Plagiat

Universität Heidelberg prüft Vorwürfe gegen Koch-Mehrin

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Die FDP-Politikerin soll für ihre Doktorarbeit abgekupfert haben. Ein Guttenberg-Opfer vermutet einen Ghostwriter hinter dem Plagiat.

Hamburg/Heidelberg. Immer neue Plagiatsvorwürfe halten Deutschlands Hochschulen und die Politik in Atem. Die Universität Bayreuth hat ihren Bericht zur Plagiatsaffäre des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) noch nicht veröffentlicht, da scheint die nächste Doktorarbeit zu platzen. Die renommierte Universität Heidelberg will die Vorwürfe gegen Silvana Koch-Mehrin möglichst rasch aufklären. Der Promotionsausschuss habe am Dienstag seine Arbeit aufgenommen und werde die 227 Seiten umfassende Dissertation der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments nun prüfen, sagte Sprecherin Marietta Fuhrmann-Koch. Die Hochschule habe erst am Montag über die Internetplattform „VroniPlag Wiki“ von den Vorwürfen erfahren. Daraufhin seien Rektorat und Fakultät informiert worden, sagte die Sprecherin. Sollte sich der Verdacht erhärten, werde die „Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ eingebunden. Auch Koch-Mehrin werde um eine Stellungnahme gebeten.

Die Prüfungen geschähen „so schnell wie möglich, aber auch mit der gebotenen Sorgfalt“, sagte Uni-Sprecherin Fuhrmann-Koch. Die Universität habe ein großes Interesse, den Vorgang sehr zügig aufzuklären. Sollte sich der Vorwurf erhärten, müsse sich letztlich die „Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ damit befassen. Die FDP-Europapolitikerin ließ über ihren Sprecher in Brüssel ausrichten, sie wolle sich zu den Vorwürfen nicht äußern – und verwies auf die Universität Heidelberg.

Laut Internetplattform konnten bis Dienstagmittag auf 20 Seiten Plagiate nachgewiesen werden, was mehr als 13 Prozent der gesamten Doktorarbeit Koch-Mehrins ausmacht. Doch diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Ein Beweis für ein Plagiat ist schwer zu führen. Und mitunter überholen die Verdächtigungen den Sachstand. Koch-Mehrin hatte im Jahr 1998 unter dem Titel „Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik“ eine Dissertation über die Lateinische Münzunion verfasst. Zuvor studierte sie von 1990 bis 1995 Volkswirtschaftslehre und Geschichte in Hamburg, Straßburg und Heidelberg.

Die Vorwürfe gegen Koch-Mehrin treffen die Liberalen in einer schwierigen Phase. Als Konsequenz aus den jüngsten Wahlschlappen und den anhaltend schlechten Umfragewerten wird die FDP-Spitze inhaltlich und personell neu aufgestellt. Unter dem designierten Vorsitzenden Philipp Rösler will die FDP verloren gegangenes Vertrauen und Sympathien zurückgewinnen. Koch-Mehrin gilt als eine Hoffnungsträgerin. Die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments ist Mitglied in Präsidium und Bundesvorstand und gehört damit zur obersten Führungsspitze der FDP. Ihr werden Ambitionen auf einen der drei Posten des Vizeparteichefs nachgesagt. Ihr baden-württembergischer Landesverband hat sich allerdings vor wenigen Tagen entschieden, allein Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel zu nominieren.

Als Chefin der FDP-Abgeordneten im Europäischen Parlament ist Koch-Mehrin aber dennoch auch künftig Mitglied in Präsidium und Bundesvorstand. Die Plagiatsjäger von „VroniPlag Wiki“ hatten bereits in der Doktorarbeit Guttenbergs zahlreiche Passagen entdeckt, die von anderen Autoren übernommen waren, als solche aber nicht gekennzeichnet wurden. Nach Aberkennung des Doktortitels und anhaltendem Druck war Guttenberg von allen politischen Ämtern zurückgetreten.

Unterdessen hat die Schweizer Journalistin Klara Obermüller weiterhin nicht die Absicht, wegen der Plagiatsaffäre um Guttenberg zu klagen. „Ich bleibe dabei, dass ich nicht klagen werde“, sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. „Mit fehlt dazu die Zeit und die Motivation.“ Nach Informationen der „Berliner Zeitung“ wird Guttenberg aus dem Kreis der Personen angezeigt, deren Texte er in seiner Doktorarbeit kopiert hatte. „Ich werde Strafantrag gegen Herrn zu Guttenberg stellen“, sagte ein Plagiats-Opfer dem Blatt. Juristen seien derzeit damit befasst, den Strafantrag für die zuständige Staatsanwaltschaft Hof auszuarbeiten.

In seiner Doktorarbeit hatte sich Guttenberg unter anderem auch aus einen Leitartikel Obermüllers in der „Neuen Zürcher Zeitung“ bedient, ohne die Quelle zu nennen. Dafür hatte sich Guttenberg bei der Journalistin entschuldigt. „Damit war die Sache eigentlich für mich erledigt“, sagte Obermüller der dpa. Jetzt habe der Ex-Minister allerdings mit seinem Versuch, die Veröffentlichung eines Prüfberichts der Universität Bayreuth zu verhindern, „wieder ein neues Kapitel“ eröffnet. „Ich bin aber nicht die Einzige, die geschädigt wurde“, sagte die Journalistin und Schriftstellerin. Gäbe es so etwas wie eine Sammelklage in Deutschland, dann könnte das in diesem Fall Sinn machen.

Im Kreis der Plagiats-Opfer herrscht laut „Berliner Zeitung“ Unverständnis über Guttenbergs Absicht, die Veröffentlichung des Prüfberichts der Universität Bayreuth zu verhindern. „Gerade wenn Guttenberg Ambitionen hat, in die Politik zurückzukehren, müsste er alles tun, um so transparent und sauber wie möglich dazustehen“, sagt Obermüller dem Blatt.

„Man möchte gerne wissen, wie diese Arbeit zustande gekommen ist“, sagt der Liechtensteiner Politikwissenschaftler Wilfried Marxer, laut „Berliner Zeitung“ ebenfalls ein Plagiats-Opfer. „In meinem Fall waren es zwei Passagen, die einfach hineinkopiert wurden, ohne Anführungszeichen, ohne Angabe im Literaturverzeichnis.“ Für Marxer kein Kompliment: „Das ist kein Ritterschlag, dafür brauche ich Herrn zu Guttenberg nicht, das ist unstatthaft.“ Der Politikwissenschaftler will nun wissen, ob Guttenberg einen Ghostwriter hatte: „Die Frage ist nur noch, ob er selbst plagiiert hat, oder ob er jemanden hat plagiieren lassen. Beides wäre hochgradig unlauter und nicht standesgemäß.“ (abendblatt.de/rtr/dpa/AFP)

Mit Material von dpa und AFP