Umwelthauptstadt 2011

Hamburg ist Schlusslicht bei der Mülltrennung

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Rückschlag für die Umwelthauptstadt: Trotz Verordnung wurden seit Beginn des Jahres nur 3000 Biotonnen bei der Stadtreinigung bestellt.

Hamburg. Die große Recycling-Offensive von Umweltbehörde und Stadtreinigung in Hamburg droht zum Flop zu werden. Seit knapp vier Wochen ist es für jeden Hamburger Pflicht, grüne Bio- und blaue Altpapiertonnen aufzustellen - doch die Vorschrift wird weitgehend ignoriert. Lediglich 3000 grüne und 1500 blaue Tonnen wurden seit Beginn des Jahres bei der Stadtreinigung bestellt. Schon bisher ist Hamburg, die "Umwelthauptstadt 2011", mit einem Rekord-Aufkommen von 339 Kilogramm Hausmüll pro Kopf Schlusslicht der deutschen Müllstatistik.

Die knapp 1,8 Millionen Einwohner der Hansestadt wohnen derzeit in 885 000 Haushalten auf 232 144 Grundstücken, die an die Abfallentsorgung angeschlossen sind. Ihnen stehen 56 000 Biotonnen und 110 000 Papiertonnen zur Verfügung. Die jetzt georderten neuen Tonnen bedeuten beim Biomüll einen Zuwachs von 5,35 Prozent, beim Altpapier von 1,36 Prozent. Die Umweltbehörde hat sich zum Ziel gesetzt, die Sammelmenge für Papier bis 2012 um 30 Prozent und die für Biomüll um 70 Prozent zu steigern.

"Die Hamburger müssen lernen umzudenken", sagt Umweltsenatorin Herlind Gundelach (CDU). Lange sei ihnen geraten worden, auch Plastik, Bioabfall und Papier in den Hausmüll zu werfen. "Das war auch in Ordnung, denn wir hatten ausreichend Kapazitäten in den Müllverbrennungsanlagen." Jetzt gehe es aber um Klimaschutz und die Rückgewinnung von Wertstoffen, sagte Gundelach. Denn in Biomüll steckt viel Energie: Aus dem Inhalt einer 550-Liter-Biotonne können rund 14 Kubikmeter Biogas erzeugt werden. Das reicht aus, um Wasser für mehr als 15 Wannenbäder zu erhitzen - klimaneutral und umweltfreundlich.

Eine reduzierte Gebühr für die Biotonne und erhöhte Kosten für die Hausmülltonne sollen die Hamburger zum Umdenken bringen: Wer Papier in die blaue, Hausmüll in die graue, Wertstoffe in die gelbe und organischen Abfall in die grüne Tonne wirft, kann im Jahr bis zu 75 Euro sparen. Die Kosten für eine durchschnittliche Hausmülltonne erhöhen sich dagegen lediglich von 6,15 Euro auf 6,56 Euro im Monat.

"Der finanzielle Anreiz ist hier nicht groß genug", kritisiert Paul Schmid, Sprecher des Hamburger Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). "Die Bequemlichkeit, alles in eine Tonne zu werfen, ist sicherlich vielen Menschen 40 Cent im Monat wert." Auch fehlten Sanktionen gegen Hausbesitzer, die keine zusätzlichen Bio- und Papiertonnen aufstellen wollten. "Eine Verordnung wie diese muss von ordnungspolitischen Maßnahmen begleitet werden", sagte Schmid. Hamburg könnte da von den Kommunen im Umland lernen: Dort bleibt die Hausmülltonne, in der Joghurtbecher liegen, ungeleert, der gelbe Sack, in dem sich Hausmüll oder Papier befinden, wird liegen gelassen.

"Über Sanktionen wollen wir noch nicht sprechen, sondern die Menschen zunächst zum Mülltrennen motivieren", sagt dagegen Reinhard Fiedler, Sprecher der Stadtreinigung. Er sieht die Initiative als Erfolg: Die bisher 3000 neu bestellten Biotonnen seien "deutlich mehr als erwartet". Bislang interessieren sich hauptsächlich Einzelhausbesitzer für die grüne Tonne. In Großsiedlungen hingegen gibt es Verzögerungen. Dafür habe die Stadtreinigung Verständnis, sagte Reinhard Fiedler: "Gerade bei Wohnungsbaugesellschaften bedarf es zur Aufstellung von Wertstofftonnen häufig vorbereitender Aktivitäten, die etwas Zeit kosten."

