Sympathieträger

Joachim Gauck, der Beinahe-Bundespräsident

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Barbara Möller

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Der Spitzenkandidat von SPD und Grünen sieht sich nach der knappen Entscheidung im dritten Wahlgang am Ende trotzdem als Gewinner.

Berlin. "Ich bin Realist, und ich kann rechnen." Das hat Joachim Gauck von Anfang an gesagt. Und dabei mit seiner Außenseiterrolle kokettiert. Tatsächlich hat es der Rostocker Pastor als Überraschungskandidat weit gebracht. Immerhin konnte er Christian Wulff nicht nur einen zweiten, sondern sogar ein dritten Wahlgang abringen. Das war mehr, als die meisten erwartet hatten.

Am Ende wirkte der 70-Jährige glücklich, aber erschöpft. Auf dem großen Fest, das die SPD ihm zu Ehren am Vorabend der Präsidentenwahl gab, hatte Gauck noch einmal deutlich gemacht, dass die Kandidatur sein Leben bereichert habe, dass es aber auch sehr gut außerhalb von Schloss Bellevue weitergehen könne. "Ich werde", hatte er gelassen gemeint, "morgen Abend ein fröhlicher Bürger eines freien Landes sein, egal wie die Wahl ausgeht." Und bei dieser Gelegenheit hatte er die versammelte SPD-Spitze schnell noch ein Versprechen ablegen lassen. Wenn Wulff gewählt werde, verdiene er die Unterstützung und Zuwendung aller, hatte Gauck gesagt. Und in die Runde gefragt, ob man sich das "irgendwie versprechen" könne, ob das wohl "irgendwie gehen" könne? Verblüfft hatten der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier erst gelächelt und dann zustimmend genickt.

Unerwartete Volten wie diese waren es, die Joachim Gauck in den zurückliegenden Wochen so viel Sympathie eingebracht haben. Die Politikverdrossenheit ist dabei eins seiner Kernthemen gewesen. Das passte wunderbar zum Bild des furchtlosen Quereinsteigers, der seinen Zuhörern Sätze zurufen konnte wie: "Unser Staat gehört nicht den Parteien und ihren Strategen!", ohne wie ein Umstürzler zu wirken. Dieser Kandidat konnte von sich behaupten, "ein linker, liberaler Konservativer" zu sein. Sogar das nahm man ihm willig ab, ohne den Satz auf seine Widersprüche abzuklopfen. Die Parteien, die ihn nominiert hatten - SPD und Grüne -, waren an dieser Analyse ohnehin nicht interessiert. Ihnen hatte von Anfang an nur daran gelegen, den Regierungsparteien das Leben schwer zu machen.

Und wenn etwas an der Kandidatur Gaucks besonders erstaunlich war, dann war es die Überraschung, die sich bei den Sozialdemokraten und den Grünen breitmachte, als sie sahen, welche Breitenwirkung der Kandidat erzielte, den sie eigentlich nur aus dem Hut gezaubert hatten, um Angela Merkel und Guido Westerwelle zu ärgern. Dieser Beinahe-Präsident, der eigentlich viel besser zur Merkel-CDU zu passen schien. Der Citoyen, der so inspirierend von Verantwortung und von Bürgersinn sprechen konnte.

Gauck, der Intellektuelle, der mit Angela Merkel befreundet ist, hat sehr wohl gewusst, dass er im rot-grünen Lager exotisch wirkte. Zwischen all den Gewerkschaftern, Friedensbewegten und Atomkraftgegnern, die diesem Kandidaten keine Bekenntnisse abverlangten und entzückt klatschten, wenn Gauck verkündete, dass er am Computer die Hilfe seiner Kinder und Enkel benötige.

Der Charme des Experiments Gauck ist unbestritten. SPD-Chef Gabriel hat unmittelbar vor der Wahl gesagt, dass die SPD nicht vergessen werde, was sie in den zurückliegenden Wochen mit Joachim Gauck erlebt habe. "Wenn wir eine eigene Mehrheit haben", hat er erklärt, "werden wir anders damit umgehen." Das, so Gabriel, sei "kein hohles Versprechen". Möglicherweise ist ihm dabei ja noch einmal durch den Kopf gegangen, dass es seine Partei gewesen ist, die 1999 Johannes Rau als Bundespräsidenten durchgesetzt hat. In einer Zeit, in der sich das wiedervereinte Land einen Ostdeutschen in Schloss Bellevue gewünscht hätte und keinen verdienten Westdeutschen, der seine lange politische Karriere unbedingt noch in Berlin krönen wollte.

Zur Freude der Sozialdemokraten und der Grünen hat Gaucks Kandidatur großen Schaden im Regierungslager angerichtet. Und Gaucks sonnigen Satz vom Dienstag - "Morgen werden wir alle gewonnen haben!" - wird man dort erst mal nicht mehr hören wollen. Obwohl er richtig ist. Denn Gaucks Kandidatur hat die alte Parteiarithmetik nachhaltig aufgebrochen. Und das, obwohl man sich in Berlin nach der Erfahrung mit Horst Köhler fast schon einig gewesen war, dass das höchste Staatsamt bei politischen Seiteneinsteigern nicht gut aufgehoben sei.

Gauck, der ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, hat in seinem "Wahlkampf" nicht nur die Erinnerung an die DDR wiederbelebt - sehr zum Zorn der Linkspartei -, sondern auch die Erinnerung an die Zeit der Wiedervereinigung. Die trat jedem, der diesen Kandidaten erlebte, wieder vor Augen. Die Wirkung war unwiderstehlich.