Meinung
Meine wilden Zwanziger

Blümchen blühen im Hier und Jetzt

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Das Idol meiner Kindheit singt am Strand von Heiligenhafen, und ich singe alles mit. Wie früher? Nein, wie heute.

„Wie ein Boom, Boom, Boom, Boom, Boomerang“, gröle ich mit voller Inbrunst und hüpfe dabei im Sand auf und ab. Ich kann es kaum fassen: Blümchen, das Idol meiner Kindheit, steht bei der 90er-Party am Strand von Heiligenhafen nach 18 Jahren Abstinenz wieder auf der Bühne und performt all die alten Hits. Von „Herz an Herz“ bis „Kleiner Satellit“ kann ich jeden Refrain mitsingen. Vor ungefähr 20 Jahren (o Gott, das klingt gerade wirklich alt) war ich zum ersten Mal auf einem Konzert – von Blümchen. Danach hing ein großes Poster von Jasmin Wagner, die damals deutlich jünger war als ich heute, an meiner Zimmerwand. Hach, die 90er. Mein Jahrzehnt.

Um mich herum tänzeln lauter gleichaltrige Frauen, die ähnlich aufgeregt sind wie ich. Viele von ihnen feiern ihren Junggesellenabschied an der Ostsee und sind sturzbetrunken. Sie tragen neben Schleiern im Haar neonfarbene Kleidung, Tattoo-Ketten und zu große Jeansjacken – so wie früher. Doch irgendwie fühlt sich alles anders an.

Spätestens als der Techno-Beat einsetzt und Blümchen „zum Raven“ aufruft, wünsche ich mir, genauso betrunken wie die angehenden Bräute zu sein. Jasmin Wagner, das einst schüchterne Mädchen von nebenan, animiert in einem kurzen, roten Lackdress und silbernen Overknee-Stiefeln die Menge zum Tanzen – hätte sie solche Outfits früher schon getragen, hätten meine Eltern das Poster aus meinem Zimmer wohl schnell wieder verschwinden lassen. Inzwischen ist Jasmin Wagner kein „Blümchen“ mehr, sondern mit 39 Jahren eine erwachsene Frau. Genau wie wir 90er-Kinder.

Doch so richtig loslassen wollen wir nicht. Wir schwelgen nur zu gern in alten Zeiten, verbinden sie mit der Unbekümmertheit unserer Kindheit, mit unseren Sandkastenfreunden, mit einem Leben ohne ständige Erreichbarkeit, Facebook und Smartphones. Wir sehnen uns nicht selten nach ihnen zurück. Gerade Musik schafft es, diese Gefühle auch nach vielen Jahren wieder in uns aufleben zu lassen – egal zu welcher Generation man gehört. Ob man nun 27 oder 67 Jahre alt ist. Ob man nun die 90er­- oder die 50er-Jahre glorifiziert. Und doch müssen wir einsehen, dass diese Zeit – im Gegensatz zu Blümchens „Boomerang“ – nicht mehr zurückkommen wird. Und das ist auch gut so.

Zu dieser Erkenntnis bin ich spätestens gekommen, als Jenny Berggren von der schwedischen Popgruppe Ace of Base­ verzweifelt versucht hat, das Publikum zum Mitsingen zu bewegen und den größten Hit „All That She Wants“ gleich zweimal am Abend anstimmte. Die 47-Jährige ist genau wie Jasmin Wagner, Alex Christensen und Bellini in die Ostseestadt gekommen, um mit der 90er-Party eine längst vergangene Zeit zu feiern. Doch klar ist: Man kann sich noch so sehr an der Vergangenheit festklammern – niemand kann das Gefühl von damals zurückholen. Zumindest nicht für länger als einen Abend. Lebensabschnitte enden. Die Schule. Das Studium. Die wilden Zwanziger. Die Blümchen-Ära. Aber das Gute daran ist: Dafür beginnen neue, aufregende Kapitel.

Außerdem: Ist es nicht viel schöner, dass jedes Jahrzehnt seine eigenen Geschichten schreibt? Wollen wir sie ernsthaft in die Gegenwart zurückholen? Nehmen wir ihnen damit nicht ihren Zauber? Die 60er stehen für die Hippie-Bewegung. Die 70er verbindet man automatisch mit ABBA. Die 80er wurden von den Tennislegenden Boris Becker und Steffi Graf geprägt. Selbst Menschen wie ich, die diese Jahrzehnte nicht miterlebt haben, kennen ihre Besonderheit.

Natürlich ist es schön, diese Zeiten aufblühen zu lassen. Doch sie waren nicht zwangsläufig besser. Und ersetzen auch nicht das Hier und Jetzt. Das vergessen wir bei aller Nostalgie gern.

An demselben Wochenende der 90er­-Party sind bei der Veranstaltungsreihe „Stars at the Beach“ noch weitere Künstler aufgetreten – wie zum Beispiel Revolverheld. Da ich gerade mit meinem Freund in Heiligenhafen Urlaub gemacht habe, haben wir uns bei dem Konzert hinter der Absperrung mit einer Decke an den Strand gesetzt und der Musik gelauscht. Der aktuelle Song der Band liefert die passende Antwort auf Blümchen. Sie singt: „So wie jetzt, wird’s nie wieder sein/Leb doch einfach im Jetzt/Lass dich endlich aufs Leben ein.“ Wie wahr.