Jugendgewalt

Bürgerkinder spielen Bürgerkrieg

Sie lassen Steine auf Polizisten prasseln, decken Straßen mit einem Hagel aus Flaschen ein. Aber der Strukturwandel der Schanze ist für sie weder Thema noch Anlass zur Gewalt.

Immer mehr Jugendliche nehmen an den Krawallen in der Schanze ohne politisches Motiv teil. Polizeisprecher Ralf Meyer schätzt, dass unter den 1000 Randalierern am Sonnabend bis zu 600 jugendliche "Gewalttouristen" gewesen seien, die nicht aus Hamburg stammten. "Sie reisen extra an, haben Spaß an der Gewalt", sagt Meyer. Sie sind Bürgerkinder, die Bürgerkrieg spielen wollen.

Der ehemalige Jugendbeauftragte der Hamburger Polizei Derk Langkamp wirft den Jugendlichen vor, schwerste Verletzungen und Schäden in Kauf zu nehmen. Härtere Strafen sieht er als einzigen Ausweg und wirksame Abschreckung. Die heranwachsenden Täter würden aber zu häufig nach Jugendstrafrecht verurteilt werden. "Die dürfen wählen und eine Firma betreiben, aber Verantwortung für ihre Taten müssen sie nicht übernehmen." Auch eine Deeskalationsstrategie helfe nicht. "Mit politisch Motivierten kann man vielleicht noch reden, die anderen aber kommen ja extra nur, um sich zu prügeln."

Die Randalierer, häufig wurfbereit mit der Flasche in der einen und einer Kamera in der anderen Hand, prahlen mit ihren Taten im Internet. "Bullen Auto brennt" oder "Schanzenfest 2009 Beginn der Schlacht" nennen sie ihre Videos auf Youtube. Mehr als 7000-mal wurden diese Videos bis gestern im Internet angeklickt. "Schöne Bilder", kommentiert ein User das brennende Polizeiauto. Ein anderer schreibt: "Das erinnert mich an den 1. Mai in Kreuzberg. Nächstes Jahr fahre ich auf jeden Fall zum Schanzenfest!"

Auch Klausmartin Kretschmer, Besitzer der Roten Flora, ist über die neue Qualität der Ausschreitungen erschrocken. "Da waren viele, die mit diesem Viertel nichts zu tun haben." Ihnen bescheinigt er Realitätsverlust, sie hätten keine Vorstellung davon, was sie anrichten. Stattdessen schadeten sie denen, die konstruktiv zur Gestaltung des Viertels beitragen. Die zunehmende Brutalität macht ihm Angst: "Wann gibt es den ersten Toten?"