Plagiats-Affäre

Wie Frau Dr. Koch-Mehrin die FDP in Bedrängnis bringt

Die Staatsanwaltschaft prüft ihre Doktorarbeit. Wächst sich die Plagiats-Affäre zu einem Fall à la Guttenberg aus? Es ist nicht ihr erster Fauxpas.

Heidelberg/Berlin. Kaum hat die FDP die Weichen für ihre personelle Erneuerung gestellt, da steht neues Ungemach ins Haus: Die europapolitische Vorzeigefrau Silvana Koch-Mehrin sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, bei ihrer Doktorarbeit abgeschrieben zu haben. Staatsanwaltschaft und Universität Heidelberg überprüfen den Vorgang. Die Liberalen müssen eine Plagiatsaffäre wie die um den zurückgetretenen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) fürchten. Immerhin gehört die 40-jährige Vertraute des scheidenden FDP-Chefs Guido Westerwelle zu den prominentesten Führungsfiguren der FDP. Für Negativ-Schlagzeilen sorgte die Vizepräsidentin des Europaparlaments aber schon häufiger.

Es war ein anonymer Anruf bei der Universität Heidelberg, der die Sache ins Rollen brachte. Und Plagiatsjäger im Netz stellen Textstellen aus der Doktorarbeit Koch-Mehrins zum Thema „Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik“ zusammen, die angeblich vorschriftswidrig nicht als Fremdtexte gekennzeichnet wurden. Auf diese Weise gewann auch die Guttenberg-Affäre an Dramatik, die Anfang März zum Rücktritt des Ministers führte. Ob es so auch dem FDP-Präsidiumsmitglied Koch-Mehrin ergehen könnte, ist derzeit offen. Und die liberale Politikerin schweigt zu den Vorwürfen.

Immerhin hat Koch-Mehrin, die seit 2004 für die Liberalen im Europaparlament sitzt, schon so manchen Sturm überstanden. Einem breiten Publikum wurde die Wirtschaftswissenschaftlerin und Historikerin bekannt, als sie sich 2006 für den „Stern“ mit nacktem Baby-Bauch ablichten ließ. Seither trat die blonde Frau mit dem strahlenden Lächeln in zahlreichen Talkshows auf und posierte mit oder ohne Kinder für die Fotografen.

Für Ärger selbst in ihrer eigenen Fraktion sorgte die Politikerin 2008, als sie ihren Parlamentskollegen in einem Interview vorwarf, mit einem mehr als lockeren Lebenswandel während der Straßburger Plenartagungen massenhaft Prostituierte anzuziehen. Zwar ruderte Koch-Mehrin schon kurz danach zurück und entschuldigte sich in einem Brief an alle Abgeordneten für ihre Äußerungen. Doch beliebter wurde sie im Europaparlament dadurch nicht.

Zumal viele Parlamentarier der deutschen Liberalen mangelnden Arbeitseifer und häufiges Fehlen sowohl im Plenum als auch in den Ausschüssen vorwarfen. Koch-Mehrin glänze vor allem mit Fotos in Magazinen, nicht aber durch Mitarbeit im Parlament, wurde ihr vorgeworfen. Ein CDU-Europaabgeordneter rechnete vor, dass die Liberale im Haushaltsausschuss des EU-Parlaments vier von fünf Sitzungen schwänze. Die Kritik hätte sie fast um den Posten der Vizepräsidentin im Europaparlament gebracht: Bei der Wahl im Juli 2009 schaffte sie mit einem mageren Ergebnis erst im dritten Wahlgang den Sprung in das Führungsgremium des Hauses.

Doch nicht zuletzt weil Koch-Mehrin den Liberalen zu den beiden EU-Wahlerfolgen von 2004 und 2009 verhalf, ließ die FDP sie nicht fallen. Schließlich verkörpert die ehemalige Geschäftsführerin einer Brüsseler Beratungsagentur das Bild einer jungen, hübschen und erfolgreichen Power-Frau, der es bestens gelingt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Sie vereinbare „in vorbildlicher Weise ihre Aufgabe als Mutter von drei kleinen Kindern mit ihrer Spitzenfunktion im Europäischen Parlament“, lobte Westerwelle seine Parteifreundin im Sommer 2009.

Als der Noch-FDP-Chef wegen schlechter Umfragewerte parteiintern selbst in Bedrängnis geriet, stand ihm wiederum Koch-Mehrin bei: „Personaldebatten vor den Landtagswahlen helfen der Partei überhaupt nicht“, konstatierte sie im Januar. Und auf dem Höhepunkt des Personalgerangels verkündete sie Anfang April trotzig: „Der Stil, in dem die Diskussion um den FDP-Vorsitzenden derzeit geführt wird, gefällt mir nicht.“ Jetzt wird Silvana Koch-Mehrin womöglich selbst wieder Unterstützung aus der FDP benötigen. (AFP)