Streitgespräch

Seilbahn über die Elbe – Fluch oder Segen für Hamburg?

Vor dem Bürgerentscheid am 24. August: Das Abendblatt lud Sabrina Hirche, Gegnerin des Projekts, und Bundestagsabgeordnete Herlind Gundelach zum Streitgespräch an die Landungsbrücken.

St. Pauli. Nur noch 13 Tage, dann entscheiden die Bewohner des Bezirks Mitte über die umstrittene Seilbahn zwischen St. Pauli und den Musicaltheatern auf Steinwerder. Das Angebot des Seilbahnbauers Doppelmayr, mindestens zehn Millionen Euro für soziale Einrichtungen im Bezirk zu spenden, hat die Diskussion weiter angeheizt. Für den Bau kämpft die Bundestagsabgeordnete Herlind Gundelach (CDU) von der Initiative „Hamburger Seilbahn – Ich bin dafür“. Die Angestellte Sabrina Hirche, Initiatorin der Initiative „Keine Seilbahn von St. Pauli über die Elbe“ will sie verhindern. Das Abendblatt lud beide zum Streitgespräch.

Hamburger Abendblatt: Die Investoren Doppelmayr und Stage Entertainment haben mit ihrer Ankündigung, einen Teil der Fahrgeldeinnahmen für den guten Zweck zur Verfügung zu stellen, für viel Diskussionsstoff gesorgt. Ist das ein unmoralisches Angebot?
Herlind Gundelach: Nein. Ich halte das für völlig unproblematisch, weil die Firma Doppelmayr bereits seit 2011 angekündigt hat, einen Teil der Einnahmen für soziale und kulturelle Zwecke im Bezirk Mitte zur Verfügung zu stellen. Sehen Sie es als eine Art Taxe an, die für jede Fahrt entrichtet wird.
Sabrina Hirche: Ich sehe den Zeitpunkt der Ankündigung dieser Zehn-Millionen-Spende schon als problematisch an. Dass dies durch mediale Berichterstattung zeitgleich mit der Versendung der Wahlunterlagen bekannt wurde, hat den Beigeschmack, dass es sich um Stimmenkauf handelt. Meiner Meinung nach wird hier versucht, auf die Entscheidung der Menschen einzuwirken, und das finde ich nicht redlich.
Gundelach: Dass Firmen, die ein großes Projekt umsetzen wollen, auch etwas für einen guten Zweck an die Bürger geben, ist gang und gäbe. Und dass das Geld nur fließen kann, wenn die Seilbahn gebaut wird, ist doch nur logisch, da es an den Verkauf der Tickets gebunden ist. Ich sehe daher auch keine Beeinflussung der Menschen im Bezirk.

St. Pauli sei kein Disneyland, sagen die Gegner der Seilbahn. Welche negativen Auswirkungen befürchten Sie, wenn das Projekt umgesetzt wird?
Hirche: Den St. Paulianern wird schon ziemlich viel zugemutet. Auf dem Kiez findet bereits ein Großteil der Großveranstaltungen in Hamburg statt. Mit der Seilbahn käme ein Dauer-Event hinzu und zwar an eine Stelle, die ohnehin verkehrstechnisch schon stark belastet ist. Die Einstiegshaltestelle ist an der Glacischaussee geplant, die bereits an mehreren Tagen während des Doms gesperrt und als Parkplatz genutzt wird, weil die Besucher eben nicht mit Bus und Bahn anreisen. Ich denke, dass auch die Seilbahnnutzer mit dem Auto kommen werden und dann an dieser Stelle ein Verkehrsinfarkt droht.
Gundelach: Ich glaube nicht, dass mehr Touristen nur wegen einer Seilbahn nach Hamburg kommen und deshalb ist das keine zusätzliche Belastung für den Stadtteil. Auch ein Verkehrsinfarkt ist nicht zu befürchten. Untersuchungen zeigen, dass der Autoverkehr in den Innenstädten eher abgenommen hat. Ich denke, die meisten Seilbahnnutzer werden mit Bus und Bahn anreisen.
Hirche: Da stimme ich Ihnen zu, ich glaube auch nicht, dass Touristen nur wegen der Seilbahn nach Hamburg kommen werden. Aber die zusätzlichen 1800 Besucher, die durch das zweite Musicaltheater (Anm. d. Red.: Eröffnung im November) auf Steinwerder Abend für Abend angezogen werden, müssen ebenfalls befördert werden. Für eben diese insgesamt knapp 4000 Musicalbesucher soll die Seilbahn doch hauptsächlich gebaut werden.
Gundelach: Aber das ist doch kein Argument, um gegen die Seilbahn zu sein. Dann hätten Sie das zweite Musicaltheater verhindern müssen. Richtig ist, die zusätzlichen Musicalbesucher sind ab Herbst da und werden über die Elbe transportiert werden müssen, und viele gehen vermutlich vorher oder nachher auch auf den Kiez, mit oder ohne Seilbahn.
Hirche: Die Leute könnten doch weiter mit den Hadag-Fähren über die Elbe transportiert werden. Der Hadag entstehen durch die Tatsache, dass Besucher die Seilbahn und nicht mehr die Fähren nutzen, Verluste.
Gundelach: Das stimmt so nicht. Der Hadag entgehen höchstens Mehreinnahmen, weil ein Teil der zusätzlich rund 1800 Besucher mit der Seilbahn fahren wird. Aber ein Großteil wird immer noch mit der Fähre übersetzen oder nur für eine Richtung die Seilbahn nehmen.

