60. Berlinale

Leonardo DiCaprio: "Mit jedem Extrem lerne ich dazu"

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In dem packenden Film von Regisseur Martin Scorsese muss Leonardo DiCaprio in der Rolle eines US-Marshalls echte Abgründe ausloten.

Berlin. Man könnte meinen, Leonardo DiCaprio habe seine Stirn so lange konzentriert gerunzelt, bis er endlich den ersehnten Charakterkopf hatte. Doch aus dem einstigen Mädchenschwarm aus "Titanic" ist auch so längst ein ernst zu nehmender, brillant agierender Schauspieler geworden. Auf der 60. Berlinale stellte der 35-Jährige am Sonnabend zusammen mit Hollywoodregisseur Martin Scorsese den packenden Psychothriller "Shutter Island" vor, der Film läuft im offiziellen Berlinale-Wettbewerb außer Konkurrenz. In den deutschen Kinos startet er am 25. Februar.

Abendblatt: Kompliment. Sie sprechen in "Shutter Island" ein paar Sätze Deutsch. Und Sie schlagen sich wacker. Wollen wir nicht auch das Interview auf Deutsch führen?

Leonardo DiCaprio: Na, so gut kann ich's nun auch wieder nicht.

Abendblatt: Ehrlich, wie gut ist es? Das Deutsch von Sandra Bullock ist viel besser, als sie immer behauptet.

DiCaprio: Es ist okay. Ich kann überleben. Essen bestellen, nach dem Weg fragen und so. Aber ein stimulierendes intellektuelles Gespräch - das wird nicht gelingen.

Abendblatt: Dies ist schon wieder ein Film mit Scorsese. Ist Robert De Niro eigentlich sauer, dass Sie ihn als Scorseses Lieblingsschauspieler abgelöst haben?

DiCaprio: Wir arbeiten einfach unheimlich gern miteinander. Und vertrauen einander. Aber das beste Arbeitsverhältnis der Kinogeschichte ist für mich nach wie vor das von Scorsese und De Niro. Ich bin ein Fan dieser Arbeit. Da gibt es nichts Vergleichbares. Ich habe aber das Glück, auch mit Scorsese arbeiten zu dürfen, von dem ich glaube, er ist der größte Regisseur unserer Zeit. Er kämpft, er lebt für seine Filme. Und bei ihm gibt es nie ein klares Schwarz oder Weiß, er operiert immer in Grautönen.

Abendblatt: Wie finden Sie sich in diese dunklen oder doch dunkelgrauen Seiten ein? Sie loten diesmal ja echte Abgründe aus.

DiCaprio: Solche Extreme kann ich nicht immer spielen, "Shutter Island" ist sicher das Härteste, was ich je gemacht habe. Die Szenen in der Irrenanstalt, dann auch noch im KZ ... Mein Job ist es, eine Figur zu verkörpern. Ich muss das Drama, das sie durchmacht, nicht erlebt haben. In diesem Fall wünschte ich das auch nicht! Es soll auch niemand sagen, er verschmelze ganz mit der Rolle. Glauben Sie keinem, der so was behauptet. Wenn am Set 150 Leute um dich rumstehen und eine Kamera läuft, dann ist das nie real. Aber du musst versuchen, so nah wie möglich heranzukommen, es wahrhaftig zu machen. Und ich bilde mir ein, bei diesem Film habe ich das manchmal geschafft.

Abendblatt: Sie sind jetzt 20 Jahre im Geschäft. Treibt Sie immer noch dieselbe Leidenschaft? Oder hat das abgenommen?

DiCaprio: Es wird eher mehr. Man wird süchtig. Man will immer noch mehr machen, will seine eigenen Helden annullieren. Das hat schon etwas mit Obsession zu tun. Nein, das ist jetzt auch übertrieben. Dann kommen Sie bestimmt gleich mit der Parallele zur Irrenanstalt. Aber sagen wir es mal so: Es gibt da ein starkes Verlangen weiterzumachen. Andererseits: Ich mache das ja wirklich schon eine ganze Weile. Vielleicht sollte ich mich auch mal auf was anderes besinnen. Keine große Pause, kein radikaler Bruch. Aber einfach mal eine kleine Auszeit.

Abendblatt: Wie sähe die bei Leonardo DiCaprio aus?

DiCaprio: Ich würde ganz gewöhnliche Sachen machen, wie alle anderen auch. Zu Hause bleiben. Mit Freunden rumhängen. An Orte fahren, wo ich noch nie war. Alte Filme gucken. Aber ich würde das wahrscheinlich nicht lange durchhalten.

Abendblatt: Haben Sie manchmal Angst zu versagen?

DiCaprio: Nein. Mit jedem Extrem, das du spielst, lernst du ja dazu. Und es gibt auch einen gewissen Trost: Als Schauspieler kannst du nur dein Bestes geben. Was am Ende herauskommt und wie es geschnitten wird, ist Sache des Regisseurs. Du kannst ihm also nur vertrauen. Du hast auch keine Kontrolle darüber, wie die Leute den Film finden, ob sie ihn lieben oder hassen werden.

Abendblatt: Wie etwa bei "The Beach". Was bedeutet es Ihnen, jetzt, zehn Jahre später, wieder auf der Berlinale zu sein?

DiCaprio: Oh, Sie spielen bestimmt darauf an, dass damals alle oder doch sehr viele darauf zu warten schienen, mich scheitern zu sehen. Aber wissen Sie, das ist nicht das Erste, was ich mit Berlin verbinde.

Abendblatt: Sondern was?

DiCaprio: Ich war schon als kleines Kind mit meinen Großeltern hier, das muss so ein, zwei Jahre vor dem Mauerfall gewesen sein. Ich weiß noch, wie ich diesen Kontrast wahrgenommen habe, zwei Welten in einer Stadt, und auch der Wetterumschwung, wenn man drüben war. Sie haben mir die Mauer gezeigt, und ich wollte sie in kindlichem Übermut gleich einreißen. Als die Mauer fiel, war ich nicht in Berlin, aber doch in Deutschland. Ich habe also das Gefühl, in einer historischen Zeit dabei gewesen zu sein. Und ich liebe die Stadt als kulturelles Epizentrum. All die Museen hier ... Wenn mich die Fotografen in Ruhe ließen, würde ich hier schon noch das eine oder andere besuchen.

Abendblatt: Sie bringen stets Ihre Mutter mit auf Premieren. Ist sie bei all dem Rummel um Ihre Person eine Art Anker, um Sie auf dem Boden der Realität zu halten?

DiCaprio: So dramatisch ist das nun auch wieder nicht. Sie geht einfach gern zu solchen Sachen. Und wenn ich die Möglichkeit habe, jemanden mitnehmen zu dürfen, dann tue ich ihr doch den Gefallen. Gerade Berlin: Sie hat Verwandte hier, sie liebt Reisen durch Europa, Sie liebt es, an meinem Leben teilzunehmen. Mag man mich ein Muttersöhnchen nennen: Ich find's cool, dass sie dabei ist.

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