ist eine Leidenschaft von mir als Zuschauer bei Hannover 96 und als Spieler.

Sie bezeichnen sich selbst als bürgerlichen Typ, was steckt denn da drin?

Weil: Ausdauer, Freundschaften pflegen, Privates privat halten und bürgerliche Werte gehören auch dazu: Zuverlässigkeit und Treue.

Sie sind schon vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten?

Weil: Ich bin sehr katholisch aufgewachsen, war Messdiener und fühle mich auch unverändert als Christ. Aber in den 80er-Jahren bin ich ausgetreten, weil meine Kirche in den ärmsten Ländern weiterhin jede Art von Geburtenplanung verteufelte. Verloren gegangen ist mir nicht mein Glaube, aber die Verbindung zur Amtskirche.

Was lesen Sie, wenn es nicht Akten sind?

Weil: Gute Literatur wie "Die Herrlichkeit des Lebens" von Michael Kumpfmüller über Franz Kafka. Aber zugegeben, in den vergangenen Wochen des Drucks lieber Krimis zurück bis zu Klassikern von Sjöwall/Wahlöö.

Nun geht es in einem einjährigen Wahlkampf mit Verzicht auf Privatleben?

Weil: Es wird weniger werden, aber Frau und Freunde haben schon angekündigt, dass sie mir aufs Dach steigen, wenn ich es übertreibe mit der Politik. Und diese Drohung ist ernst gemeint.

Steht die Familie hinter der Kandidatur?

Weil: Mein Sohn studiert derzeit im Ausland und sieht das gelassen. Meine Frau erwartet weniger Privatleben, aber sie hat ausdrücklich gesagt, als Bürgerin findet sie meine Kandidatur genau richtig.

Freuen Sie sich auf das Duell mit dem Amtsinhaber?

Weil: Da müssen wir fein unterscheiden. Ich finde David McAllister sympathisch und kann mir gut vorstellen, abends ein oder auch zwei Bier mit ihm zu trinken und Doppelkopf zu spielen. Für mich hat Sympathie schon lange nichts zu tun mit politischen Einstellungen. Aber es stimmt eben auch: Politisch verwaltet der CDU-Ministerpräsident mehr, als dass er führt, und so steuert er das Land in eine Sackgasse. Dies gilt übrigens vor allem für die Energiepolitik, wo Schwarz-Gelb in Bund und Land das Thema aussitzt. Und überfällig ist ein Ende des Schulstreits mit deutlichen Erleichterungen bei der Zulassung neuer Gesamtschulen.

Rückt die Partei, wie es die Linke an die Wand malt, mit Ihnen nach rechts, und würden Sie sich von der Linken wählen lassen, wenn es am 20. Januar 2013 für SPD und Grüne nicht reicht?

Weil: Ich halte nicht viel von solchen Einteilungen. Ich selbst sehe mich als Mann der Mitte. Und was die Wahl zum Ministerpräsidenten durch den Landtag angeht mithilfe der Linksfraktion: Ich schließe das nicht aus, aber die Fragestellung ist wenig realistisch. Die haben offenbar für sich entschieden, dass es mehr Spaß macht, Opposition zu machen als Verantwortung zu übernehmen und als Resultat daraus natürlich auch Kompromisse einzugehen. Ich dagegen will gestalten, das ist harte Arbeit. Und wer so tut, als ginge das mit leichter Hand, der ist mir sehr verdächtig.

Aber wo stehen Sie denn in der SPD?

Weil: Da mache ich mir ein Zitat des früheren niedersächsischen Finanzministers Helmut Kasimir zu eigen: Ich gehöre zum Rumpf der Partei. Als Ex-Juso kann ich heute nicht rechts stehen, aber als ausgeprägter Realo und Pragmatiker fühle ich mich in der Mitte der Partei sehr wohl.

Wie sehr hängt diese Selbstbeschreibung vom Realo an Ihrer kommunalpolitischen Herkunft?

Weil: Das hängt unbedingt zusammen. In der Kommunalpolitik kommen Sie keinen Schritt weiter, wenn Sie Grundsatzdiskussionen führen. Und ohne irgendeinem Landespolitiker gleich welcher Couleur zu nahe zu treten: Man sollte kommunale Tugenden durchaus auf die Landesebene heben. Ein Bürgermeister ohne Bürgernähe, ohne Sachkompetenz, das geht nicht lange gut. Es ist ein Beitrag zur Politikverdrossenheit, wenn Politiker sich in den Medien leidenschaftlich über vergleichsweise nebensächliche Dinge streiten, statt nach dem gemeinsamen Nenner und nach Lösungen zu suchen. Mal ganz praktisch: Es ist keine persönliche Niederlage, sondern ein Zeitgewinn für alle Beteiligten , wenn man auch mal seinen eigenen Redebeitrag auf lediglich fünf Worte reduziert: Ich stimme meinem Vorredner zu.