Meinung
Kolumne "Wilde Zwanziger"

Was der Schlüsseldienst mir philosophisch brachte

Annabell Behrmann ist Redakteurin des Hamburger Abendblatts.

Annabell Behrmann ist Redakteurin des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Tür zu, ausgesperrt: Oh, neeeein! Die kleinen Dämlichkeiten des Lebens machen uns fertig. Mich jetzt nicht mehr.

„Oh, neeeein“, stöhne ich und ziehe die Worte dabei so dramatisch lang wie in einer Filmszene à la „Titanic“, als würde Jack für immer im Meer versinken und Rose schluchzend auf ihrem Holzbrett zurücklassen (ich bin übrigens überzeugt davon, dass Platz für zwei auf dem Teil gewesen wäre, aber sei’s drum). „Nein, nein, nein“, wiederhole ich und schaue ungläubig unsere Wohnungstür an, bis auch mein Freund begreift, dass ich den Schlüssel noch nicht eingesteckt hatte, er aber gerade die Tür hat ins Schloss fallen lassen. Zack, haben wir uns ausgesperrt. Spitzenmäßig.

Natürlich haben wir einen besonders ungünstigen Zeitpunkt erwischt. Wenn schon, denn schon. Freunde, mit denen wir just in diesem Moment zum Pizzaessen verabredet sind, haben uns schon eine Stunde vor unserer überaus schlauen Aktion per WhatsApp geschrieben, dass sie ein halbes Schwein auf Toast essen könnten, so einen Hunger hätten sie. Tja, jetzt mussten wir sie anrufen und ihnen beichten, dass es wohl ein bisschen später wird ...

Schlüsseldienst: Nach 15 Minuten gibt die Wohnungstür auf

Glück im Unglück: Der Schlüsseldienst kommt nach wenigen Minuten, bearbeitet mit Plastikkarten, Drähten und Zangen unsere Tür, die nach einer Viertelstunde aufgibt und aufspringt. Einerseits gibt es einem ein sicheres Gefühl, dass sie den Einbruchsversuchen so lange standgehalten hat. Was allerdings beunruhigt, ist die Tatsache, dass keiner der vielen Nachbarn im Mietshaus auch nur irgendetwas mitbekommen hat.

Ja, einmal im Leben muss man sich wohl von zu Hause ausgesperrt haben. Das sollte auf jeder Bucketlist für die zehn größten Dämlichkeiten abgehakt sein. Trotzdem habe ich mir in dem Moment, als die Tür zufiel, gewünscht, in eine Zeitmaschine zu steigen und die Uhr nur ein paar Sekunden zurückzudrehen. Und alles ungeschehen zu machen. Gern hätte ich mir eine zweite Chance erschummelt, um meinen Fehler korrigieren zu können. Kennen Sie das?

Termin auf der Reeperbahn: Haltestelle verpasst

Ähnlich erging es mir am Dienstag. Morgens hatte ich einen Termin auf der Reeperbahn, zu dem ich mit der S-Bahn gefahren bin. Dabei träumte ich so vor mich hin, dass mir erst in Altona aufgefallen ist, dass ich meine Haltestelle verpasst hatte. Prima. Obendrauf kam noch eine Stellwerkstörung –und ich wünschte mir, nicht nur in der Zeit zurückzureisen, sondern mich am besten gleich zum Termin zu beamen.

Natürlich würde ich jeden verschlagenen Matchball beim Tennis gern wiederholen, so lange, bis ich ihn endlich verwandelt habe (das kann durchaus dauern). Auf jeden Schnitt im Finger, jeden Fleck auf dem Kleid und jeden Strafzettel für zu schnelles Fahren hätte ich gut verzichten können. Aber all das sind Kleinigkeiten, Lappalien. Ebenso, wie sich aus der Wohnung auszusperren.

Ich will nicht jeden Fehler rückgängig machen

Aber die wirklichen Fehler im Leben möchte ich nicht rückgängig machen. Ich bin dankbar für jede Freundschaft, die sich später als nicht echt herausstellte. Für jede Beziehung, die scheiterte. Und für jeden harten Arbeitstag, der mich bis an meine Grenzen brachte. All das waren Lektionen in meinem Leben, die mich zu dem Menschen geformt haben, der ich heute bin. Und auch wenn jeder mal in den Spiegel schaut und sich nicht ausstehen kann, bin ich doch ein sehr glücklicher Mensch.

Wer in eine Zeitmaschine steigen und Kapitel in seiner Lebensgeschichte umschreiben möchte, bereut vieles. Am meisten aber ärgert man sich über die Dinge, die man nicht gemacht hat. Im hohen Alter bedauern einige Frauen, dass sie nie eine Ausbildung absolviert haben. Manche Väter haben daran zu knabbern, dass sie zu viel gearbeitet und zu wenig Zeit mit ihren Kindern verbracht haben.

Tür zu? Lappalie!

Mit meinen 27 Jahren blicke ich zwar auf kein langes Leben zurück – aber warum sollte ich mir nicht trotzdem Gedanken darüber machen? Schließlich möchte ich so leben, dass ich nicht ständig darauf hoffen muss, dass endlich ein kluger Kopf eine Zeitmaschine erfindet.

Ich habe mir vorgenommen, mehr den Moment zu genießen, bei einem Glas Wein nicht an den nächsten Morgen zu denken und mich weniger vom Handy ablenken zu lassen. Und vor allem möchte ich mich nicht mehr über Lappalien ärgern – zum Beispiel wenn ich mich mal wieder aus der Wohnung ausgesperrt habe.