Meinung
Meine wilden Zwanziger

Bitte lesen Sie diese Kolumne bis zum Schluss!

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Das ist nicht selbstverständlich. Viele, auch ich, schaffen es oft nicht, einmal Begonnenes zu Ende zu bringen. Ist das schlimm?

Mitte April habe ich mir im Internet ein Malen-nach-Zahlen-Bild bestellt: Dabei ist das Motiv bereits vorgegeben, der Nachwuchs-Picasso muss nur noch die Flächen farbig ausmalen. Selbst die Farbe, die verwendet werden soll, ist durch eine Zahl innerhalb jedes Feldes festgelegt. Idiotensicher. Eine Freundin von mir probierte es gerade aus. Sie sagte, es habe etwas Meditatives, und man könne wunderbar vom Alltag abschalten. Ja, so war es tatsächlich. Als ich mit dem Ausmalen angefangen habe, war ich so euphorisiert, dass ich es kaum abwarten konnte, nach der Arbeit nach Hause zu kommen und weiterzumachen.

Fünf Monate später liegt das Bild in meiner Wohnung auf dem Fußboden. Unberührt. Vernachlässigt. Und vor allem unfertig. Auf der Zielgraden ist mir die Lust vergangen. Deswegen hat der Sonnenuntergang im Meer nun weiße Flecken. Künstlerische Freiheit, könnte man das nennen – oder akute Faulheit. Seit Wochen nehme ich mir vor, das Bild endlich zu Ende zu malen. Mein Freund hat schon gedroht, „den Staubfänger“ wegzuschmeißen. Jedes Mal, wenn ich die Leinwand mit den Farbtöpfen am Boden liegen sehe, befällt mich das schlechte Gewissen. Deswegen vermeide ich es hinzusehen. Inzwischen steht sogar eine Zimmerpflanze davor.

Ich bin eine Spezialistin dafür, Dinge nicht zu beenden

Ich bin eine Spezialistin dafür, mit Dingen anzufangen – sie aber nicht zu beenden. Neulich habe ich eine Nachttischlampe gekauft. Nur die Glühbirne lässt immer noch auf sich warten. Die Telefonnummer von dem Handwerker, der hoffentlich unsere Spülmaschine reparieren kann, habe ich schon herausgesucht. Angerufen habe ich ihn allerdings noch nicht. Deswegen spüle ich seit Wochen mit der Hand.

Wir lesen Artikel an, überfliegen sie. Doch bis zum Schluss kommen wir selten. Langweilt uns der Anfang, quälen wir uns nicht bis zum Ende. Dafür fehlen Zeit und Muße. Die Informationsflut lässt uns zu Querlesern werden. Auch wenn ich insgeheim natürlich hoffe, dass Sie die Kolumne komplett lesen (bitte geben Sie jetzt nicht auf!).

Gefallen uns die ersten Takte eines Songs nicht, spielen wir den nächsten. Spricht uns bei Tinder das erste Foto eines Singles nicht an, geben wir dem zweiten keine Chance und swipen weiter. Mögen wir die ersten Folgen einer Serie nicht, brechen wir sie ab und probieren eine neue aus.

Muss man Dinge unbedingt zu Ende bringen?

Wir sind so frei, haben so viele Möglichkeiten – da fällt es schwer, sich für eine Sache zu entscheiden. Vor Kurzem sagte Schriftstellerin Ildikó von Kürthy der „Süddeutschen Zeitung“, sie habe sich von dem Gedanken verabschiedet, dass man Dinge unbedingt zu Ende bringen muss. Ich finde, sie hat recht.

Warum sollte ich ein Buch durchlesen, obwohl mir die Geschichte nicht gefällt? Warum muss ich bei einem schlechten Fußballspiel bis zur letzten Minute im Stadion bleiben, obwohl meine Mannschaft schon 0:3 hinten liegt und ich jegliche Hoffnung auf einen Sieg längst aufgegeben habe? Weil ich sonst ein miserabler Fan bin? Muss ich, bis dass der Tod mich scheidet, mit einem Ehepartner zusammenbleiben, mit dem ich gar nicht glücklich bin? Nur weil ich mit der Hochzeit die gemeinsame Reise begonnen habe? Warum also muss ich mein Bild fertig malen?

Malen-nach-Zahlen-Bilder sollten unbedingt fertig werden

Gut, natürlich gibt es ein paar Dinge, die man unbedingt zu Ende bringen sollte. Diesen Text zum Beispiel. Eine Steuererklärung. Oder Renovierungsarbeiten. Eine halb gestrichene Wand und ein Schrank ohne Türen sehen nämlich doof aus. Kein Weg führt zudem an einem Schulabschluss vorbei. Über ein Studium hingegen lässt sich streiten. Ich bin nicht der Meinung, dass jemand sein Jura-Examen ablegen muss, obwohl er schon im zweiten Semester gemerkt hat, dass er lieber Arzt werden will.

Je länger ich darüber nachdenke, sollte man auch Malen-nach-Zahlen-Bilder unbedingt beenden. Inzwischen bin ich so genervt von diesem unfertigen Sonnenuntergang (und mit jeder Zeile, die ich darüber schreibe, wird es schlimmer), dass ich am liebsten sofort nach Hause fahren und loslegen würde. Bleibt allerdings die Frage, was mit dem Bild anschließend passiert. Als Nachwuchs-Picasso habe ich nicht gerade ein Kunstwerk erschaffen, das man sich gern ins Wohnzimmer hängt. Also wegschmeißen? Egal. Hauptsache, es ist fertig ...