Atomruine in Japan

Kühlung in Reaktor in Fukushima vorübergehend ausgefallen

Lesedauer: 7 Minuten

Erst nach einigen Stunden konnte die Kühlung wieder gestartet werden. Nun bedroht der starke Taifun "Songda" das Atomkraftwerk Fukushima.

Tokio. Im japanischen Unglücks-AKW Fukushima sind neue Probleme aufgetreten. In Reaktor fünf fiel vorübergehend die Kühlung aus, wie der Betreiber Tepco am Sonntag mitteilte. Das Kühlsystem habe aber nach einigen Stunden wieder gestartet werden können. Das Unternehmen ging davon aus, dass die zwischenzeitlich angestiegene Temperatur im Reaktor und im Abklingbecken wieder sinkt.

Das Atomkraftwerk war bei dem Jahrhundertbeben am 11. März und dem anschließenden Tsunami schwer beschädigt worden, vor allem die Reaktorblöcke ein bis vier. Die Reaktoren fünf und sechs waren weniger schwer betroffen. In der vergangenen Woche hatte Tepco eingeräumt, dass es nach der Naturkatastrophe in den Reaktoren eins, zwei und drei zu einer Kernschmelze gekommen sei. In dem AKW versuchen Arbeiter noch immer, Strahlenlecks zu schließen und die Kontrolle wiederzuerlangen.

Nun droht weiteres Ungemach. Die Bilder der Wasserstoffexplosionen einiger Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima nach dem starken Erdbeben und dem Tsunami sind noch in den Köpfen der Menschen. Die Explosionen haben Löcher in der Außenwand der Reaktoren hinterlassen. Die Reaktoren seien dadurch nicht ausreichend vor heftige Regefälle und starke Winde geschützt, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf den Betreiberkonzern Tepco. Doch genau diese ziehen gerade in Form eines starken Taifuns Richtung der Atomanlage. Der Taifun "Songda" näherte sich am Sonnabend von der südlichen Inselprovinz Okinawa kommend und droht auch die Katastrophenregion im Nordosten des Landes an diesem Sonntag mit heftigen Regenschauern heimzusuchen.

Um zu verhindern, dass radioaktiver Staub durch Wind und Regen aufgewirbelt und in das Meer und die Luft gelangt, hat Betreiber Tepco in den vergangenen Wochen damit begonnen, Bindemittel um die zerstörten Reaktoren zu streuen. Tepco plant zudem, die Gebäude, die durch die Explosionen undicht sind, abzudecken. Dieses Vorhaben wird jedoch nicht vor Mitte Juni zu realisieren sein. Ein Berater von Regierungschef Naoto Kan wurde von Kyodo mit den Worten zitiert, man werde alles unternehmen, ein weiteres Ausbreiten der radioaktiven Verseuchung durch den sich nähernden Taifun "Songda“ zu verhindern.

Die beiden größten Oppositionsparteien drohen unterdessen Ministerpräsident Naoto Kan in nächster Zeit ein Misstrauensvotum zu veranlassen. Hauptkritikpunkt der politischen Gegner sei angesichts der Natur- und Atomkatastrophe das mangelnde Krisenmanagement des Regierungschefs. Die Liberaldemokratische Partei (LDP) und die Komeito Partei hoffen, eine Rebellion innerhalb Kans regierender Demokratischer Partei (DPJ) zu entfachen. Denn im eigenen Lager Kans regt sich schon seit längerer Zeit wachsender Unmut gegen den Premier. Sein schärfster innerparteilicher Widersacher Ichiro Ozawa goss in einem Zeitungsinterview weiteres Öl ins Feuer: "Ich denke, je eher er ausgewechselt wird, desto besser“, wurde Ozawa zitiert.

Bei seiner Rückkehr vom G8-Gipfel zeigte sich Kan selbst dagegen zuversichtlich gegenüber japanischen Journalisten, ein Misstrauensvotum zu überstehen. Er gehe davon aus, dass seine Partei das Votum geschlossen abschmettern werde.

Unterdessen berichtete die japanische Nachrichtenagentur Jiji Press unter Berufung auf Untersuchungen des Wissenschaftsministeriums, dass im Meeresboden vor der Küste der Provinz Fukushima ungewöhnlich hohe Mengen an radioaktiven Partikeln gefunden worden seien. Bodenproben in einer Tiefe von 126 Metern, rund 30 Kilometer östlich der Atomruine, hätten 320 Becquerel an Cäsium-137 pro Kilogramm enthalten, hieß es.

