Hamburgs bester Stadtteil

Marmstorf ist unfassbar grün – trotz der "Stadtautobahn"

Ist das bei den Rankings Hamburgs bester Stadtteil? Der historische Marmstorfer Dorfkern mit seinem Kopfsteinpflaster und reetgedeckten Ständerhäusern ist ein malerisches Idyll.

Ist das bei den Rankings Hamburgs bester Stadtteil? Der historische Marmstorfer Dorfkern mit seinem Kopfsteinpflaster und reetgedeckten Ständerhäusern ist ein malerisches Idyll.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Wo ist es in Hamburg am schönsten? Teil 40: Aus diesem idyllischen Tal kann man die Elphilharmonie sehen und abhotten.

Hamburg. Ich gebe es ja zu: Es gab eine kurze Zeit, in der ich Marmstorf für – sagen wir es vorsichtig – ziemlich mittelmäßig hielt. Weder Land noch Stadt, eher beige als bunt, irgendwie zwischen Baum und Borke. Wohl 35 Jahre mag das her sein. Ich war Schüler am Immanuel-Kant-Gymnasium, das damals noch Gymnasium Sinstorf hieß.

Heute lebe ich (wieder) hier. Und zwar mehr als gern. Die jugendliche Verblendung von damals mag man mir verzeihen. Denn genau das, was ich damals ziemlich mittelmäßig fand, weiß ich nun zu schätzen. Marms­torf ist unfassbar grün und doch bestens angebunden, ein Dorf in der Stadt, in das gefühlte Beige von damals mischen sich immer mehr bunte Kinderjacken und Fahrradanhänger.

Selbstverständlich wird Marmstorf nie ein Szenestadtteil sein, in dem sich das Leben auf der Straße abspielt und in dem von morgens früh bis abends spät das Leben tobt. Dafür war es zu lange ein echtes Kuhdorf. 14 reetgedeckte Ständerhäuser stehen noch heute im Umfeld des idyllischen Feuerteiches. Eine Art Gartenstadt entstand in den 1930er-Jahren am Rande des sogenannten Appelbütteler Tals, Villen wurden an den höheren Lagen gebaut.

In den 1960er-Jahren verkauften einige der in Marms­torf ackernden Landwirte dann größere Flächen für den Siedlungsbau. Rund um den im Tal gelegenen historischen Dorfkern – Rom lässt grüßen – entstanden Wohngebiete unterschiedlichster Art und Dichte: Plattenbauten, schnurgerade Reihenhausreihen, weiße Bungalows und luftig aufgereihte Einzelhäuser. Und ja, sogar ein echtes Hochhaus haben wir in Marmstorf. Zwölf Wohnstockwerke hoch ist es – und Bewohner der oberen Etagen genießen einen Blick auf die Elbphilharmonie.

In Marmstorf feiern Abiturienten Norddeutschlands größte Oberstufenparty

Marmstorf, das muss man zum Verständnis des hier verbreiteten Lokalpa­triotismus wissen, ist ein altes Pflaster. Gelegen in einer Niedergebirgslandschaft am Rande der Harburger Berge fanden Archäologen hier Relikte einer eisenzeitlichen Begräbnisstätte. Das Grabinventar ziert heute die Dauerausstellung des Archäologischen Museums.

Es war wohl ein Sachse, der für den Ortsnamen Verantwortung trägt: Marbold oder Maribald soll er geheißen haben, und er hatte offenbar einen guten Geschmack: Dort, wo heute die glücklichsten Hamburger wohnen, gründete er zu Beginn des vorigen Jahrtausends eine Siedlung, die als Marboldesthorp schon im Jahr 1196 urkundlich erwähnt wurde.

Wirklich übel wurde uns am 29. März 1814 mitgespielt. Französische Besatzer brannten das Dorf nieder. Es heißt, die Bauern hätten in der Folge in Erdhöhlen gehaust, bis sie sich wieder Behausungen gezimmert hatten. Doch zurück ins Hier und Jetzt: Beinah ins Allgäu fühlt sich versetzt, wer einen Spaziergang durch das Appelbütteler Tal macht, dessen Bebauung eine Bürgerinitiative Gott sei Dank zu verhindern wusste.

Hochland- und Gallowayrinder grasen hier mit ihrem Nachwuchs auf saftig grünen Almen. Nur einmal im Jahr ist hier die Hölle los: Die Abiturienten des Kant-Gymnasiums organisieren hier seit Jahrzehnten die Ackerfete, Norddeutschlands größte nichtkommerzielle Oberstufenparty.

Marmstorf: Das sind die Fakten

  • Einwohner: 8929
  • Davon unter 18: 1396
  • Über 65: 2519
  • Durchschnittseinkommen: 36.313 € (2013)
  • Fläche: 5,8 km²
  • Anzahl Kitas: 3
  • Anzahl Schulen: 2 Grundschulen; 1 Gymnasium
  • Wohngebäude: 2238
  • Wohnungen: 4285
  • Niedergelassene Ärzte: 8
  • Straftaten im Jahr 2018: Erfasst:366; Aufgeklärt: 146

Und hinter der Kirche, die architektonisch zugegebenermaßen eher nüchtern daherkommt, geht’s für viele Marms­torfer regelmäßig zum Jogging, zur Hunderunde oder zum Spaziergang in den Harburger Stadtpark, der gefühlt ebenso zu Marmstorf gehört wie die an den Stadtteil grenzenden „Dahlen“-Straßen auf Eißendorfer Gebiet.

