Leitartikel

Politischer Präsident

Joachim Gaucks emotionale Ansprache passt zu Angela Merkels rationaler Staatsführung

Ja, auch das Pathos der Freiheit durfte nicht fehlen in seiner ersten Rede als vereidigter Bundespräsident. Joachim Gaucks Lebensthema kam natürlich in seiner Ansprache vor, die mit hohen Erwartungen verbunden war. Droht das Staatsoberhaupt mit Ostbiografie sich mit seiner Freiheitspredigt zu wiederholen? Das mag so sein. Aber dass die Bedeutung der Freiheit bei Gauck ihren breiten Raum erhält, sollte uns stets aufs Neue eine Freude sein. Der Freiheitsgedanke gehört zum gesamtdeutschen Selbstverständnis und wird nie seine Relevanz verlieren. Wie gut, dass Gauck - auch zum wiederholten Male - uns daran erinnert hat.

In der alltäglichen Wahrnehmung von Politik und Parteienstreit drohen wir längst die Errungenschaften des staatlichen Miteinanders nicht ausreichend zu würdigen. Dabei geht es um vermeintliche Selbstverständlichkeiten: Es ist die Pflicht des demokratischen Rechtsstaats, die Freiheit des Menschen zu schützen. Ohne den freien Willen des Einzelnen ist die Würde des Menschen beschädigt. Und: Wer den Bürgern misstraut, droht sie zu verlieren.

Zu unserem Glück haben wir nun einen Präsidenten, der nicht nachlassen will, an den Segen der Freiheit zu erinnern. Zu wenige Institutionen und Amtsträger können diese Aufgabe in ähnlicher Authentizität übernehmen, wie es Gauck tut. Insofern erweist sich dieses noch neue Staatsoberhaupt im besten Sinne des Wortes als staatstragend.

Noch aber lernen wir unseren Bundespräsidenten erst kennen. Als quasi hauptverantwortlicher Absender für Denkanstöße in diesem Land hat Gauck gerade damit begonnen, die Agenda seiner Amtszeit zu benennen. Seine Rolle als ein Vermittler deutscher Lebens- und Gemeinschaftsgefühle hat der erst seit wenigen Tagen amtierende Präsident allerdings schon gefunden. Wohl wissend, dass er in Zeiten von Krisen und Ungewissheiten gewählt wurde, setzt Gauck auf die menschliche Urempfindung des Optimismus. So eindeutig und überzeugend, wie er trotz verbreitender Europa-Skepsis ein Mehr an Europa eingefordert hat, ist dies bislang nur Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt gelungen.

Wer weiß, vielleicht hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel einige ihrer Vorbehalte gegen Gauck nach seiner Rede abbauen können. Sie, die ihn zuletzt als Demokratielehrer lobte, konnte jetzt auch einen Optimismus- und Mutlehrer beobachten. Merkel als Meisterin der rationalen Staatsführung und Gauck als Herr der emotionalen Ansprache könnten einander auch in schmerzhaften Reformprozessen klug ergänzen. Sie müssen nur noch wollen.

Gauck, so viel dürfte nun klar sein, versteht sich als ein politischer Präsident. Und als solcher stand Gauck während seines Auftritts im Bundestag wahrhaft als der linke, liberale Konservative, als den er sich gern bezeichnet. Denn auch diejenigen, die ihm bis zum Freitagmorgen vorwarfen, ihm fehle neben dem Pathos der Freiheit das so notwendige Pathos der Gerechtigkeit, dürften nun aufgehorcht haben.

Klarer hätte Gauck seinen Appell an einen Staat, der sich zu einer gerechten Ordnung der Gesellschaft bekennen soll, nicht formulieren können. Und indem er im Weiteren die Gerechtigkeit zur Bedingung von Freiheit postulierte, belehrte er seine Kritiker - zumindest mit diesem rhetorischen Schachzug - eines Besseren.

Was also bleibt von diesem allerersten Eindruck seiner Präsidentschaft? Gauck will mehr sein als der Präsident der Freiheit. Er will ein Präsident der Verantwortung und Gerechtigkeit werden, und das in einem Land, das in seinen Augen selbstbewusster werden soll und Ängste verlieren kann. Gauck will bewegen und ergreifen. Mit seiner ersten Ansprache hat er dies schon getan.