Joachim Gauck

Eine Sache des Herzens: Gauck zu Gast in Polen

Bundespräsident zeigt bei erster Auslandsreise große Sympathie für östlichen Nachbarn - Gelungener Start in Warschau

Warschau. Es ist eine Herzenssache. So formulierte Bundespräsident Joachim Gauck schon kurz nach seiner Wahl den Wunsch, bei seinem ersten Auslandsbesuch nach Polen zu reisen. Nun wiederholte der DDR-Bürgerrechtler seine Worte, als er in Warschau Polens Präsident Bronislaw Komorowski traf. Dabei legte der 72-Jährige demonstrativ die Hand auf sein Herz.

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Und er spricht es am Dienstag bei der Pressekonferenz im Präsidentenpalast ganz deutlich aus: „Es ist kein Kalkül gewesen, sondern die Entscheidung kam aus dem Herzen.“

Er hoffe, das sich die herzliche Aufnahme und das gute persönliche Verhältnis der beiden Präsidenten „auch auf unsere Völker überträgt“. Er habe es durch seine Erfahrung als Kriegskind lange Zeit nicht für möglich gehalten, dass es zu einer vollständigen Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen aufgrund der deutschen Kriegsschuld kommen könne, erklärt der 72-Jährige.

Gauck ist bei seiner ersten Pressekonferenz im Ausland nahezu euphorisch. Die Chemie stimmt, und Gaucks Plädoyer für Polen, das er als „europäisches Land der Freiheit“ bezeichnet, wirkt aufrichtig, ja ansteckend. Komorowski umarmt Gauck und dankt ihm ausführlich, dass „er sein Herz für Polen“ gezeigt habe. Auch die polnischen Medien goutieren die Geste. Als Geschenk bekommt Gauck ein historisches Poster der Solidarnosc-Bewegung. Der deutsche Präsident ist gerührt. Ein solches hänge bereits in seiner Wohnung und habe ihn stets ermutigt. „Daran habe ich gesehen, dass wir die Wahl haben: Wollen wir weiter Untertan bleiben, oder Bürger werden.“ Das neue Plakat wandere nun ins Bundespräsidialamt.

Man merkt, dass der neue deutsche Präsident nicht aus den Reihen der Politik kommt. Er hat Mut zu Formulierungen, die nicht in das „Politikersprech“ gehören. So kündigt er gemeinsame Projekte mit Komorowski an, „die aus der Gesprächsoffenheit, also ganz spontan entstanden sind“, wie etwa Komorowskis Idee eines gemeinsamen Rockfestivals für deutsche und polnische Jugendliche – „noch nicht ganz ausgegoren“.

Doch Gauck ist nicht naiv und weiß auch um die mögliche Sprengkraft von Sätzen des neuen Bundespräsidenten. Er vermeidet es bewusst, zu aktuellen politischen Fragen wie der Aufstockung des Eurorettungsschirms ESM – gerade zwischen Regierung und Opposition hoch umstritten – Stellung zu beziehen.

„Der deutsche Bundespräsident ist nicht der Regierungschef und die wesentlichen Entscheidungen sind Sache der deutschen Bundesregierung.“ Als Bürger erscheine es ihm aber „unbedingt wichtig, an der Idee eines vereinigten Europas festzuhalten. Ich wünsche mir, dass die Regierungen die Kraft haben, mehr Europa zu wagen als weniger Europa zu organisieren.“ Ein Plädoyer für Europa, ohne Kanzlerin Angela Merkel auf die Füße zu treten.

Das letzet Mal als ein deutscher Präsident im Ausland Fragen beantwortete, ist noch nicht lange her. Im Februar stand Gaucks Vorgänger Christian Wulff in Rom vor der deutschen Flagge und musste sich Fragen nach dem deutschen Umgang mit Korruption gefallen lassen. Diese Zeiten sind vorbei. Stattdessen wird Gauck gefragt, wie man das Interesse deutscher Bürger an Polen besser wecken könne.

„Seit meiner Lebenszeit schauen die Deutschen nach Westen“, sagt der ehemalige Pastor nachdenklich. Der Blick habe sich auch wegen der Freiheit nach Westen gerichtet, auch der der Ostdeutschen. Mittlerweile gebe es aber besonders bei Intellektuellen eine Ausrichtung gen Osten. „Es gibt ein Fundament, auf dem wir aufbauen können. Ich bin optimistisch, dass wir die Blickerweiterung hinbekommen.“ Sein Besuch in Polen war ein würdiger Auftakt dazu.