Ausbau erneuerbarer Energie gefordert

BDI-Präsident: Industrie für schnellen Atom-Ausstieg

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BDI-Präsident Hans-Peter Keitel sagt, dass die Industrie für einen raschen Atomausstieg sei und fordert einen Ausbau der erneuerbaren Energien.

Hannover. Die deutsche Industrie ist für einen schnellen Ausstieg aus der Atomkraft. Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel, sagte bei einem Wirtschaftsforum vor Beginn der Hannover Messe, dass "keiner hier ist, der dem Satz widerspricht: Ausstieg aus der Atomenergie – so früh wie möglich“. Gleichzeitig forderte Keitel den Ausbau der erneuerbaren Energien. Zudem betonte Keitel, dass das Engagement der öffentlichen Hand und der Wirtschaft jedoch deutlich zulegen müsse, um den "Erneuerbaren“ zum Durchbruch zu verhelfen.

Bemerkbar seien die zu geringen Investitionen aus Sicht der BDI in der gesamten Volkswirtschaft und vor allem in der angestrebten Energiewende. "Wir haben auch vor Japan schon gesagt: Es gibt in Deutschland zu wenig Investitionsbereitschaft“, mahnte Keitel. Trotz der guten Konjunktur müsse die Bundesrepublik darauf achten, demnächst nicht "von der Substanz zehren“ zu müssen.

Der BDI-Präsident sprach sich für eine stärkere Zusammenarbeit von staatlichen und privaten Trägern ("Public Private Partnership“) aus. Speziell in der Energiepolitik müssten den Ankündigungen der Verfechter regenerativer Quellen allerdings auch finanzielle Taten folgen: "Wir werden es ohne zusätzliche Investitionen nicht schaffen.“ Dazu gehörten insbesondere ausreichende Mittel für den Bau neuer Leitungen, Speichertechnologien und den Netzausbau insgesamt.

Der Chef des Energieriesen Eon, Johannes Teyssen, bekräftigte, nach dem "dramatischen Ereignis“ von Fukushima könne man nicht zur Tagesordnung übergehen. Die deutschen Atommeiler blieben aber die sichersten der Welt: "Sie würden sonst keine Stunde weiterlaufen.“ Politik und Gesellschaft müssten bei der Ausstiegsdebatte konsequent sein. "Es ist die Bereitschaft nötig, nicht nur Dinge abzuwählen, sondern neue Dinge zu wählen. Ohne Zumutungen geht es nicht.“

Im Gegensatz zum Konkurrenten RWE hatte Eon angekündigt, nicht gegen das dreimonatige Atom-Moratorium der Bundesregierung klagen zu wollen. Teyssen sagte, er sehe jedoch nach wie vor einen wichtigen Beitrag der Kernkraft zur Reduktion des CO2-Ausstoßes: „Ich werde nicht vorschnell bestimmte Energieformen zu unökologischen erklären.“ Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft erneuerte ihre Kritik am Verhalten der Energiebranche bei der im vergangenen Herbst beschlossenen Laufzeit-Verlängerung für die Atommeiler. „Hier ist ein befriedeter gesellschaftlicher Konsens aufgelöst worden“, sagte die SPD-Politikerin. Sie stimme mit der Industrie aber überein, dass Investitionen in Wind-, Wasser- und Solarkraft zunehmen müssen. Niedersachsens Regierungschef David McAllister (CDU) hielt an seiner Forderung nach einem rascheren Atomausstieg fest. Es sei bei alldem aber unerlässlich, die Skeptiker neuer Hochspannungsleitungen für den Stromtransport aus der Windkraft nicht außen vor zu lassen: „Die Herausforderung ist, die neuen Netze schneller zu planen – und gleichzeitig die Menschen mitzunehmen. Und das wird ohne Erdverkabelung in einigen Regionen nicht gehen.“ Am Abend wollten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Premier François Fillon die Hannover Messe eröffnen. Frankreich ist 2011 Partnerland der weltgrößten Industrieschau. (abendblatt.de/dpa)

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Der Streit um die Zukunft der Atomkraft in Deutschland wird schärfer. Der Präsident des Industrieverbandes BDI, Hans-Peter Keitel, warnt die Bundesregierung vor einem übereilten Ausstieg aus der Nutzung der Kernspaltung: "Wir müssen unglaublich aufpassen, dass in der Diskussion um die Atomenergie unser wirtschaftlicher Erfolg nicht unter die Räder kommt", sagte Keitel dem "Stern". Er kritisierte vor allem die rasche Kehrtwende der Merkel-Regierung.

Die Koalition aus Union und FDP hatte als Konsequenz nach der Atomkatastrophe in Japan vor zwei Wochen beschlossen, dass die sieben ältesten deutschen Atomreaktoren für zunächst drei Monate kurzfristig vom Netz genommen werden müssen. Dies könnte der Auftakt zum endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland sein. Keitel forderte eine "substanzielle Wende" in der Energieversorgung. Ein Atomausstieg aber gelinge "nicht von heute auf morgen", warnte er.

Auch der Chef der bundeseigenen Deutschen Energie-Agentur (Dena), Stephan Kohler, hält den teilweisen Schnellausstieg aus der Atomkraft für problematisch. Im Mai könnten bis zu 13 der insgesamt 17 Atomreaktoren in Deutschland nicht am Netz sein, weil bei einigen Anlagen auch die regelmäßigen Wartungsarbeiten anstünden. Dies könne die Sicherheit der Stromversorgung vor allem in Süddeutschland beeinträchtigen, wo rund zwei Drittel der deutschen Atomkraft-Kapazität installiert seien: "Es reicht nicht aus, einfach Kapazitäten anderer Kraftwerke zu addieren und sich einen Atomausstieg damit schönzurechnen", sagte Kohler dem Abendblatt. "Auch die Stabilität der Netze muss gewährleistet sein. Ohne Atomkraftwerke dürften künftig weit größere Stromtransporte über längere Strecken nötig werden." Von drohenden Stromausfällen sprach Kohler zwar nicht. Es könne aber deutlich schwieriger werden, die gewohnt hohe Stabilität der Stromnetze zu sichern.

Die Anbieter von Ökostrom-Technologien hingegen bekräftigten gestern, dass ein schneller Atomausstieg in Deutschland möglich sei: "Wir können die Kernkraft bis spätestens 2020 ersetzen", sagte Björn Klusmann, Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE). Die Branche werde in diesem Jahr rund 5,5 Milliarden Euro in den Ausbau der erneuerbaren Energien investieren und dies bis zum Jahr 2014 auf 6,2 Milliarden Euro jährlich steigern. Wind- und Wasserkraft, Solarenergie oder Biomasse tragen derzeit rund 17 Prozent zur Stromerzeugung in Deutschland bei. Auch das Öko-Institut geht in einer neuen Studie davon aus, dass bis 2020 alle Reaktoren abgeschaltet werden können, ohne die Stromversorgung zu gefährden. "Die Überkapazitäten in Deutschland sind so groß, dass zehn Reaktoren sofort vom Netz genommen werden können", sagte Charlotte Loreck vom Öko-Institut in Berlin dem Abendblatt. Derzeit seien es neun - neben den sieben Anlagen aus dem Moratorium auch Krümmel und Grafenrheinfeld.

Im havarierten japanischen Kernkraftwerk Fukushima sind vier der Reaktoren weiterhin außer Kontrolle. Jetzt soll versucht werden, die Blöcke mit Planen abzudecken, um den Austritt von Radioaktivität zu stoppen. In Hamburg bereitet sich der Hafen auf verstrahlte Schiffe aus Japan vor.