Hamburgs bester Stadtteil

Neugraben-Fischbek – reizendes Aschenputtel nah an der City

Mal kurz aus der
Haustür – und
schon ist man
hier mitten in der
Idylle der Fischbeker Heide, wo
einer der schönsten Wanderwege
Deutschlands
startet.

Mal kurz aus der Haustür – und schon ist man hier mitten in der Idylle der Fischbeker Heide, wo einer der schönsten Wanderwege Deutschlands startet.

Foto: picture alliance

Wo ist es in der Stadt am schönsten? 50 leidenschaftliche Plädoyers. Teil 39: Wo Heide, Berge und Stadt so nahe sind.

Hamburg. Bei der Frage nach dem besten Stadtteil Hamburgs, würden wohl wenige spontan mit einem Satz antworten wie: „Na klar, Fischbek-Neugraben!“ Man muss sich schon gut dort auskennen oder eng verbunden fühlen mit einem solchen Aschenputtel-Stadtteil, um ihn wirklich so zu schätzen. Wie bei der Märchenfigur täuscht das an manchen Stellen etwas schlichte Kleid dieser südwestlichen Ecke Hamburgs eben über den tatsächlichen Liebreiz leicht hinweg: Selbst das offizielle Stadtportal hamburg.de schreibt da nämlich von einem „baulich teilweise missglückten Ortszentrum“. Und die Geschosssiedlungen der 70er-Jahre hier sind auch nicht gerade das, was man als urbane Sehnsuchtsorte beschreiben würde. Aber geschenkt! Fangen wir mal mit einer anderen Frage an: Gehen Sie gern wandern?

Dann stellen Sie sich einfach vor, Sie würden hier in den Ausläufern der Harburger Berge wohnen, vielleicht irgendwo in einem der vielen Einfamilienhäuser, wo die „reizvolle Hanglage“ Standard ist. Nur wenige Schritte sind es dann bis zur Fischbeker Heide. Die heißt nicht nur so, die ist auch Heide. Mit Wacholderbüschen und Heidschnucken, wie es sich gehört. 773 Hektar groß ist das Gebiet, das nach der Lüneburger Heide als zweitgrößte zusammenhängende Heidefläche des Landes gilt.

Und da es quasi einen nahtlosen Übergang gibt, wohnt man direkt an einem gigantisch großen Wanderareal. So startet fast unmittelbar an einem Parkplatz am Ende der Straße Am Scharlbarg der Heidschnuckenweg, der mehrfach schon zu einem der schönsten Wanderwege Deutschlands gewählt wurde. Eben war da noch Vorstadtsiedlung, dann biegt man hier um eine Ecke und ist mitten drin in der Heide-Idylle. Man könnte nun gut 230 Kilometer bis Celle wandern – oder eben nur ein paar Schleifen am Sonntagnachmittag drehen.

Neugraben-Fischbek: Das sind die Fakten

  • Einwohner: 30.690
  • Davon unter 18: 6168
  • Über 65: 6109
  • Durchschnittseinkommen: 31.101 € (2013)
  • Fläche: 22,5 km²
  • Anzahl Kitas: 14
  • Anzahl Schulen: 6 Grundschulen; 1 Gymnasium; 3 Stadtteilschulen
  • Wohngebäude: 5968
  • Wohnungen: 13.052
  • Niedergelassene Ärzte: 41
  • Straftaten im Jahr 2018: Erfasst: 2112; Aufgeklärt: 1060

Gleichzeitig hat Neugraben-Fischbek mit der S 3 aber auch eine direkte Nabelschnur zur City. 26 Minuten sind es von hier zum Hauptbahnhof. Und diese Mischung aus viel Landschaft und kurzem Weg in das Zentrum macht Neugraben-Fischbek zum interessanten Ort zum Wohnen. Das war schon in den 70er-Jahren so, als hier auf grüner Wiese die Mehrfamilienhaus-Siedlungen entstanden, die später mal als sozialer Brennpunkt galten. Etwa die Sandbek-Siedlung, die heute aber unter größer gewordenen Bäumen fast wieder beschaulich wirkt. Bäume können für Architekten manchmal auch Gnade sein.

Aber man muss solche Siedlungen auch aus ihrer Zeit begreifen. Wer selbst Süderelbe-Eingeborener ist, kennt oft Leute, die dort seinerzeit eingezogen sind. Als junge Familie vielleicht, die sich über die neue und bezahlbare Wohnung freute, die endlich bei Sanitär- und Heizungsanlagen einen modernen Standard bot – was die alten Häuser in Harburg oder Wilhelmsburg oft vermissen ließen. Doch die Konzentration nur auf mehrgeschossige Mietshäuser führte dann später zu Problemen, die mit etlichen sozialen und stadtplanerischen Maßnahmen bis heute bekämpft werden und weitgehend verschwunden sind.

