Nacht der Gewalt in Hamburg

Schanzenviertel wehrt sich gegen Randalierer

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Jan-Eric Lindner, Axel Tiedemann

Foto: © Michael Arning

Die Bewohner des Schanzenviertels wollen ein Ende der Gewalt. Die Krawalle dauerten bis um 3 Uhr am Morgen. Es gab 42 Festnahmen.

Hamburg. Ein massiver Polizeieinsatz und die Mithilfe zahlreicher Bewohner des Schanzenviertels haben die Eskalation der Gewalt nach dem Schanzenfest in der Nacht zu Sonntag eingedämmt. Erneut flogen Steine und Flaschen vor allem auf Polizisten, wurden Schaufensterscheiben zerstört und ein Auto angezündet. Doch das Ausmaß der Ausschreitungen blieb hinter den Befürchtungen zurück.

Eine der Ursachen: Viele Bewohner des Szeneviertels wehren sich inzwischen gegen die Krawallmacher . Sie räumten Barrikaden aus dem Weg und löschten Feuer, die Randalierer auf den Straßen entzündet hatten. Das ermöglichte es der Polizei, sich zunächst zurückzuhalten. Viele Kneipen und Cafés auf dem Schulterblatt hatten am Abend des Schanzenfestes geschlossen. In den Fenstern hingen Zettel mit der Aufschrift: "Geschlossen gegen Gewalt". In den Vorjahren hatten sich Gewalttäter häufig unter Schaulustige in den Kneipen gemischt und so vor der Polizei verborgen.

+++ Politische Reaktionen auf die Krawalle nach dem Schanzenfest +++

Bis gegen 22.50 Uhr war das Stadtteilfest weitgehend friedlich geblieben. Dann formierten sich mehrere Hundert junge, teilweise vermummte Randalierer am Neuen Pferdemarkt und bewarfen die dort in Stellung gegangenen Polizisten mit Flaschen und Steinen. Die Reaktion: eine sofortige Räumung des gesamten Schulterblatts, das sonst stets Zentrum der Ausschreitungen ist.

Die Aktivisten der Roten Flora - sie hatten tagsüber Führungen angeboten - schlossen daraufhin die Türen des autonomen Zentrums. Wohl ebenfalls, um den Randalierern keinen Rückzugsraum zu bieten. Die meisten Betreiber der Cafés auf der Piazza hatten schon vorher ihre Bierbänke und Stühle in Sicherheit gebracht. "Der Widerstand gegen den Widerstand wächst", sagt Anwohner Alexander Leinhos, 35. "Die Menschen hier wollen diesen Krawall nicht mehr - das ist eindeutig der Tenor", sagt auch Barbara Stenzel, 59, die seit den 70er-Jahren eine Konditorei im Viertel betreibt. Einhellige Einschätzung vieler Schanzenbewohner: "Die Randale auf der Straße war lange nicht mehr so schlimm wie in den Jahren zuvor."

Ist der Protest der Anwohner ein Zeichen, dass die Gewalt in der Schanze bald ein Ende hat? "Ich fände es toll", sagt die Musikerin Catharina Boutari. Die 35-Jährige hatte ein Spruchband mit einer eindeutigen Botschaft an Randalierer aus dem Fenster gehängt: "Geht woanders spielen".

Nach Einschätzung der Polizei ging die Gewalt ganz überwiegend von Krawalltouristen aus. "Von den 42 Personen, die wir im Verlauf der Ausschreitungen festgenommen haben, kommt keine Einzige aus dem Schanzenviertel", sagt Polizeisprecher Andreas Schöpflin. Es handele sich meist um junge Männer aus anderen Stadtteilen und dem Hamburger Umland. Fast alle seien alkoholisiert gewesen. Unter den Festgenommenen sind nach Angaben der Polizei überdurchschnittlich viele Personen mit Migrationshintergrund.

Der SPD-Innenexperte Andreas Dressel begrüßt die Aktivitäten der Anwohner: "Wieder haben Krawalltouristen die Schanze als Bühne für ihre Gewaltlust missbraucht. Positiv ist, dass es Menschen aus dem Viertel gegeben hat, die deeskalierend eingegriffen haben. Auch dass einige Wirte demonstrativ ihre Kneipen geschlossen hielten, war ein wichtiges Zeichen."

Hamburgs Innensenator Heino Vahldieck (CDU) lobte die Einsatztaktik der Polizei: "Jeder Steinwurf auf einen Polizisten ist einer zu viel, jede eingeschlagene Schaufensterscheibe ist ein Akt sinnloser Zerstörungswut." Trotz der schnellen Räumung des Viertels dauerte der Einsatz der mehr als 2000 Polizisten bis nach 3 Uhr. Am Bahnhof Sternschanze und auf dem Neuen Pferdemarkt griffen Randalierer immer wieder Polizisten an. Elf Beamte und drei Schanzenfestbesucher erlitten leichte Verletzungen, meist Prellungen und Platzwunden.

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