Stunden der Angst

An einem einzigen Nachmittag hat der Norweger Anders Breivik fast 100 Menschen umgebracht. Das Protokoll des Doppelanschlags

Berlin. Der 22. Juli ist ein schwarzer Freitag für die 4,9 Millionen Norweger. In wenigen Stunden ermordet Anders Breivik mehr als 90 Menschen und richtet in einem Jugendzeltlager ein unvorstellbares Massaker an. Nur nach und nach kommen die Einzelheiten ans Licht, auch drei Tage nach der Tragödie ist das Bild diffus. Es gleicht einem Puzzle, das durch Augenzeugenberichte, norwegische und internationale Medien allmählich zusammengefügt wird. Doch die Indizien mehren sich, dass es bei der Polizei zu Pannen gekommen ist. Das Protokoll des Attentats:

Freitag, 15.26 Uhr: Ein ohrenbetäubender Knall erschüttert das Osloer Regierungsviertel an einem sommerlichen Nachmittag. Fensterscheiben zerbersten, Splitter, Steine und Trümmer fliegen durch die Luft. Vor den unteren Etagen des 17-stöckigen Regierungsgebäudes, in dem auch Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg sein Büro hat, steigt eine Rauchwolke träge in die Höhe. Schwefelgeruch. In einem Radius von einigen Hundert Metern spüren die Menschen die Erschütterung. Manche denken an ein Gewitter, andere an ein Erdbeben. Auch kilometerweit entfernt hört man noch den Knall.

15.27 Uhr: Panik bricht aus. Die Menschen rennen aus dem Regierungsgebäude, aus dem angrenzenden Energieministerium, aus den nah gelegenen Verlagsgebäuden. Mehrere Zeitungen und Fernsehsender haben hier ihre Redaktionen. Akersgata und Grubbegata, die beiden Straßen westlich und östlich des Regierungskomplexes, gleichen einem Schlachtfeld. Scherben, verbogenes Metall, Steine, Schutt und loses Papier liegen auf der Straße. Viele blutüberströmte Menschen sind zu sehen. Manche sind so schwer verletzt, dass sie von anderen getragen werden müssen. Die Minuten nach der Explosion sind diffus. Polizei und Rettungskräfte müssen sich den Weg zum Unglücksort bahnen. Die Angst vor weiteren Bomben geht um. "Alle haben geweint, viele versuchten hektisch, jemanden per Handy zu erreichen", sagt ein Augenzeuge später dem Nachrichtensender CNN. "Auf der Straße liegen Menschen, die mit Blut bedeckt sind", sagt ein Journalist des norwegischen Radiosenders NRK. Regierungschef Jens Stoltenberg bleibt unverletzt: Er war zum Tatzeitpunkt nicht in seinem Büro.

17.01 Uhr: Rund 40 Kilometer westlich von Oslo steigt Anders Behring Breivik, 32 Jahre alt, vor der kleinen Insel Utøya aus einem Boot. Rund 600 Meter ist sie vom Festland entfernt, dort steht sein grauer Lieferwagen. Utøya ist ein kleines Eiland im Tyrifjord, mit vielen Kiefern bestanden, in der Mitte eine Lichtung. Mehr als 500 Jugendliche zelten hier, die meisten sind zwischen 14 und 18 Jahre alt. Es ist das alljährliche Ferienlager der sozialdemokratischen Jugend AUF. Die Nachrichten aus Oslo sind gerade hier angekommen. Alle werden zusammengerufen. Die Leiter des Lagers wollen die Kinder über das Unglück informieren, die per Handy und Internet von der Explosion in Oslo erfahren haben und um ihre Angehörigen fürchten. Breivik ist von einem Wachmann übergesetzt worden. Er trägt einen Pullover der Polizei, eine kugelsichere Weste und eine schwere Tasche in der Hand.

17.11 Uhr: In Oslo äußert sich die Polizei zum ersten Mal offiziell zu der Explosion. Ja, eine Bombe sei die Ursache gewesen, bestätigen die Beamten. Erste Vermutungen über die Täter werden angestellt. Derzeit sind in Norwegen zwei Verdächtige in Haft, die Terrorpläne für das islamistische Netzwerk al-Qaida geschmiedet haben sollen. Oslo ist verstört - und rätselt. In der Hauptstadt ahnt keiner, dass das nächste, noch viel größere Unglück droht. Auf Utøya beginnt in diesen Minuten das unfassbare Massaker.

Später Nachmittag: Die Zeit verschwimmt. Die Jugendlichen stellen sich um den großen, blonden Beamten, der nach dem Anschlag für Sicherheit auf Utøya sorgen soll. Breivik zieht eine Waffe und schießt. Es ist der Beginn einer endlos scheinenden Jagd, von Todesangst, Panik und unfassbarer Gewalt. Die Jugendlichen laufen. Sie rennen um ihr Leben. Klettern auf Bäume, verschanzen sich in der Toilette, verstecken sich in Felsspalten. Die 15-jährige Elise erzählt, sie habe Schüsse gehört und im ersten Moment gedacht, sie sei sicher. Schließlich steht da ein Mann in Polizeiuniform. Elise versteckt sich hinter dem Felsen, auf dem der Täter steht. "Ich konnte ihn atmen hören", sagt sie. Um 17.27 Uhr soll es den ersten offiziellen Notruf von der Insel gegeben haben, heißt es hinterher. Und es kommt zu einem tragischen Missverständnis: Am Anfang erklärt man den Kindern am Telefon, sie mögen die Leitungen nicht blockieren, sofern ihre Meldung nichts mit dem Anschlag in Oslo zu tun habe.

