27.07.12

Fiat vs. VW

EU-Kommission nimmt Volkswagen in Schutz

Autokrise in der EU offenbart Zweiklassen-Gesellschaft und sorgt mit dem "Blutbad"-Vorwurf von Fiat in Richtung für VW für Streit.

Foto: dpa/DPA
Volkswagen und Fiat
Fiat-Boss Sergio Marchionne hatte Volkswagen, Europas Nummer eins unter den Autoherstellern, scharf attackiert. Er hatte VW vorgeworfen, ein "Blutbad" anzurichten

Wolfsburg/Rom/Brüssel. Im Streit zwischen Branchenführer Volkswagen und dem angeschlagenen Autobauer Fiat hat sicht die EU-Kommission eingeschaltet und Europas größten Autobauer Volkswagen in Schutz genommen. "Mir sind keinerlei Hinweise auf Ausnutzung der marktbeherrschenden Stellung oder unfaire Geschäftspraktiken von Volkswagen bekannt", sagte ein Sprecher von EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia am Freitag in Brüssel.

Die EU-Kommission könne den Fall nicht weiter kommentieren, da sie keine Details kenne. Fiat hatte Volkswagen vorgeworfen, eine rücksichtslose und zerstörerische Preispolitik zu betreiben.

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Hintergrund ist ein von der "New York Times" zitierter Vorwurf von Fiat-Chef Sergio Marchionne, Volkswagen betreibe eine rücksichtslose und zerstörerische Preispolitik. "Bei der Preisgestaltung gibt es ein Blutbad. Das ist ein Blutbad bei den Margen", wurde Marchionne zitiert. Indem die Wolfsburger aggressive Rabatte gewährten, nutzten sie die Krise, um Marktanteile zu gewinnen.

VW forderte den Vorsitzenden des europäischen Autohersteller-Verbandes Acea, Fiat-Chef Marchionne, zum Rücktritt auf. Marchionne sei als Präsident des Verbandes untragbar und solle gehen, erklärte VW-Kommunikationschef Stephan Grühsem am Donnerstagabend.

Von Fiat oder Marchionne gab es bis zum Freitagmittag keine Reaktion auf die Aussagen von VW.

VW-Kommunikationschef Grühsem hatte erklärte, angesichts der Äußerungen Marchionnes sei auch ein Austritt aus dem Acea eine Option für Volkswagen. VW ist ein Schwergewicht in dem Verband. Der 1991 gegründete Autobauer-Verband Acea vertritt die Interessen von 16 Herstellern von Autos, Lastwagen und Bussen auf europäischer Ebene und gilt als einflussreicher Verband.

Fiat leidet unter massiven Absatzproblemen. Marchionne wiederum ist für markige Aussagen bekannt. So hatte er Anfang des Jahres gefordert, Europa brauche einen zweiten starken Autobauer und damit ein Gegengewicht zu VW. Anfang 2011 hatte der Fiat-Chef aus Ärger über ein angebliches Werben von VW um Alfa Romeo Interesse an den beiden VW-Beteiligungen MAN und Scania bekundet, dies aber wenig später als "Witz" bezeichnet.

Der Konflikt zwischen VW und Fiat kommt zu einer Zeit, in der der Fahrzeugmarkt in der EU seit Monaten auf Talfahrt ist – vor allem in den Euro-Krisenländern Spanien und Italien, aber auch in Frankreich. Dies trifft die Hersteller hart, die von Europa abhängig sind – neben der europäischen Nummer zwei PSA Peugeot Citroën sind dies auch Opel und Fiat. Sie kämpfen mit Überkapazitäten.

Der VW-Konzern dagegen ist dank seiner breiten Aufstellung und der Stärke vor allem in China und den USA auf Erfolgskurs. Im ersten Halbjahr verdiente der Konzern laut Zahlen vom Donnerstag unterm Strich mehr als 8,8 Milliarden Euro, fast 36 Prozent mehr als bis zur Jahresmitte 2011.

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Die Autoindustrie steuert daher immer mehr auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu. Zu den Gewinnern zählen derzeit auch die deutschen Oberklasse-Hersteller Daimler – wenngleich Daimler einen Gewinnrückgang gemeldet hatte – und BMW. Auch Porsche profitiert weiter von dem ungebrochenen Ansturm auf Luxusautos in den USA und in China. Der Sportwagenbauer legte am Freitag glänzende Zahlen vor.

Dagegen sieht es bei Opel, PSA und Fiat düster aus. Der französische Autokonzern PSA Peugeot Citroën steckt tief in den roten Zahlen und kündigte am Mittwoch ein Milliarden-Sparprogramm an. Der zweitgrößte französische Autobauer Renault meldete am Freitag ebenfalls erhebliche Gewinneinbußen, hielt sich aber in den schwarzen Zahlen. Fiat kämpft auch, profitiert aber von der Stärke seiner US-Tochter Chrysler.

