Dossier

Hamburg ist die Umwelthauptstadt 2011

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Von der Mülltrennung bis zur Titelverleihung. Die Hansestadt hat es im Umweltschutz in den letzten 30 Jahren weit gebracht. 2011 ist sie Umwelthauptstadt Europas.

Hamburg. Vor 21 Jahren, im November 1990, gab es beim Hamburger Abendblatt eine Premiere: Die erste Umweltseite wurde eingeführt. "Mensch und Umwelt" erschien jeden Donnerstag im Lokalteil. In einem der ersten Aufmacher machten wir die Hamburger mit der bevorstehenden Verpackungsverordnung bekannt, nach der jeder Haushalt ab 1991 den Müll trennen sollte: "Sie haben es in der Hand". Eine ältere Anruferin wollte es nicht glauben: "Wir sollen die Verpackungen extra sammeln?" Ja, die mit dem grünen Punkt. "Muss man den draufmalen, oder wie?"

Umweltschutz beginnt bei den kleinen Dingen im Alltag. Einerseits. Andererseits war er damals schon ein Kampfbegriff, gerade auch am Industriestandort Hamburg. Müll, knappe Deponien, schlechte Luft, hoch belastetes Elbwasser, ständige Verkehrsprobleme, die Hafenerweiterung in Altenwerder, Skandale um die Chemiefirma Boehringer und den "Giftberg" Georgswerder: Umweltthemen waren in den 70er- und 80er-Jahren Dauerbrenner.

Es ist gut, sich daran zu erinnern, wenn Hamburg 2011 Umwelthauptstadt Europas wird. Die ist nicht vom Himmel gefallen. 30 Jahre hat unsere Massengesellschaft gebraucht, um sich bewusster zu werden, welchen erheblichen Effekt unser Konsum, unsere Produktionsweisen, unsere Mobilität, unser Energieverbrauch auf Umwelt und Natur haben. 30 Jahre, in denen um Schadstoffmessungen und Grenzwerte gestritten und Umweltgesetze verabschiedet wurden, oft gegen Widerstand.

Ohne diesen Vorlauf wären Weltklimagipfel unmöglich und erst recht ein Klimaschutzkonzept, wie auch Hamburg es seit 2007 beschlossen hat.

1963 hatten Landwirte aus den Vierlanden zum ersten Mal gegen Gifte aus den Schloten der Norddeutschen Affinerie protestiert. Gerade hatte Nordrhein-Westfalen das erste Immissionsschutzgesetz verabschiedet. Aber das Wirtschaftswachstum sollte ja durch Vorschriften möglichst nicht gebremst werden, nicht hier im Land der Autobauer. Das Auto, referierte der damalige Hamburger Innensenator Helmut Schmidt, sei "das letzte Stück Freiheit für den Mann". Das klingt heute komisch. Damals nicht. Rauchende Schlote und hörbare Auspuffe waren Synonyme für florierende Produktion und wachsenden Wohlstand.

Das Problem war nur die schlechte Luft. Und die schmutzige Elbe. Wissen Sie noch, wie Hamburgs erster Umweltsenator hieß? Wolfgang Curilla (SPD, Amtszeit 1978 bis 1986). Er musste sich nicht nur mit der schier endlosen Sanierung der Chemiefabrik Boehringer herumschlagen, deren Dioxin-Emissionen Siedlungen in Moorfleet unbewohnbar machten. In seine Amtsjahre fiel auch das Ende der Elbfischerei.

1981 wies ein Behörden-Merkblatt die Elbfischer darauf hin, dass 90 Prozent der Aale zu viele chlorierte Kohlenwasserstoffe und 40 Prozent zu viel Quecksilber enthielten. Sie durften nicht mehr in den Handel gebracht werden. Das schockte die Hamburger nun wirklich. Seit Jahrhunderten hatten sie frischen Aal ab Kutter auf dem Fischmarkt gekauft!

