10.08.12

Dürreperiode in den USA

Globale Nahrungsmittelkrise könnte weiter eskalieren

Mais, Soja, Weizen: Die Preise für Agrarrohstoffe steigen. Besonders arme Ländern sind betroffen – Spekulanten verschärfen Hungersnöte.

Foto: dpa/DPA
Agrarrohstoffe immer teurer - Weizen
Die Dürre in den USA treibt die Getreidepreise, auch Soja und Weizen werden immer teurer

Frankfurt/Main. Der Maispreis hat zum Wochenausklang ein Rekordhoch erreicht – die Angst vor einer Eskalation der weltweiten Nahrungskrise ist zurück. Die Dürre in den USA treibt die Getreidepreise , auch Soja und Weizen werden immer teurer.

In den von Hunger geplagten Regionen der Welt werden Grundnahrungsmittel dadurch noch unerschwinglicher. Obwohl die jüngste Entwicklung vor allem vom Wetter bedingt ist, rechnen Experten auch langfristig mit weiterem Preisauftrieb. Der könnte dramatische Konsequenzen haben, warnen Hilfsorganisationen.

Schwerste Dürre seit 25 Jahren in den USA

Gefährliche Spekulationsspiele mit Lebensmitteln

Der von der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) veröffentlichte Lebensmittel-Preisindex ist im Juli um sechs Prozent auf 213 Punkte gestiegen. Auch wenn das Barometer von seinem im Februar 2011 erreichten Höchststand von 238 Zählern deutlich entfernt bleibt, sind Entwicklungshelfer besorgt. Denn das aktuelle Niveau des FAO-Index liegt über dem der Ernährungskrise 2008. Damals war es weltweit zu Unruhen gekommen. "Es gibt viele Anzeichen dafür, dass die hohen Lebensmittelpreise in den kommenden Jahren anhalten werden", so die FAO.

"Hohe Nahrungsmittelpreise sind besonders für arme Länder problematisch, die einen Großteil ihrer Nahrungsmittel importieren, wie die große Mehrheit der afrikanischen Staaten", erklärt Ralf Südhoff, Deutschland-Chef des UN World Food Programme (WFP). Erhöhten sich die Einfuhrpreise, werde es für diese Länder schwieriger, ihre Bevölkerung zu ernähren. "Viele Haushalte in Entwicklungsländern geben ohnehin 60 bis 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus."

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Für den jüngsten Anstieg der Lebensmittelpreise ist vor allem das Wetter in den USA verantwortlich. Der größte Mais- und Sojaproduzent der Welt war im Juli mit dem heißesten Monat seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen konfrontiert. Etwa 60 Prozent des Landes sind von der schwersten Dürre seit 25 Jahren betroffen. Der berühmte "Corn-Belt" (Mais-Gürtel), in dem der größte Teil des Mais in den USA angebaut wird, liegt im Epizentrum der Trockenheit.

Die Ernte könnte deshalb in diesem Jahr um etwa ein Drittel geringer ausfallen als geplant. Das knappe Angebot lässt die Preise in die Höhe schießen: Mais hat sich im vergangenen Monat um 23 Prozent verteuert. Auch die Preise für Sojabohnen und Weizen ziehen rapide an, seit Jahresbeginn haben sie über jeweils rund ein Drittel zugelegt. Denn in Südeuropa, den GUS-Staaten und Südamerika sind die Wetterbedingungen ebenfalls ungünstig.

Doch selbst wenn sich die Lage an der Wetterfront wieder entspannen sollte, könnte die Versorgung kritisch bleiben. "Auch langfristig sehen wir die Gefahr einer Verteuerung der Agrarrohstoffe", sagt Eugen Weinberg, Experte von der Commerzbank. Die Ursache dafür sei neben steigenden Produktionskosten die steigende Nachfrage aus den Schwellenländern, wo die Menschen sich auf eine proteinhaltigere Ernährung umstellten.

Es gibt etliche weitere Faktoren, die für steigende Preise sprechen. Das rasante Wachstum der Weltbevölkerung: Laut Daten des UN-Bevölkerungsfonds kommen zu den rund sieben Milliarden jede Sekunde statistisch 2,6 Menschen hinzu. Etwa eine Milliarde Menschen hungern. "Ein weiterer Grund ist die Produktion von Ethanol und Biodiesel, die hauptsächlich aus Mais, Zucker, Palmöl oder Sojabohnen hergestellt werden", so Experte Weinberg. Dazu spielten die steigenden Energiepreise indirekt eine wichtige Rolle bei der Lebensmittelverteuerung.

+++ Foodwatch-Chef: "Spekulanten verschärfen Hungersnöte" +++

Erschwerend hinzu kommt, dass Lebensmittel längst Renditeobjekte sind, auf deren Preisentwicklung viele Finanzanleger zocken. Einer großangelegten Studie ("Die Hungermacher") der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch zufolge beträgt beispielsweise der Anteil der zu spekulativen Zwecken gehaltenen Kontrakte an der weltgrößten Rohstoffbörse in Chicago 80 Prozent. Wegen der ultralockeren Geldpolitik der großen Notenbanken rund um den Globus vagabundiert immer mehr Finanzkapital um den Globus, das unter anderem an die Rohstoffmärkte strömt.

Mit Rohstoffen zocken
Mit Rohstoffen zocken:
Viele Investoren kaufen Agrarrohstoffe wie Weizen oder Mais an den Börsen nicht direkt. Sie entscheiden sich für Anlageprodukte, die lediglich der Preisentwicklung folgen. Trend: steigend.
Diese Derivate (lat. derivare, ableiten) beziehen sich zwar auf einen Basiswert wie etwa ein Lebensmittel, können aber unerwünschte Kursentwicklungen abfedern.
Besonders gefragt sind derzeit Derivate wie Exchange Traded Commodities (ETCs) und Exchange Traded Funds (ETFs).
Darüber investieren Anleger in einen Index, also einen Korb, der Rohstoffwerte umfasst.
Durch den anhaltenden Erfolgszug dieser Indexprodukte ist in den vergangenen Jahren viel Geld an die Rohstoffmärkte geflossen, was die Kursentwicklungen beeinflussen kann.
Es ist also möglich, dass die Spekulationen die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben und damit eine Mitschuld an den Hungersnöten in armen Ländern tragen.
Manche Produktanbieter denken deswegen auf einen Verzicht von solchen Anlagen nach. (dpa)
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