Debatte um Kernkraft

BDI-Chef: Atomausstieg gefährdet Wohlstand

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Olaf Preuß

BDI-Chef Hans-Peter Keitel warnt Kanzlerin Merkel vor übereiltem Abschalten. Laut Studie des Öko-Instituts kann ab 2020 auf Kernkraft verzichtet werden.

Hamburg. Der Streit um die Zukunft der Atomkraft in Deutschland wird schärfer. Der Präsident des Industrieverbandes BDI, Hans-Peter Keitel, warnt die Bundesregierung vor einem übereilten Ausstieg aus der Nutzung der Kernspaltung: "Wir müssen unglaublich aufpassen, dass in der Diskussion um die Atomenergie unser wirtschaftlicher Erfolg nicht unter die Räder kommt", sagte Keitel dem "Stern". Er kritisierte vor allem die rasche Kehrtwende der Merkel-Regierung.

Die Koalition aus Union und FDP hatte als Konsequenz nach der Atomkatastrophe in Japan vor zwei Wochen beschlossen, dass die sieben ältesten deutschen Atomreaktoren für zunächst drei Monate kurzfristig vom Netz genommen werden müssen. Dies könnte der Auftakt zum endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland sein. Keitel forderte eine "substanzielle Wende" in der Energieversorgung. Ein Atomausstieg aber gelinge "nicht von heute auf morgen", warnte er.

Auch der Chef der bundeseigenen Deutschen Energie-Agentur (Dena), Stephan Kohler, hält den teilweisen Schnellausstieg aus der Atomkraft für problematisch. Im Mai könnten bis zu 13 der insgesamt 17 Atomreaktoren in Deutschland nicht am Netz sein, weil bei einigen Anlagen auch die regelmäßigen Wartungsarbeiten anstünden. Dies könne die Sicherheit der Stromversorgung vor allem in Süddeutschland beeinträchtigen, wo rund zwei Drittel der deutschen Atomkraft-Kapazität installiert seien: "Es reicht nicht aus, einfach Kapazitäten anderer Kraftwerke zu addieren und sich einen Atomausstieg damit schönzurechnen", sagte Kohler dem Abendblatt. "Auch die Stabilität der Netze muss gewährleistet sein. Ohne Atomkraftwerke dürften künftig weit größere Stromtransporte über längere Strecken nötig werden." Von drohenden Stromausfällen sprach Kohler zwar nicht. Es könne aber deutlich schwieriger werden, die gewohnt hohe Stabilität der Stromnetze zu sichern.

Die Anbieter von Ökostrom-Technologien hingegen bekräftigten gestern, dass ein schneller Atomausstieg in Deutschland möglich sei: "Wir können die Kernkraft bis spätestens 2020 ersetzen", sagte Björn Klusmann, Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE). Die Branche werde in diesem Jahr rund 5,5 Milliarden Euro in den Ausbau der erneuerbaren Energien investieren und dies bis zum Jahr 2014 auf 6,2 Milliarden Euro jährlich steigern. Wind- und Wasserkraft, Solarenergie oder Biomasse tragen derzeit rund 17 Prozent zur Stromerzeugung in Deutschland bei. Auch das Öko-Institut geht in einer neuen Studie davon aus, dass bis 2020 alle Reaktoren abgeschaltet werden können, ohne die Stromversorgung zu gefährden. "Die Überkapazitäten in Deutschland sind so groß, dass zehn Reaktoren sofort vom Netz genommen werden können", sagte Charlotte Loreck vom Öko-Institut in Berlin dem Abendblatt. Derzeit seien es neun - neben den sieben Anlagen aus dem Moratorium auch Krümmel und Grafenrheinfeld.

Im havarierten japanischen Kernkraftwerk Fukushima sind vier der Reaktoren weiterhin außer Kontrolle. Jetzt soll versucht werden, die Blöcke mit Planen abzudecken, um den Austritt von Radioaktivität zu stoppen. In Hamburg bereitet sich der Hafen auf verstrahlte Schiffe aus Japan vor.