Umweltbewusstsein wächst oft mit Gefühlen wie Wehmut oder Wut. Ein Seglerfreund zeigte mir Mitte der 70er-Jahre Fotos von einem Törn nach Pagensand: Strände so schön wie in der Karibik. "Kann man da in der Elbe baden?", fragte ich. "Im Prinzip ja", sagte er, "du darfst bloß den Mund nicht aufmachen."

Für was sollte die Elbe alles herhalten? In der Nacht des 26. Oktober 1976 begannen Bautrupps mitten in der Weseler Elbmarsch bei Brokdorf, ein paar Kuhweiden zu einer Festungsanlage auszubauen: die Geburtsstunde des AKW Brokdorf. Stade ab 1972, Krümmel 1984, Brokdorf 1986: Alle leiteten ihr Kühlwasser in die Elbe.

Noch heute erzählen Hamburger Mittfünfziger ihren Kindern, wie sie bei der großen Brokdorf-Demo 1977 frierend in der Weseler Marsch den Wasserwerfern getrotzt haben. Ohne die Demonstrationen und Bürgerinitiativen hätten wir viele Bürger-Beteiligungsverfahren heute nicht.

Allmählich wurde der Umweltschutz sichtbar und fernsehwürdig. Im November 1980 schafften es junge Hamburger Greenpeace-Aktivisten zum ersten Mal in die "Tagesschau", als sie das Verklappungsschiff "Kronos" am Auslaufen hinderten. Deutschland, das Land der Dichter und Romantiker, bescherte der Welt damals das Wort "Waldsterben". Auf alten VW-Käfern und Enten klebten Buttons: "Atomkraft - Nein danke" oder "Rettet die Wale". Nur hatten die Besitzer bald ein Problem: 1984 beschloss die Regierung Kohl endlich, den in den USA schon erprobten Dreiwege-Katalysator auch hier einzuführen. Bis 1989 musste jeder westdeutsche Pkw einen "Kat" haben.

Dessen Vorteile zeigten sich schlagartig, als 1989 die Mauer fiel: Tausende Trabis tuckerten Kat-los über die Grenze und hüllten die deutsch-deutsche Wiedersehensfreude in friedlich stinkenden Qualm.

Die Wiedervereinigung hat dem Umweltschutz in Deutschland einen entscheidenden Push gegeben. An der DDR war zu sehen was passiert, wenn er sträflich vernachlässigt wird. Allein Hamburgs Partnerstadt Dresden leitete täglich bis zu 180 000 Kubikmeter ungereinigte Abwässer und hochgiftige Reste aus dem Arzneimittelwerk in die Elbe. Gleichzeitig bezogen aber zahlreiche Gemeinden ihr Trinkwasser aus Uferfiltrat. An manchen Missständen war der Westen nicht unbeteiligt. Hamburg zum Beispiel schob immer noch Müll und Klärschlämme auf die Deponie Schönberg ab, obwohl sie nicht gesichert war.

Heute muss Umweltschutz eine höhere Ebene erreichen: systematische Ressourcenschonung und Energie-Effizienz im großen Stil. In Hamburg verfolgen Umweltverbände die Beschlüsse des Senats mit Argusaugen, ob es um Fernwärme aus Moorburg, neue Fischtreppen, Recyclingpapier in Behörden oder das Klimaschutzkonzept der Stadt geht. Nachhaltige Konzepte soll es nicht nur in Vorzeigestadtteilen wie der HafenCity geben, sondern auch in Mümmelmannsberg oder Altona.

In 30 Jahren hat Hamburg viel gelernt. Das Umwelt-Know-how ist groß, mit der TU Harburg hat die Stadt eine international renommierte Kaderschmiede für Umweltwissenschaften. Und es gibt greifbare Erfolge: Man kann wieder Aale aus der Elbe essen. Und in der Elbe baden - sogar mit offenem Mund.