Teuflische Karriere - Größenwahn und Raffgier

Mit 19 Jahren beging Saddam den ersten Mord - an seinem Lehrer.

Hamburg. Im März 1988 überfliegen irakische Hubschrauber das kurdische Bergstädtchen Halabscha. Aus Tanks versprühen die Maschinen Senfgas. Die Menschen am Boden krümmen sich, schlagen verzweifelt um sich, ersticken unter entsetzlichen Qualen. 5000 Leichen, zumeist Frauen und Kinder, bedecken am Ende die Straßen von Halabscha. Sadam Hussein, der Diktator von Bagdad, hat den aufständischen Kurden ein Signal in jener Sprache zukommen lassen, die er am besten spricht: grausame, tödliche Gewalt. Die ganze Welt empört sich, und sogar in Saddams engstem Führungskreis regt sich Widerstand. Der Polizeichef von Bagdad, Feisal Barat, kritisiert den Giftgaseinsatz öffentlich. Saddam lässt ihn und 28 seiner Mitarbeiter liquidieren. Auf einer Kabinettssitzung in Bagdad verurteilt Gesundheitsminister Rijad Ibrahim den Einsatz von Giftgas und fordert Saddam kühn zum Rücktritt auf. Der Staatschef steht von seinem Stuhl auf und zieht seine Pistole. Dann geht er ruhig zu Ibrahim, reißt dessen Kopf an den Haaren zurück und schießt ihm in den Mund. Die Diskussion ist beendet. Saddam, der die Kriege gegen Iran und Kuwait mit einer Million Toten vom Zaun brach, Massaker an Kurden wie Schiiten befahl und ein Terrorregime sondergleichen im Irak errichtete, erscheint der Welt als blutrünstiger Psychopath. Doch dieser Mann, der von zahlreichen Frauen im Irak als kraftvoll und charismatisch empfunden wird, ist eher ein völlig amoralischer Opportunist, dem es nur um Macht und Überleben geht. Zwar wird er häufig mit Adolf Hitler verglichen, und auch sein Gruß - ausgestreckter rechter Arm mit Handfläche nach oben - ähnelt dem Gruß des NS-Diktators. Doch Hitler war Ideologe, Saddam ist es nicht. Und der Iraker schwelgt im Gegensatz zum eher frugalen "Führer" gern im Luxus. "Hitler war zu weich", sagte er einmal lachend, "von mir wird man das nicht behaupten." Saddam soll die Frucht einer außerehelichen Beziehung seiner Mutter gewesen sein, die noch im achten Monat versucht haben soll, ihr Kind abzutreiben. "Ich trage den Teufel im Leib", hat die Mutter zu Verwandten gesagt. Sie wurde offenbar von ihrem Mann verlassen, so dass der kleine Saddam in der "Obhut" seines Stiefvaters Ibrahim el Hassan, genannt "der Lügner", aufwuchs. Ibrahim pflegte den Jungen brutal zu schlagen und die Mutter anzubrüllen: "Schick ihn weg, er ist der Sohn eines Hundes." Saddam wandte sich daher seinem Onkel zu, Kheirallah Tulfah, einem Kriminellen, der rasch zum Helden des Jungen aufstieg. Kheirallah soll bereits dem jugendlichen Saddam eine Pistole geschenkt und ihm befohlen haben, einen Verwandten zu erschießen. Belegt ist spätestens der Mord an seinem Lehrer, den Saddam als 19-Jähriger beging. Dafür musste er ins Gefängnis. Saddam, dessen Name sinnigerweise bedeutet "Der den Kampf nicht Scheuende", ist seinen Weg an die Spitze der Macht konsequent gegangen - angefangen vom Auftragsmörder, der 1959, gerade 22 Jahre alt, im Dienste der im Untergrund tätigen Baath-Partei ein Attentat auf den irakischen Staatschef Abd el Karim Kassim versuchte. Er scheiterte und floh nach Kairo. Nach seiner Rückkehr wurde er Chef eines Folterkommandos der Baath-Partei und ließ innerhalb weniger Wochen Hunderte Gegner grausam töten. Als Baath 1968 endgültig an die Macht kam, wurde er zunächst zweiter Mann im Staat hinter Präsident Achmed Hassan el Bakr und nach dessen offenbar erzwungenem Rücktritt 1979 selber Staatschef. Nach der Machtergreifung veranstaltete er einen Baath-Kongress und beschuldigte vom Podium aus Dutzende innerparteiliche Rivalen des Verrates. Die völlig Überraschten wurden aus dem Saal geführt und liquidiert. Saddam, der aus Angst vor Attentaten ständig seinen Aufenthaltsort wechselt und bei offizielken Anlässen häufig seine Doppelgänger einsetzt, ist fast pathologisch misstrauisch und vertraut allenfalls seinen Verwandten aus dem Geburtsort Tikrit. Sie hat er auf sämtliche Schlüsselpositionen des Staates gesetzt. Auch seine Leibwächter sind Tikritis. In den letzten Jahren zeigten sich bei Saddam Hussein, der von Ärzten für manisch-depressiv gehalten wird, zudem Anzeichen von Größenwahn. Davon zeugen der unglaubliche Personenkult, den er um sich herum und seine Söhne Udai und Kusai errichtet hat, der Bau zahlreicher prächtiger Paläste sowie der ständige Vergleich seiner Person mit arabisch-mesopotamischen Größen der Geschichte wie Nebukadnezar, der die Juden unterwarf, oder Saladin, der die Christenheere vernichtend schlug. Sein Lebenstraum, Herrscher einer arabischen Großmacht zu werden, die es mit dem Westen aufnehmen kann, dürfte dieser Tage jedoch endgültig zerrinnen.