Meinung
Kolumne "Wilde Zwanziger"

Wenn das Smartphone uns Gassi führt

Annabell Behrmann ist Redakteurin des Hamburger Abendblatts.

Annabell Behrmann ist Redakteurin des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Immer mehr Leute lassen sich an die Handykette legen. Ich nicht. Ich habe ja noch meine gute alte Handtasche.

Als ich vergangene Woche durch die Hamburger Innenstadt schlenderte, habe ich wieder einmal festgestellt, wie uncool ich bin. Inzwischen schlingt sich jede hippe, junge Frau eine Kordel um den Hals, an der ihr Handy baumelt. Sei es die Managerin, die sich in der Meetingpause eilig einen Iced Flavored Latte to go bei Starbucks bestellt. Die Hobby-Influencerin, die für ein Foto vor dem Rathaus posiert, um ihre Instagram-Follower von ihrem aufregenden Leben zu überzeugen.

Oder die modebewusste Mutter, die selbst den Kinderwagen auf zehn Zentimeter hohen Pumps vor sich herschiebt. Sie alle tragen statt einer Tasche Handyketten.

Was die Handykette uns erspart

Die Erfindung soll praktisch sein, schon klar. Ständig sind wir in Kontakt mit unserem Handy. Wir nutzen Google Maps, um das nächste Restaurant zu finden. Speichern unsere Einkaufsliste digital. Tätigen Online-Überweisungen. Befriedigen unsere Social-Media-Sucht. Natürlich erspart die Kette einem das lange Wühlen in der unaufgeräumten Frauenhandtasche, in der Handy, Haarbürste, Portemonnaie, Haustürschlüssel, Notizblock und Labello durcheinanderfliegen. Stattdessen ist das Smartphone stets griff- und chatbereit. Wir verpassen garantiert keine Nachricht mehr.

Aber wollen wir das? Für mich symbolisiert die Handykette den endgültigen Kon­trollverlust. Ab jetzt beherrscht und regiert das Smartphone unser Leben. Ein für alle Mal.

Schwanger? So wurde die Handykette geboren

Die Geschichte der Leine, mit der uns das Handy Gassi führt (und nicht umgekehrt!), beginnt vor vier Jahren. Yara Jentzsch Dib arbeitet in einer Filmproduktionsfirma, als sie schwanger wird. Weil sie plötzlich mehr Freizeit hat als früher, beschäftigt sich die Berlinerin mit einem neuen Hobby: Makramee, eine aus dem Orient stammende Knüpftechnik. Nach der Geburt gilt all ihre Aufmerksamkeit dann dem Baby. Nicht selten lässt die junge Mutter ihr Smartphone irgendwo liegen und vergisst es.

Deshalb kauft sie eine Handyhülle, pikst mit einer Nadel Löcher in den Kunststoff und zieht durch zwei Metallringe eine Kordel. Die Handykette ist geboren.

Von da an hängt sich die Erfinderin das Seil um den Hals. Eine Redakteurin von „Neon“ vergleicht das Prinzip mit dem Klettverschlussportemonnaie, das Eltern früher ihren Kindern umgehängt haben, damit sie ihr Geld nicht verlieren. Wie passend.

„Xouxou“ machte eine Million Euro Umsatz mit den Kordeln

Die aus der Not geborene Erfindung von Yara Jentzsch Dib kam nicht nur bei Freunden, sondern auch bei Fremden auf der Straße gut an. Immer mehr orderten Handyketten bei ihr, bis sie mit der Produktion nicht mehr hinterherkam und ihr Start-up-Unternehmen „Xouxou“ vergrößerte. Im vergangenen Geschäftsjahr hat sie eine Million Euro Umsatz mit den Kordeln gemacht. 45.000 Stück hat sie verkauft. Tendenz steigend. Inzwischen haben viele Firmen ihre Idee kopiert.

Einerseits passt die Handykette perfekt in unser Zeitalter. Dass die meisten von uns verdammt süchtig nach ihrem Smartphone sind, gibt zwar niemand gern zu, liegt aber – im wahrsten Sinne des Wortes – auf der Hand. Aus dieser Selbsterkenntnis hat sich in den vergangenen Jahren eine Gegenbewegung entwickelt. Immer mehr Menschen suchen Auswege aus ihrer Abhängigkeit. Sie besuchen Yoga- und Meditationsseminare, malen, wandern, segeln. Sie wollen entschleunigen, abschalten. Nicht ständig erreichbar sein. Sie kehren zurück in die Natur. Doch all diese guten Vorsätze macht die Handykordel zunichte.

iPhone 5 um den Hals? So altbacken wie Turnbeutel von C&A

Hersteller wie Apple, Samsung oder Huawei freut’s. Das Handy wird zum Modeaccessoire. Dabei gilt: je neuer das Modell, desto cooler. Sich ein iPhone 5 um den Hals zu hängen ist ungefähr so altbacken wie einen Turnbeutel von C&A zu tragen. Das neueste iPhone 11 Pro Max hingegen verkörpert die Louis-Vuitton-Tasche unter den Smartphones. Schön groß muss das Gerät sein, ein modernes Design haben. Dazu gibt es die passende Kordel, in verschiedenen Farben, abgestimmt auf jedes Outfit.

Nicht nur weil ich stolze Besitzerin eines Vorvorvorgänger-Handymodells bin, gehe ich nicht mit dem Trend. Ich finde es gruselig zu beobachten, wie Smartphones zunehmend unser Leben diktieren. Um mir eine kleine Auszeit zu gönnen, krame ich lieber etwas länger in meiner guten, alten Handtasche herum.