Wirtschaftssenator Ian Karan

Starkoch Wollenberg bezichtigt Hamburger Senator der Lüge

Foto: Johannes Arlt

Starkoch Michael Wollenberg wirft Karan mehrere Lügen vor. Reeder reagieren erbost auf Ian Karans Größenwahn-Vorwurf.

Rotherbaum. Hamburgs neuer Wirtschaftssenator Ian Karan ist durch Äußerungen in seinem ersten Interview mit dem Abendblatt heftig unter Druck geraten. Starkoch Michael Wollenberg bezichtigt den parteilosen Politiker gleich mehrfach, die Unwahrheit gesagt zu haben. Die deutschen Reeder wehren sich gegen Karans Vorwurf, sie würden mit dem Bau immer größerer Schiffe zu "Größenwahn" neigen.

Die Vorwürfe Wollenbergs betreffen alle das legendäre Restaurant Insel am Alsterufer, das Michael Wollenberg einst zu einem ungewöhnlich erfolgreichen Promi-Treff machte. Es geht um einen Kredit in Höhe von 160 000 Euro, der noch aus der Zeit stammt, bevor Wollenberg das Lokal an eine Firma verkaufte, zu deren Eigentümern auch Karan gehört. Der Starkoch hatte für den Kredit gebürgt und soll diesen nun bedienen. Nach seiner Auffassung müssten aber die neuen Eigentümer des Restaurants dafür aufkommen.

Karan hatte im Abendblatt-Interview behauptet, ihm sei von einem Kredit in Höhe von 160 000 Euro "nichts bekannt". Dem widersprechen die Anwälte und führen dazu ihre "umfangreiche Korrespondenz" mit Karan zu dem Thema an.

Zudem hatte der Senator behauptet, die betreffende Firma "Insel am Alsterufer GmbH & Co KG" verkauft zu haben. Das entspricht laut Wollenberg ebenfalls nicht der Wahrheit. "Sie sind immer noch Gesellschafter", schreiben die Anwälte des Starkochs an Karan und belegen dies mit Akten aus dem Handelsregister. Außerdem sei es bei dem angeblichen Verkauf nicht um das Restaurantgebäude selbst, sondern um Firmenanteile gegangen. Sie schließen das vierseitige Schreiben mit dem Satz: "Wir gehen davon aus, dass Sie ein Interesse daran haben, Ihre Behauptungen richtigzustellen."

Das Abendblatt-Interview mit Wirtschaftssenator Ian Karan

Der Brief an Karan enthält aber noch weitere heftige Vorwürfe. Sollte die Firma Insel am Alsterufer GmbH & Co KG im Streit um den 160 000-Euro-Kredit nicht zahlen, will Michael Wollenberg einen Insolvenzantrag über das Firmenvermögen stellen. Dann wird es noch härter: "Ihnen ist seit spätestens März 2010 bekannt, dass die Insel am Alsterufer GmbH & Co KG und deren Komplementärin zahlungsunfähig sind", schreiben die Anwälte an Karan und seine Miteigentümer. Abgesehen davon, dass sich der Geschäftsführer der Firma wegen Insolvenzverschleppung strafbar mache, sei dieser nach Mitteilung der Anwälte für den Schaden, der Wollenberg durch die Verschleppung der Firmenpleite entstehe, haftbar. "Eine entsprechende Anzeige wird unser Mandant erstatten."

Klagefreundlich sind aber offenbar beide Seiten: Auch der Wirtschaftssenator hatte angekündigt, wegen der Vorwürfe juristisch gegen Wollenberg vorgehen zu wollen. "Als Minderheitsgesellschafter hatte ich mit dem eigentlichen Geschäft nur wenig zu tun", so Karan.

Gegenwind erhielt Karan auch für seine Interview-Äußerung über den angeblichen "Größenwahn" der deutschen Reeder, die immer größere Schiffe bauten. "Wir müssen uns überlegen, ob dieser Gigantismus nötig ist, ob man wirklich träumen muss von Schiffen mit 15 000 Containern", hatte der neue Wirtschaftssenator gesagt, der selbst über Jahrzehnte in der Schifffahrtsbranche tätig war.

"Wir sind etwas erstaunt, dass der neue Senator uns vor einem ersten Gespräch Größenwahn vorwirft", sagte ein Sprecher des Verbands Deutscher Reeder (VDR) dem Abendblatt. Bereits heute seien mehr als 100 dieser sehr großen Schiffe im Einsatz. Dies sei ein klares Indiz dafür, dass diese am Markt benötigt würden. "Wer sich dieser Entwicklung verschließt, nimmt in Kauf, dass die zentralen Verkehre künftig in Antwerpen und Rotterdam abgewickelt werden", so der Sprecher.

"Wirtschaftlich gibt es gar keinen Ersatz für die großen Schiffe", sagte Torsten Temp, Vorstand Schifffahrt bei der HSH Nordbank, dem größten Schiffsfinanzierer der Welt. Die Preise pro Stellplatz seien schlicht geringer, je größer das Schiff ist. Das sei besonders im Ost-West-Verkehr bedeutend, also etwa zwischen China und Europa.

Karl Schwinke, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion, forderte Karan auf, nicht abzulenken und keine Reederschelte zu betreiben. "Ich wäre froh, wenn wir das mit der Elbvertiefung hinbekämen. Wir sollten schauen, dass die Schiffe Hamburg anlaufen können, die es schon gibt, auch die der neuen Generation."

Nachdem Karan im Abendblatt Optimismus als Leitmotiv seiner Amtszeit nannte, forderte Elisabeth Baum, wirtschaftspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke, Taten: "Optimismus alleine wird nichts bringen, lassen Sie Taten sprechen. Wir werden Sie beim Wort nehmen, und nach 18 Monaten schauen, wie viele neue Arbeitsplätze, von denen man sicher leben kann, in Hamburg entstanden sind." Hamburgs FDP-Chef Rolf Salo sagte: "Ein integrierter, ökonomischer Ansatz muss sich auch bei Bildung, Wissenschaft, Forschung und Stadtentwicklung niederschlagen."