Nordkorea

Staatsoberhaupt erklärt Kim Jong-un zum "obersten Führer"

Der "geachtete Genosse" Kim Jong-un ist zum Machthaber Nordkoreas, zum Führer des Volkes, der Streitkräfte und der Partei erklärt worden.

Seoul. Kim Jong-ils Sohn Kim Jong-un ist neuer Machthaber in Nordkorea: Das Regime hat zum Ende der Staatstrauer den 30-Jährigen zum "obersten Führer" ausgerufen. Kim Yong-nam, nominelles Staatsoberhaupt des streng kommunistischen Landes erklärte am Donnerstag: „Der geachtete Genosse Kim Jong-un ist der oberste Führer unserer Partei, des Militärs und des Volks“. Hunderttausende Soldaten und ZIvilpersonen verfolgten die Ankündigung Kim Yong-nams auf dem Kim-Il-sung-Platz im Zentrum Pjöngjangs und drückten ihre Trauer für den verstorbenen Kim Jong-il aus. Bei der Trauerfeier in Pjöngjang präsentierte sich der designierte Nachfolger Kim Jong-un am Donnerstag schweigend und mit gebeugtem Haupt auf einem Balkon der Öffentlichkeit. Flankiert wurde der militärisch wie politisch unerfahren geltende Sohn dabei von wichtigen Militär- und Parteigrößen. Kim Jong-un äußerte sich bisher nicht selbst zu seinen Zielen für Nordkorea.

+++Staatsbegräbnis Kim Jong-ils: Die Choreografie der Trauer+++

Die Führungselite des Landes stellte sich bei der Trauerfeier wie schon am Mittwoch hinter Kim Jong-un und würdigte zugleich erneut dessen Vater. „Die Tatsache, dass er die Frage der Nachfolge vollständig gelöst hat, ist eine der vornehmsten Errungenschaften des großen Kameraden Kim Jong-il“, sagte Kim Yong-nam. Wann Kim auch formal oberster Machthaber des Landes wird, war zunächst unklar. Dazu müsste er nach der Verfassung wie sein Vater Vorsitzender der Nationalen Verteidigungskommission werden. Beobachter spekulieren, dass dies bei der Frühjahrssitzung der Obersten Volksversammlung (Parlament) in Pjöngjang geschehen könnte. Die 13-tägige offizielle Trauerperiode für den vor knapp zwei Wochen gestorbenen Kim Jong-il endete mit einem dreiminütigen Schweigen der Menge, darunter zahllose Soldaten, sowie 20 Salutschüssen. Im ganzen Land ließen die Schiffe und Züge Sirenen und Signalhörner ertönen.

Nach Einschätzung von Beobachtern ist die Frage des Machtwechsels in Nordkorea nur noch Formsache. Die Zeremonie am Donnerstag sei dazu da gewesen, den Status Kim Jong-uns „öffentlich zu bestätigen und zu festigen“, sagte Jeung Young-tae vom südkoreanischen Institut für die Nationale Einigung in Seoul. De facto sei der jüngste Sohn des verstorbenen Machthabers bereits Führer der Partei, der Streitkräfte und des Landes. „Kim Jong-il hat einen roten Seidenteppich ausgelegt, und Kim Jong-un muss nur noch darauf laufen“, sagte Jeung

Kim Jong-un übernehme die Ideen, den Charakter und den Mut seines Vaters, sagte Kim Yong-nam. Nordkorea wolle unter Kim Jong-un als General und obersten Führer eine „blühende sozialistische Nation“ aufbauen. In einer Ansprache bekräftigte der Militärvertreter Kim Jong-gak, dass die Streitkräfte dem neuen Machthaber die Treue halten werden. Auch die amtliche Nachrichtenagentur KCNA bezeichnete Kim Jong-un als „obersten Führer der Partei, des Staates und der Armee“. Die 1,2 Millionen Mann starke Volksarmee ist ein wichtiger Machtfaktor in dem weitgehend abgeschotteten Staat. Nach dem Tod von Kim Jong-il hieß es in den Staatsmedien, Nordkorea werde an der – in der Verfassung festgeschriebenen – Militär-Zuerst-Politik festhalten, die der Armee den Vorrang einräumt.

Bei der zentralen Gedenkfeier auf dem nach dem Großvater und „ewigen Präsidenten“ benannten Kim-Il-sung-Platz überblickte Kim Jong-un an der Seite ranghoher Militärs und Parteifunktionäre von einem Balkon aus die Menge. Dabei waren unter anderen Armeechef Ri Yong-ho und Kim Jong-uns einflussreicher Onkel Jang Sung-thaek . Beiden wird eine wesentliche Rolle für Kim Jong-uns Aufstieg zugesprochen. Jang gilt schon seit längerem als graue Eminenz des Regimes. Kim Jong-il hatte seinen jüngsten Sohn schrittweise auf die Nachfolge vorbereitet. Mit auf dem Balkon oberhalb des Kim-Il-sung-Platzes stand am Donnerstag auch Kim Jong-ils jüngere Schwester, Kim Kyong-hui. Es wird erwartet, dass auch sie künftig eine wichtige Rolle im Land spielen wird. Die beiden anderen Söhne des Verstorbenen, Kim Jong-nam und Kim Jong-chol, traten bei der Zeremonie am Donnerstag wie schon am Vortag nicht öffentlich in Erscheinung.

Am Mittwoch nahm Nordkorea mit einer pompös inszenierten öffentlichen Beisetzungsfeier Abschied von Kim. Der Sarg mit seinem Leichnam wurde an Zehntausenden teils hemmungslos weinenden Menschen vorbei in einem Autokorso durch Pjöngjang gefahren. Der Diktator, der das Land 17 Jahre lang mit eiserner Faust regierte, starb nach offizieller Darstellung am 17. Dezember infolge eines Herzinfarkts. Unter Kim Jong-ils Herrschaft sind Hunderttausende Nordkoreaner verhungert. Das kommunistische Land ist international isoliert und betreibt ein Atomprogramm. Der Vater Kim Jong-ils, Kim Il-sung, hatte die Dynastie 1948 gegründet. Unter ihm war die Wirtschaft des Landes erfolgreicher als unter seinem Sohn.

Mit Material von dpa/rtr/dapd

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.