Die Proben wiesen demnach zudem 260 Becquerel an Cäsium-134 und 2,7 Becquerel an Jod-131 auf. Bei einer regulären Untersuchung vor rund zwei Jahren seien lediglich ein Becquerel an Cäsium-137 gefunden worden. Cäsium-134 sei damals nicht gemessen worden, hieß es weiter. Die jüngsten Proben seien zwischen dem 9. und 14. Mai an 12 Stellen zwischen den Katastrophenprovinzen Miyagi und Chiba genommen worden. (abendblatt.de/dpa)

Kein Vertrauen in Tepco - Angst vor Verstrahlung wächst

Alle zwei Millionen Bewohner der japanischen Katastrophenprovinz Fukushima sollen langfristigen Gesundheitschecks unterzogen werden. Das entschied die Provinzregierung am Freitag. Damit wollen die Behörden den Menschen die wachsenden Sorgen vor der andauernden radioaktiven Verstrahlung nehmen. Derweil schlägt dem Betreiber der Atomruine immer mehr Misstrauen entgegen. Japans Regierung verdächtigt den Tepco-Konzern, Informationen zurückgehalten zu haben.

Zunächst will die Regierung der Provinz Fukushima Fragebögen an alle Bewohner schicken, um ihren Gesundheitszustand zu erfassen. Einzelheiten zu langfristigen medizinischen Untersuchungen müssen noch ausgearbeitet werden. Menschen, die in Gebieten mit relativ hoher Strahlung leben, sollen Ende Juni Blut- und Urintests machen. Am Freitag teilte die Provinzregierung zudem tragbare Dosimeter in allen Kindergärten und Schulen der Provinz aus. Aus dem zerstörten Atomkraftwerk tritt weiter radioaktive Strahlung aus.

Die Regierung verdächtigt den Betreiber Tepco, Informationen zurückgehalten zu haben. Der AKW-Betreiber gab zu, dass das Einpumpen von Meerwasser zur Kühlung des Reaktors 1 kurz nach Beginn der Katastrophe nicht wie zunächst behauptet für etwa eine Stunde unterbrochen worden war. Industrieminister Banri Kaieda kündigte an, untersuchen lassen zu wollen, warum Tepco der Atomaufsichtsbehörde falsche Informationen gegeben habe. Die Behörde wies den Betreiber an, den eingereichten Bericht zu korrigieren.

Betreiber Tepco unter Druck: Feuer in weiterer Atomanlage

Tepco hatte zunächst erklärt, einen Tag nach dem Megabeben und Tsunami vom 11. März Meerwasser in den Reaktor 1 geleitet zu haben. Dann habe man erfahren, dass das Büro des Premierministers Bedenken habe, woraufhin die Pumparbeiten angeblich für 55 Minuten unterbrochen wurden. Nach diesem Bericht kam es zum Streit mit der Regierung. Premier Naoto Kan wies später den Verdacht zurück, er habe das Einstellen der Pumparbeiten befohlen. Nun korrigierte Tepco seine Angaben: Der Chef des AKW, Masao Yoshida, habe vielmehr die Arbeiter angewiesen, in den kritischen Stunden nach dem Tsunami weiter Meerwasser einzupumpen.

Die Regierung hegt den Verdacht, dass dies nicht der einzige Fall von falschen Informationen durch Tepco war. „Es besteht die Möglichkeit, dass da noch mehr ist“, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Er forderte Tepco auf, der Regierung zügig und akkurat die Wahrheit zu berichten.

Derweil hat ein Team von Experten der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA die Atomanlage in Fukushima besichtigt. Die Ergebnisse der Überprüfung sollen Ende Juni vorliegen.

Tepco pumpt noch immer Wasser in die Reaktoren. Der Tsunami hatte die Kühlsysteme zerstört, daraufhin kam es zur teilweisen Kernschmelze. Mit dem Wasser sollen die zum großen Teil geschmolzenen Brennstäbe gekühlt werden. Die riesigen Mengen an nun verstrahltem Wasser behindern die Reparaturarbeiten.