Lesen Sie dazu auch den Abendblatt-Bericht:

Biotonne ist bisher ein Flop

"Pannen überschatten den Start der Biotonne": Unter dieser Überschrift berichtete die Stormarn-Ausgabe des Abendblatts im Januar 1995 über die Einführung des neuen Behälters für Bioabfall. Damals fehlte es zum Beispiel an Formularen. Mit denen konnte sich vom rechtlichen Zwang zur Biotonne befreien lassen, wer im eigenen Garten einen Komposthaufen hatte. Mittlerweile ist der braune Behälter im Kreis Stormarn akzeptiert. 60 Prozent aller Haushalte haben ihn - eine beachtliche Zahl in einer Region mit vielen Eigenheimen. Und ein Beispiel für Hamburg, wo trotz der ab 1. Januar geltenden Pflicht erst 3000 Biotonnen bestellt wurden.

17.100 Tonnen Abfall haben die Stormarner im vergangenen Jahr in die braune Tonne geworfen, 2009 waren es sogar knapp 18.000 Tonnen. Das von der Einwohnerzahl her achtmal größere Hamburg hat es in jenem Jahr nur auf rund 45.000 Tonnen Bioabfall gebracht. Für die Müllentsorgung müssen die Stormarner übrigens weniger Geld zahlen als die Hamburger. Die Abfallwirtschaft Südholstein, die für die Abfuhr zuständig ist, erhebt keine Grundgebühr, verzichtet allerdings auch darauf, den Preis für die Biotonne künstlich niedrig zu halten. Eine 80-Liter-Kombination aus Restmüll- und Biotonne (zweiwöchige Leerung im Wechsel, keine Transportgebühr) kostet 15,48 Euro im Monat, in Hamburg sind es 16,92 Euro. Beliebt ist in Stormarn auch die 60-Liter-Biotonne, die es in Hamburg nicht gibt. Sogar ein 40-Liter-Behälter wird angeboten.

Das Problem in Hamburg ist, sagt der Vorsitzende des Mietervereins zu Hamburg, Eckard Pahlke: "Nach unseren Erfahrungen lehnen viele Mieter und Vermieter insbesondere die Biotonne ab." Neben den drohenden Mehrkosten für die Umgestaltung der Müllanlage, die auf die Mieter umgelegt werden können, wirke die zu erwartende Geruchsbildung von vergammelndem Biomüll abschreckend. "Die kann bei einer Leerung, die nur alle zwei Wochen erfolgt, beträchtlich sein", so Pahlke. Zwar stinke Biomüll auch, wenn er in die Hausmülltonne geworfen werde - doch befände er sich dann meist in Plastiktüten, geleert werde wöchentlich.

Ein solcher Gegner der Biotonne ist Harald Adorf, der ein Haus mit 20 Mietwohnungen auf der Uhlenhorst besitzt. "Wir sind gegen die grüne Tonne", sagt er. Und das, obwohl Mülltrennung bei ihm großgeschrieben wird: Im Kellerflur stehen dicht an dicht Tonnen für Hausmüll , Wertstoffe und Altglas; auch Papier, Batterien und Medikamente können die Bewohner loswerden. Doch beim Biomüll hört das Umweltbewusstsein für Adorf auf. "Biotonnen stinken und ziehen besonders im Sommer viel Ungeziefer an. Das gilt auch für die Sammelbehälter in den Wohnungen."

Ausgenommen von der Verordnung, Biotonnen aufzustellen, sind Hauseigentümer, die kompostieren, oder diejenigen, wo die Tonne im Keller stehen msste. Das hält selbst die Stadtreinigung für keinen geeigneten Standort für die schwere Biotonne - die ihre Mitarbeiter dann die Kellertreppen hochwuchten müssten. Stattdessen sollen die Biotonnen in Müllanlagen vor den Häusern unterkommen. "Dort können graue Tonnen durch grüne ersetzt werden", sagt Reinhard Fiedler, Sprecher der Stadtreinigung.

Ansonsten müssen schon triftige Gründe vorliegen, um der Wertstoffverordnung zu entgehen. "Einfach zu sagen, ,ich hab keinen Platz' oder ,ich mag keine grünen Tonnen', geht nicht", sagt Fiedler. Er hofft, dass sich die Hamburger von ihrer "Schwerfälligkeit in Sachen Mülltrennung" abbringen lassen. Irgendwann werde man auf die Grundeigentümer zukommen, die keine Tonnen aufgestellt hätten und sie zur Rechenschaft ziehen.