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Um die Kunden zu locken, sind derzeit alle Hersteller auf dem europäischen Automarkt mit Rabatten unterwegs – auch in Deutschland. Die Kundenvorteile für Autokäufer hätten ein Rekordniveau erreicht, hieß es in einer am Montag vorgelegten Studie des CAR-Centers der Universität Duisburg-Essen. Das Rabattniveau zeige, dass der deutsche Automarkt in den nächsten Monaten vor einer Rezession stehe, sagte der Leiter des Instituts, Ferdinand Dudenhöffer. Der bisher ertragreiche Markt Deutschland werde für immer mehr Hersteller zu einem "Verlustmarkt".

Die durchschnittlichen Rabatte für die 30 beliebtesten Neuwagen im Privatkundenmarkt seien im Vergleich zum Juni um einen Punkt auf 19 Prozent gestiegen. Zu Jahresbeginn lag der durchschnittliche Nachlass noch bei 15,9 Prozent. Die höchsten Preisabschläge seien für den Fiat Punto (30,6 Prozent), den Opel Corsa (31,3 Prozent) und den Opel Astra (30,9 Prozent) ermittelt worden. Auch VW biete hohe Rabatte, hieß es in der Studie. Der Preiskampf sei zudem bei den Oberklasse-Herstellern angekommen. (dpa/abendblatt.de)

Volkswagen-Halbjahr in Zahlen
Volkswagen-Halbjahr in Zahlen
Der Volkswagenkonzern hat am 26. Juli 2012 seine Halbjahreszahlen vorgelegt. Die Eckpunkte:
Umsatz: 95,4 Milliarden Euro
Operativer Gewinn: 6,5 Milliarden Euro
Nettogewinn: 8,8 Milliarden Euro
Mitarbeiter: 519.000
Flüssige Mittel: 15 Milliarden Euro
Gewinn allein in China: 1,8 Milliarden Euro
Operativer Gewinn Audi: 2,9 Milliarden Euro
Operativer Gewinn Marke Volkswagen: 2,2 Milliarden Euro (dapd)
ACEA: Der Automobil-Branchenverband
ACEA: Der Automobil-Branchenverband
In dem einflussreichen europäischen Automobilhersteller-Verband ACEA sind 16 große Produzenten von Personen- und Lastwagen sowie von Bussen zusammengeschlossen.
Nationale Organisationen der meisten EU-Länder wie der deutsche Verband der Automobilindustrie (VDA) sind dem Branchenverband assoziiert.
Die einzelnen Mitglieds-Unternehmen sind:
BMW
DAF Trucks
Daimler
Fiat
Ford Europe
General Motors Europe
Hyundai Motor Europe
Iveco
Jaguar Land Rover
Porsche
PSA Peugeot Citroën
Renault
Toyota Motor Europe
Volkswagen
Volvo Cars und Volvo Group
Sie beschäftigen nach Verbandsangaben insgesamt zwei Millionen Menschen und sorgen indirekt für weitere zehn Millionen Jobs.
Der Acea (Association des Constructeurs Européens d'Automobiles) wurde 1991 gegründet.
Er ging aus dem Comité des Constructeurs du Marché Commun (CMMC) hervor.
Hauptsitz des Lobby-Verbandes ist Brüssel.
1995 beziehungsweise 2004 wurden zudem Vertretungen in Tokio und Peking eröffnet.
Verbandspräsident Sergio Marchionne von Fiat hat in diesem Jahr seinen Vorgänger Dieter Zetsche von Daimler an der Spitze des ACEA abgelöst. (dpa)
Porsche Automobil Holding SE: Zahlen & Daten
Porsche Automobil Holding SE: Zahlen & Daten:
die Porsche SE hält 50,7 Prozent der Stammaktien an VW und 50,1 Prozent über eine Zwischenholding an der Porsche AG
2011 war das erste volle Geschäftsjahr, das dem Kalenderjahr entspricht; 2010 wies die Porsche SE ein Rumpfgeschäftsjahr von August bis Dezember aus
Ergebnis 2011 aus den Beteiligungen: 395 Millionen Euro aus der Porsche Zwischenholding und 4,27 Milliarden Euro aus dem Volkswagenkonzern
Konzernergebnis 2011 nach Steuern: 59 Millionen Euro
Dividendenvorschlag an Hauptversammlung: 76 Cent je Aktie für Vorzugsaktionäre, 75,4 Cent je Aktie für Stammaktionäre
Hauptversammlung am 25. Juni (dapd)
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