Meinung
Meine wilden Zwanziger

Mann, du hast die Gans gestohlen!

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Gib sie wieder her! Hätte ich das sagen sollen? Von einem seltsamen Erlebnis im Hayns Park und der Frage nach Zivilcourage.

Sonnabendmittag, Hayns Park. Ich sitze mit meinem Freund auf einer Bank, löffle ein Himbeereis und beobachte die Umgebung. Ein Mann und eine Frau, schätzungsweise Mitte 30, werfen den Graugänsen auf der Wiese Futter zu. Mein Blick schweift ab. Dann höre ich plötzlich den spitzen Schrei einer Gans – und sehe, wie der Mann mit dem Tier unter dem Arm davonrennt. Seine Komplizin schaut nach links und rechts, läuft ihm dann hinterher.

Wie versteinert sitzen wir auf der Parkbank. Das Duo verschwindet in der Zwischenzeit in die nächste Abzweigung hinter den Bäumen. Nach einigen Sekunden finde ich meine Sprache wieder: „Hat der Typ da etwa gerade eine Gans gestohlen?!“ Die Situation war so absurd – und dennoch hat sie uns keine Ruhe gelassen. Hätten wir eingreifen müssen? Wenn ja, wie? Sollten wir den Mann zur Rede stellen? Oder gar die Polizei rufen: „Entschuldigen Sie, Herr Kommissar. Hier hat jemand eine Gans entführt. Kommen Sie bitte schnell!“

Dabei wussten wir natürlich nicht, was hinter der Aktion steckte. Vielleicht hatte der vermeintliche Dieb beste Absichten, arbeitet für eine Gänse-Auffangstation und wollte nur einen gebrochenen Flügel reparieren. Dann wäre es verdammt peinlich gewesen, den gutherzigen Tierretter mit erhobenem Zeigefinger anzusprechen. Andererseits: Was, wenn es sich um einen Gänsehasser handelte? Zig Hamburgern gehen die Wildgänse, die die Wiesen in den Parks und die Ufer an der Alster vollkoten, gehörig auf die Nerven. Es wäre nicht abwegig, dass ein frustrierter Parkbesucher einen teuflischen Plan in der Hinterhand hat, um eine Gans nach der anderen um die Ecke zu bringen. In diesem Fall hätten wir eingreifen sollen.

Doch dann stellen sich weitere Fragen: Reagiert der Entführer einsichtig? Oder bringe ich mich womöglich selbst in Gefahr, wenn ich den Mund aufmache? Und genau hier liegt das Problem. Wir haben Angst davor, bei anderen Menschen anzuecken, und wollen Konflikte vermeiden. Wir könnten ja abgewiesen werden, uns lächerlich machen und zu sehr aus der Menge herausstechen. Deswegen schweigen wir.

Die gestohlene Gans ist noch ein harmloses Beispiel. Diebe knacken am helllichten Tag ohne Probleme mit einem Bolzenschneider Fahrradschlösser. Fast 13.000 Fahrräder wurden in Hamburg im Vorjahr geklaut – am häufigsten in belebten Regionen rund um die Innenstadt. Wie kann das sein?

Bei einem Einbruch gilt dasselbe: Je auffälliger, desto besser. Wer wie selbstverständlich eine Wohnung leer räumt, am besten die Möbel noch in einen Umzugswagen abtransportiert, wird bei seinen kriminellen Machenschaften garantiert nicht gestört. Denn: Wir vertrauen darauf, dass schon alles seine Richtigkeit hat – auch weil wir hoffen, nicht eingreifen zu müssen.

Schnell landet man so beim Thema Zivilcourage. Dabei muss es sich nicht zwangsläufig um Situationen handeln, in denen Frauen belästigt oder Ausländer von Nazis beschimpft werden. Nein, es können ganz normale Alltagssituationen sein, in denen wir unseren Mund aufmachen sollten. Zum Beispiel werfen viele Menschen immer noch bedenkenlos ihre Zigarettenstummel auf die Straße oder lassen ihren Müll am Badesee liegen. So etwas ärgert mich. Und trotzdem will ich mich nicht wie der Dorfsheriff aufspielen und fremde Leute maßregeln. Das steht mir nicht zu. Dabei ist es grotesk: Zwar dominiert der Umweltschutz derzeit wie kaum ein anderes Thema die Medien und Gespräche im Freundeskreis – und trotzdem schauen wir im täglichen Leben zu häufig weg.

Ich erinnere mich noch an einen Moment aus der Unizeit: In der Mittagspause habe ich mit einigen Kommilitonen eine junge Frau am Straßenrand stehen sehen, völlig aufgelöst und von Tränen überströmt. Metallstangen eines Transporters vor ihr waren in die Windschutzscheibe ihres Autos gerutscht. Mir tat die Situation so leid, dass ich die Fremde am liebsten in den Arm genommen und ihr gesagt hätte, dass alles gut wird. Aber ich habe mich nicht getraut. Aus Angst vor Ablehnung. Mindestens vier Jahre später ärgere ich mich immer noch, dass ich nicht mutig genug war, um auf sie zuzugehen. Dann wäre vielleicht auch die Gans noch am Leben ...