Bei aller Schönheit gehört natürlich auch der Faktor Komfort zu den Kriterien für einen optimalen Wohnstandort. Beginnen wir bei der Anbindung: Marms­torf hat einen eigenen Autobahnanschluss an der A 7, die „Stadtautobahn“, die in die Hamburger City und zur A 1 führt, beginnt hier, mehrere Buslinien bringen die Marmstorfer morgens in einer Viertelstunde zur S-Bahn, die dann 23 Minuten darauf die City erreicht, was uns gelegentlich den Neid der nordniedersächsischen Nachbarn einbringt.

Und dank der wunderbaren Pisten durch Wilhelmsburg und Hammerbrook haben sportive Marmstorfer Radfahrer die Hamburger Innenstadt in weniger als einer Stunde durchs Grüne erreicht.

Zum Einkaufen muss allerdings kein Marmstorfer sein Revier verlassen: Neben drei Super- und zwei Getränkemärkten haben wir mit Bäcker Becker einen Premium-Brot- und Brötchenlieferanten im Dorf. Der backt sogar „Marms­torfer“, körnig-kernige Brötchen, die man anderswo vielleicht als „Weltmeister“ kennt.

Um Marmstorfer Augen kümmert sich rührend André Berghausen im Einkaufszentrum. Dort gibt es – im beinahe schon kultigen 70er-Jahre-EKZ-Ambiente – auch leckeren Fisch, den unverzichtbaren Budni, eine der zwei Marmstorfer Apotheken, einen Zeitschriften- und Tabakladen, eine Massagepraxis, einen Friseur, frische Blumen, eine Sparkasse und seit Kurzem auch wieder eine kleine Kneipe.

Wer´s gediegener mag, kehrt bei Garten von Ehren an der Maldfeldstraße ein. Von dort werden Bäume in alle Welt verschickt. Dort gibt es Grills, Deko und Gartenmöbel der gehobenen Art. Und ein ausgesprochen idyllisches Café mit Mittagstisch. Ihre Post holen und bringen die Marmstorfer zu Samo Hiddet. Er betreibt den Marmstorfer Kiosk am Handweg, der nicht nur bei den Kindern des Dorfes beliebt ist.

Ärzte sind in Marmstorf ebenso zu finden wie Spielplätze, Kitas und eine Grundschule mit Vorschul- und Ganztagsbetreuung und einem hoch engagierten Kollegium. Hier lernen alle Marmstorfer Kinder die Schul- und Dorfhymne „Dudidab Marms­torf“. Nicht zu vergessen: Die Elbe-Werkstätten und die Schule Elfenwiese: Einrichtungen, in denen integrative Arbeit für Generationen geleistet wird.

Das reiche Sozialleben im Dorf kanalisieren Schützen, Feuerwehr, Spielmannszug, das Kirchen-Ladencafé Emma, Liederfreunde und Landfrauen. Sie veranstalten Feste wie das Vogelschießen, die „Teichwette“, Flohmärkte und, und, und. Lange fünf Jahre schmerzlich vermisst wurde der Schützenhof im Dorfkern, der nun im Frühsommer als Schützenhof Nova wiedereröffnet wurde und einen von Hamburgs schönsten Biergärten sein Eigen nennt – der im kommenden Jahr noch einladend mö­bliert werden muss. Im jetzt geradezu orientalisch-prunkvollen Ballsaal werden Familienfeste gern auch größeren Ausmaßes gefeiert.

Was fehlt uns also in Marmstorf? Nichts, wenn Sie mich und meine Kinder fragen. Hier kennt man sich, aber man beäugt sich nicht, man ist dicht dran und doch weit genug weg. Wer Hamburgs besten Stadtteil sucht, findet ihn bei uns im Süden.

Marmstorf: Das sind die Highlights

1. Ein Spaziergang

Marmstorf lässt sich am besten zu Fuß entdecken. Als Start empfiehlt sich die Bremer Straße. Durch den Appelbütteler Weg erreicht man das Appelbütteler Tal, Feuerteich und Dorfkern. Dann links und an der Kirche in den Stadtpark. Eine Runde um die Seen – und zurück.

2. Garten von Ehren

Marmstorf 2 (Baumschule)
Marmstorf 2 (Baumschule)

In den Glashallen der Baumschule von Ehren an der Maldfeldstraße gibt es weit mehr als Bäume: edle Gartenmöbel, Luxus-Grills, exotische Pflanzen, Speisen, Weine und richtig guten Kaffee.

3. „tanzt“ Hamburg

In der Tanzschule am Beutnerring lernen (nicht nur) Kinder in familiärer Atmosphäre Ballett, Modern Dance und Hip-Hop.