17.08.12

Stress

Wenn das Pendeln die Seele krank macht

Je weiter der Weg zum Job, desto höher das Risiko einer psychischen Erkrankung. Immer mehr Deutsche leiden unter dem Pendeln zum Arbeitsplatz.

Foto: picture alliance / dpa/dpa
Staus wie hier vor dem Elbtunnel Richtung Süden verschärfen den Stress auf dem Arbeitsweg. Über 300 000 Menschen pendeln täglich nach Hamburg
Staus wie hier vor dem Elbtunnel Richtung Süden verschärfen den Stress auf dem Arbeitsweg. Über 300 000 Menschen pendeln täglich nach Hamburg

Hamburg/Berlin. Der Abriss des früheren Messe-Hochhauses unweit des Hamburger Dammtorbahnhofs hat Auswirkungen auf die psychische Befindlichkeit von Tausenden Norddeutschen. Und das hat mit Stress und dem Pendeln zum Arbeitsplatz zu tun. Während der Spezialbagger Teil um Teil des Turms niederreißt, sind Straßen gesperrt, Umleitungen zu anderen verstopften Wegen gelegt, die Hunderttausende Pendler jeden Tag auf dem Weg ins Büro oder zu Kunden passieren. Auch die Radfahrer sind betroffen. An Planten un Blomen vorbei führt eine der Haupteinfallstrecken in die City. Weil viele - genervt vom Dauerstau um Messe, Dammtor, Alster - auf die Bahn umsteigen, werden U- und S-Bahnen sowie Regionalzüge voller. Und gerade bei Bahnkunden liegen die Nerven oft blank.

Ob im Auto, auf dem Rad oder in der Bahn - Pendler sind größerem Psychostress ausgesetzt als Menschen mit geringer Distanz zur Arbeitsstelle . Eine aktuelle Studie der Techniker Krankenkasse hat ergeben, dass Pendler zwar nicht häufiger krank sind als Nichtpendler. Aber die Zahl der psychischen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten ist deutlich höher. Dadurch steigt ihre Zahl der Fehltage im Job stärker als bei Arbeitnehmern mit kurzem Weg zum Büro. Und wer psychisch krank ist, ist das im Schnitt 22,5 Tage lang.

+++ Pendler haben häufiger psychische Beschwerden +++

+++ Wenn die Trennlinie fehlt, leidet die Gesundheit +++

Gestern belegte auch die AOK mit einer Studie ihres wissenschaftlichen Instituts (Wido) den Zusammenhang von Pendeln und seelischen Krankheiten. Wie aus dem Fehlzeiten-Report hervorgeht, leidet jeder fünfte Arbeitnehmer, der beruflich sehr flexibel sein muss, an Erschöpfung und kann in der Freizeit nicht abschalten. 13 Prozent der Befragten litten unter Kopfschmerzen, elf Prozent berichteten von Niedergeschlagenheit. Arbeitnehmer hatten besonders dann psychische Probleme, wenn sich Arbeit und Freizeit schlecht verbinden ließen.

+++ Die Grenze sollte 45 Minuten nicht überschreiten +++

+++ Von der Leyen: Klare Regeln für Handy und Mails +++

Pendler mit langen Strecken haben ein um 20 Prozent höheres Risiko, an psychischen Leiden zu erkranken. Insgesamt sei seit 1994 die Zahl der psychisch Erkrankten um 120 Prozent gestiegen. Von Burn-out seien vor allem Beschäftigte in sozialen Berufen und Frauen betroffen.

Vier von zehn Arbeitnehmern sind Wochenendpendler, fahren täglich mindestens eine Stunde zur Arbeit oder haben ihren Wohnort wegen beruflicher Anforderungen gewechselt. Die Strecke von der Haustür bis zum Arbeitsplatz betrug zuletzt im Schnitt 17 Kilometer. Vor zehn Jahren waren es 14,6 Kilometer. Nach Zahlen des Bonner Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung ist der Arbeitsweg an den Rändern der Ballungszentren wie Hamburg, Frankfurt und Berlin besonders lang.

Die AOK-Studie sieht auch die Vorteile der Flexibilität: So werde Arbeitslosigkeit vermieden oder eine Karrierechance genutzt. Die 7,5 Millionen bei der AOK versicherten Beschäftigten, die bis zu 30 Kilometer zur Arbeit fahren, haben wegen psychischer Erkrankungen allerdings knapp zwölf Millionen Fehltage. Dies seien 9,1 Prozent der Fälle pro 100 Versicherte. Alarmierend für Pendler: Dieser Wert steigt kontinuierlich mit der Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort.

"Flexibilität braucht ihre Grenzen", sagte der Studien-Herausgeber Helmut Schröder. Es sei zwar gut für die Gesundheit, wenn Beschäftigte ihre Arbeit räumlich und zeitlich an die eigenen Bedürfnisse anpassen können. Aber das gelinge oft nicht. Mehr als jeder dritte Erwerbstätige erhalte häufig Anrufe oder E-Mails außerhalb der Arbeitszeit oder leistete Überstunden. Mehr als jeder Zehnte nehme Arbeit nach Hause.

Für eine Strategie zur besseren Gesundheitsvorsorge will die Bundesregierung in diesem Herbst einen Plan vorlegen. Die Unionsfraktion im Bundestag hatte angekündigt, sich verstärkt um die Beschäftigten mit Burn-out kümmern zu wollen.

Burnout-Syndrom
Burnout bedeutet soviel wie "ausgebrannt sein". Ein Burnout-Syndrom bekommen meist Menschen, die über lange Zeit an ihrer Leistungsgrenze arbeiten, sich in ihrem Beruf überengagieren und extrem hohe Erwartungen an sich selbst stellen.
Gerade weil Burnout vor allem ehrgeizige Mitarbeiter trifft, ist deren schleichendes Abgleiten in den Burnout oft nicht erkennbar.
Ausgangspunkt ist oft Überengagement im Beruf, der zum Lebensinhalt wird. Der Betroffene verleugnet seine Bedürfnisse.
Anzeichen sind häufige Flüchtigkeitsfehler, völlige Erschöpfung, chronische Müdigkeit, Energiemangel und Konzentrationsstörungen.
Oft folgt ein reduziertes Engagement, einige Betroffene machen Schuldzuweisungen und werden aggressiv.
Es kann aber auch zu Depressionen und Angststörungen kommen. Die Suchtgefahr steigt.
Wer einem Burnout-Syndrom vorbeugen will, sollte sein Privatleben stärker pflegen, Konfliktstrategien erlernen, häufiger Kompromisse durchsetzen und sich gegen Überforderung im Beruf wehren.
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