Italien

2000 Flüchtlinge sind auf Lampedusa eingepfercht

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Die Küstenwache fing auch erste Ägypter vor Sizilien ab. Die kleine Insel Lampedusa gleicht einem Pulverfass. Die EU soll mit der Frontex-Truppe helfen.

Rom/Brüssel. Nach der dramatischen Flüchtlingswelle der vergangenen Tage bleibt die Lage auf der italienischen Flüchtlingsinsel Lampedusa angespannt. Zwar legten zunächst keine weiteren Boote mit Verzweifelten aus Tunesien auf der winzigen Felseninsel südlich von Sizilien an. Doch ist ihr Auffanglager mit 2000 Menschen völlig überfüllt. Konzipiert wurde es für 800. Auf Sizilien landeten erste Immigranten aus Ägypten. Die Behörden auf Lampedusa vergleichen die Lage mit einem Pulverfass. Die Immigranten werden langsam auf andere Flüchtlingszentren auf Sizilien und dem italienischen Festland verteilt. 200 sollten noch am Dienstag über eine eigens für den Notstand eingerichtete Luftbrücke ausgeflogen werden.

Mehr als 5000 Tunesier hatten in den vergangenen Tagen Lampedusa auf der Flucht vor Unruhe und Armut überrannt. Die nur 20 Quadratkilometer große Insel südlich von Sizilien zählt selbst nur 4500 Einwohner. Der Bürgermeister der Insel, Dino de Rubeis, habe ein Alkohol-Ausgabe-Verbot für Immigranten verhängt, um Unruhen vorzubeugen, hieß es in Medienberichten. Der italienische Innenminister Roberto Maroni rechnet mit weiteren Flüchtlingen. Vor allem das „institutionelle Erdbeben“ in Ägypten sei ein Risiko, erklärte der Minister der ausländerfeindlichen Regierungspartei Lega Nord auf einer Sondersitzung in Catania auf Sizilien.

Ein Boot mit Immigranten aus Ägypten landete am Dienstag auf Sizilien. Wie italienische Medien berichteten, fing die italienische Küstenwache den Fischerkahn mit 32 Ägyptern vor Ragusa ab. Einem Teil der Insassen gelang die Flucht. Illegale Einwanderer, die per Boot versuchen, von der ägyptischen Nordküste nach Europa zu gelangen, hat es immer wieder gegeben. Wenn die Einreise misslang, wurden sie von den Italienern meist postwendend per Flugzeug zurück in ihre Heimat geschickt. Im Gegensatz zu Tunesien hat Ägypten die Grenzkontrollen offenbar nicht gelockert, sondern sogar verschärft. Zahlreiche Drogenschmuggler sollen so festgenommen worden sein. Die ägyptische Küstenwache gehört nicht zur Polizei, sondern zur Armee.

Das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR berichtete, mindestens vier Menschen seien bei der Flucht aus Tunesien nach Lampedusa ertrunken. Es werde befürchtet, dass Menschenhändler gerade junge Leute in Tunesien dazu überredeten, ein besseres Leben in Europa zu suchen. UNHCR-Sprecherin Melissa Fleming erklärte, die meisten der mehr als 5000 Flüchtlinge seien junge Männer. Das UNHCR wisse aber auch von mindestens 20 Frauen und mehr als 200 Minderjährigen, von denen die meisten ohne Begleitung seien, sagte Fleming.

Die EU reagierte auf die italienischen Hilfsforderungen. „Wir wollen Italien finanzielle Hilfe gewähren und bereiten einen Einsatz der EU-Agentur Frontex vor“, sagte ein Kommissionssprecher in Brüssel. Die Notfallhilfe könne „sehr rasch“ erfolgen und aus dem europäischen Flüchtlingsfonds kommen. Italien habe ein entsprechendes Hilfegesuch gestellt.

Der italienische Außenminister Franco Frattini sprach sich erneut für einen „Marshallplan“ für Tunesien aus. „Italien ist bereit, Tunesien zu unterstützen – mit Mitteln und über die 800 italienischen Firmen, die bereits in dem nordafrikanischen Land präsent sind“, erklärte Frattini in einem Radiointerview. Am sinnvollsten sei eine „ökonomisch begleitete Rückführung der Flüchtlinge“. Auch hier brauche Italien jedoch die Hilfe Europas. Frattini war am Montag mit dem Chef der Übergangsregierung, Mohamed Ghannuchi, in Tunis zusammengetroffen. Den Vorschlag des italienischen Innenministers Roberto Maroni, das Militär einzusetzen, um die Flüchtlingswelle zu stoppen, hatte Tunis kategorisch abgelehnt. Maroni befürchtete, die Zahl der Flüchtlinge könnte bis auf 80.000 steigen.