Und es bleibt zu hoffen, dass Stadtplaner daraus gelernt haben. Denn wieder wächst Hamburg, braucht Platz und Wohnungen. Und wieder schaut man dazu auf Neugraben-Fischbek, diesen Stadtteil, der Natur und Stadtnähe ideal zu verbinden weiß. Drei große Neubaugebiete, diesmal mit etlichen Einfamilienhäusern, sind hier in der Planung oder schon im Bau. Um gut 10.000 Einwohner wird Neugraben-Fischbek daher in den nächsten Jahren wachsen, diesmal vornehmlich am Rand des riesigen Moorgürtels, der mit seiner Nähe zur Elbe und dem Alten Land die zweite große Naturfläche mit all ihren Möglichkeiten der Naherholung ist.

Mit recht strengen Gestaltungsvorgaben arbeitet hier die städtische Entwicklungsgesellschaft IBA, die aber auch vergleichsweise günstige Grundstücke anbietet. Das birgt die Chance auf eine architektonisch andere Umsetzung als in den vielen Haussammelsurien im Umland. Und damit auch auf die Chance, dass hier ein schönes Bild von Neugraben Fischbek entsteht. Schöner jedenfalls als der Betoncharme im teils erst in den 1980er-Jahren geschaffenen Ortszentrum. Doch auch dort sind die Bäume mittlerweile höher und überdecken manche Architektursünde.

Und wenn man seinen Aschenputtel-Stadtteil mag, sieht man über solche Äußerlichkeiten schnell hinweg und schaut auf andere Dinge: auf kleine, individuelle Geschäfte etwa, so wie Feinkost Mecklenburg mit seiner großen Käse- und Weinauswahl in der Marktpassage. Oder auf den Wochenmarkt, wo man an drei Tagen in der Woche die Produkte aus dem nahen Alten Land kaufen kann.

„Etwas missglücktes“ Zentrum

Und noch einen Vorteil hat dieses „etwas missglückte“ Zentrum für Neugraben-Fischbek gebracht: Es wurde südlich der B 73 auf einer Fläche errichtet, wo nach dem Krieg größtenteils noch Behelfsheime standen. Der alte Dorfkern von Neugraben wurde daher anders als viele andere alte Siedlungszellen Hamburgs kaum verändert und zeigt sich heute mit einer erstaunlichen Anzahl von alten Strohdachhäusern als größter erhaltener Dorfkern der Stadt. Entstanden sind die beiden früher selbstständigen Dörfer Fischbek und Neugraben übrigens vergleichsweise spät – im 16. Jahrhundert. Zu moorig und schwer war dort der Boden, der erst mit einem „Neuen Graben“ urbar gemacht werden musste.

Und damit kommen wir nun zu dem eher persönlichen Aspekt dieser Hommage für Neugraben-Fischbek, auf den ich bei der Recherche zur Historie gestoßen bin und der mich vermuten lässt, dass ich mit dem Stadtteil tiefer verwurzelt sein könnte als gedacht: Im „Süderelbe-Archiv“ der örtlichen Geschichtswerkstatt kann man auch etwas von dem ersten Neugrabener überhaupt erfahren, der Mitte des 16. Jahrhunderts in einer Urkunde erwähnt wurde. Und der hieß Gödeke Tiedemann.

Neugraben-Fischbek: Das sind die Highlights

1. Segelfliegen

Große, baumlose Heideflächen – das ist ideal, um mit Flugzeugen zu starten und zu landen. Bereits 1910 beobachteten viele Ausflügler, wie in der Fischbeker Heide der Flugpionier Gottlieb Rost mit einem selbst gebauten Flugapparat experimentierte. Heute fliegen dort die Mitglieder des Segelflug-Clubs Fischbek und nehmen auch Gäste mit. Ein Mitflug kostet 35 Euro.

2. Hamburgs höchster Berg

Ganz im südlichen Zipfel des Stadtteils liegt der Hasselbrack, der mit 116 Metern die höchste Erhebung Hamburgs ist. Oben warten sogar Gipfelkreuz und Gipfelbuch auf den Wanderer. Aber Achtung! Aus Naturschutzgründen ist der Weg dorthin nicht ausgeschildert, man muss ihn schon suchen, am besten mit GPS oder Smartphone-Wander-App.

3. Donnerwetter

Neugraben-Fischbek 
Neugraben-Fischbek 

Seit mehr als 30 Jahren ist das „Donnerwetter“ direkt an der B 73 schon ein beliebter Kneipen-Treffpunkt im Stadtteil. Die Gründer wollten damals für Jüngere eine Alternative zu den Clubs in Hamburg schaffen und bauten das ehemalige Schuhgeschäft dazu um. Heute treffen sich dort die Kinder derjenigen, die sich im „Donnerwetter“ kennengelernt haben.