Wer sich retten kann, muss mit ansehen, wie Breivik die anderen kaltblütig erschießt. Er geht zu jedem Zelt und ermordet Mädchen und Jungen von Angesicht zu Angesicht. Manche stellen sich tot, in der Hoffnung, verschont zu werden. Einige Jugendliche springen in das kalte Wasser, um von der Insel zu schwimmen. Nur weg. Anwohner vom Festland kommen zu Hilfe. Mit Booten fahren sie auf das Wasser und sammeln verängstigte Jugendliche ein.

Früher Abend: Spezialkräfte der Polizei setzten nach Utøya über. Schwarz vermummt, die Waffen im Anschlag. Hubschrauber kreisen über der Insel. Doch Breivik feuert weiter, unbeirrt. Unklar ist, wie lange das Massaker andauert. Die Beamten geben an, nach 40 Minuten auf der Insel angekommen zu sein. Augenzeugen sprechen von bis zu 90 Minuten. Später ist von Pannen die Rede: So habe anfangs weder ein Hubschrauber noch ein Boot für die Polizei bereitgestanden, heißt es am Sonntag. Breivik wird mit Tränengas betäubt und festgenommen. Die Suche nach Opfern und Überlebenden beginnt.

21.44 Uhr: Die Polizei meldet zehn Tote auf Utøya. Sie wird diese Zahl schnell nach oben korrigieren müssen. Islamistischen Terror schließen die Beamten jetzt aus. Breivik ist Norweger, möglicherweise rechtsradikal und mit islamfeindlichen Ansichten.

Sonnabend, 1.09 Uhr: Die Beamten finden einen nicht explodierten Sprengsatz auf der Insel. An diesem Sonnabend sollte auch Ministerpräsident Stoltenberg einen Gastauftritt haben.

8.31 Uhr: Stoltenberg nennt die Ereignisse eine nationale Tragödie. "Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir in unserem Land keine schlimmere Katastrophe erlebt." Die Tat sei "unbegreiflich".

9.22 Uhr: Ein erstes, erschreckendes Ausmaß der Katastrophe zeichnet sich ab. 84 Kinder und Jugendliche sollen Breivik auf Utøya zum Opfer gefallen sein, sieben Menschen starben bei der Explosion in Oslo. Deutlich mehr als anfangs angenommen. Breivik erklärt sich bereit, mit der Polizei zu kooperieren.

13.31 Uhr: Die Polizei nimmt einen zweiten Verdächtigen fest. Wieder wird ein Teil des Regierungsviertels evakuiert. Die Polizei ist sich weiterhin unsicher, ob Breivik allein handelte oder einen Helfer bei seinen Taten hatte.

In der Nacht zu Sonntag: Anders Breivik gesteht die Taten, die er als "grausam, aber notwendig" bezeichnet. Immer neue Details über ihn werden bekannt. So soll er ein mehr als 1500 Seiten langes "Manifest" im Internet veröffentlicht haben. Es handle unter anderem von der Frage, wie Europa sich von Zuwanderern befreien könne, heißt es.

Sonntag, 10.48 Uhr: Breiviks Anwalt erklärt, der 32-Jährige habe seine Taten allein ausgeführt. Als Motiv habe er angegeben, dass er eine Revolution in der norwegischen Gesellschaft anstoßen wollte. Im ganzen Land trauern die Norweger in Gottesdiensten um die Opfer. Der norwegische König Harald V. und Königin Sonja nehmen an einer Zeremonie im Osloer Dom teil.

11.45 Uhr: Bewaffnete Polizisten führen einen Einsatz am Stadtrand von Oslo durch. Die Operation steht im Zusammenhang mit dem Bombenanschlag vom Freitag, teilt ein Sprecher mit. Wie die norwegische Zeitung "Verdens Gang" später unter Berufung auf Anwohner berichtet, werden mehrere Menschen von den Sicherheitskräften aus einem Gebäude herausgeführt und durchsucht. Neben dem Gebäude stünden mehrere verschlossene Container. Die Polizisten hätten versucht, diese zu öffnen, sagen Augenzeugen.

18 Uhr: Die Polizei korrigiert die Gesamtzahl der Todesopfer auf 93, davon sind 86 auf der Insel umgekommen. Breivik soll bei seiner Festnahme "noch über große Mengen Munition" verfügt haben, heißt es. An beiden Tatorten werden noch Menschen vermisst.

Am heutigen Montag wird Anklage gegen Breivik erhoben. Sein Anwalt erklärte, Breivik wünsche bei dem Termin keinen Ausschluss der Öffentlichkeit und wolle seine Motive darlegen. Die Taten habe er seit Jahren geplant.