Was ist eigentlich der Sinn der Seilbahn?
Gundelach: Im ersten Schritt ist sie im wesentlichen ein Musicalzubringer, weil hier Endstation ist. Aber auch Touristen und die Hamburger werden die Seilbahn nutzen, um den Blick über den Hafen zu genießen. Doch die Grundidee war ja, dieses Verkehrsmittel bis nach Wilhelmsburg weiterzuführen.
Hirche: Frau Gundelach, wie kommen Sie überhaupt darauf, dass es eine Verlängerung bis nach Wilhelmsburg geben wird? Dieses Thema ist doch vom Tisch. Denn es ist ganz klar entschieden worden, dass wegen des Hafenentwicklungsgesetzes keine Seilbahn bis Wilhelmsburg weitergeführt werden darf.
Gundelach: Das stimmt so nicht. Schauen Sie sich die beiden Musicaltheater an. Das ist auch keine hafenkonforme Nutzung, und es gab einen großen Aufschrei vor dem Bau. Aber es wurde eine Sondergenehmigung erteilt. Das wäre auch für eine Seilbahn nach Wilhelmsburg möglich, es darf nur der Hafenbetrieb nicht gestört werden. Der Bau bis Steinwerder ist nur der erste Schritt, und ich halte an einer möglichen Verlängerung bis Wilhelmsburg fest.

Wie wirkt sich der Bau der Seilbahn aus städtebaulicher Sicht aus?
Hirche: Ein riesiger Pylon soll mitten in den Alten Elbpark gebaut werden, der auf Höhe der Tanzenden Türme abschließt und das Hafenpanorama massiv verändert. Sowohl an der Startstelle als auch im Park müssen viele Bäume weichen. Diese Grünanlage ist für die Neustädter und St. Paulianer ein Naherholungsgebiet, das ihnen durch den Bau der Seilbahn genommen werden würde.
Gundelach: Ich sehe den Pylon nicht als Problem an, da dieser sehr filigran ist und am Rande des Parks steht. Als ansprechendes Naherholungsgebiet würde ich den Alten Elbpark nicht bezeichnen. Ich sehe hier überwiegend Menschen, die ihr Bier trinken oder ihren Hund spazieren führen. Dieser Park braucht ein Gesamtkonzept, um wieder attraktiv zu werden und in dieses Gesamtkonzept kann der Bau der Seilbahn gut integriert werden.
Hirche: Ich finde es unglaublich, mit welcher Arroganz die Seilbahn-Befürworter über den Alten Elbpark sprechen. Ich bin hier aufgewachsen, habe dort Fahrradfahren gelernt und im Winter gerodelt. Für die Menschen hier ist er durchaus ein Naherholungsgebiet. Wenn Ihnen das nicht bekannt ist, liegt es wohl daran, dass Sie nicht mit den Menschen gesprochen haben, die in der Umgebung des Alten Elbparks leben und diesen auch nutzen. Und zwar nicht zum Biertrinken. Die Menschen auf St.Pauli und in der Neustadt und in der Nachbarschaft des Elbparks sind gebeutelt genug. Denn aus den gläsernen Gondeln der Seilbahn kann man bei ihnen in die Wohnungen schauen. Das erinnert mich doch sehr an einen Zoo.
Gundelach: Die Streckenführung ist so ausgelegt, dass man keinem in die Wohnung schauen kann. In einer Großstadt führt man keine Seilbahn an Balkonen vorbei.

Welches sind Ihre wichtigsten Argumente für beziehungsweise gegen eine Seilbahn?
Hirche: Die Seilbahn zerstört ein wichtiges Naherholungsgebiet und historische Stadtgrenzen. Die Einstiegshaltestelle soll an eine verkehrstechnisch zu belastete Stelle und erzeugt einen Verkehrsinfarkt. Wir Bürger haben keinen Nutzen von dieser Musical-Seilbahn, die kein Verkehrsmittel nach Wilhelmsburg ist.
Gundelach: Es ist ein modernes, leises und besonders umweltfreundliches Verkehrsmittel, mit dem binnen einer Stunde bis zu 3000 Menschen über die Elbe transportiert werden können. Die Seilbahn ist eine Chance für Hamburg als Transportmittel der Zukunft.