20.07.12Neckermann-Insolvenz
Pleite könnte die Gewinne der Deutschen Post kappen
Weniger Pakete und Porto: Aus von Neckermann könnte für die Post teuer werden. Insolvenzverwalter spricht mit Neckermann-Mitarbeitern.
Von abendblatt.de
Foto: dapd/DAPD
Teurer Kundenverlust: Neckermann soll der Post zuletzt 113 Millionen Euro für den Paketversand gezahlt, das Porto für die Kataloge habe weitere 15 Millionen Euro gekostet, so ein Medienbericht
Frankfurt/Bonn.
Die
Neckermann-Insolvenz
könnte die
Deutsche Post
teuer zu stehen kommen. Angesichts der wegfallenden Einnahmen aus dem Versand von Neckermann-Waren und -Katalogen werde die Post womöglich einen zweistelligen Millionenbetrag abschreiben müssen, berichtete das Düsseldorfer "Handelsblatt" in seiner Freitagausgabe. Die
Post peilt für dieses Jahr eigentlich einen Betriebsgewinn
von 2,5 Milliarden Euro an.
Ein Post-Sprecher wollte den Bericht zunächst nicht kommentieren. Der Konzern werde mögliche Auswirkungen prüfen und sich "zu gegebener Zeit äußern", sagte der Sprecher am Freitag in Bonn.
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Das "Handelsblatt" beruft sich auf den Neckermann-Geschäftsbericht. Nach diesem habe das Unternehmen mit Sitz in Frankfurt am Main zuletzt 113 Millionen Euro für den Paketversand gezahlt, das Porto für die Kataloge habe weitere 15 Millionen Euro gekostet.
Vor rund drei Jahren hatte die Pleite der Neckermann-Schwester Quelle im Zuge der Karstadt-Insolvenz der Post einen operativen Verlust von 247 Millionen Euro beschert.
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Im Jahr 2005 hatte die Post-Tochter DHL die Stückgut-Logistik von Karstadt-Quelle für 200 Millionen Euro übernommen. Die Sparte war für den Versand sperriger Waren wie Gefriertruhen und Schränke für Neckermann und Quelle zuständig.
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Die im Dax notierten Post-Aktien gerieten vor diesem Hintergrund stark unter Druck: In den ersten beiden Handelsstunden büßten die Papiere gegen den Trend knapp zwei Prozent ein.
Mitarbeiterversammlung : Insolvenzverwalter rufen Mitarbeiter zusammen
Unterdessen hat bei dem zahlungsunfähigen Versandhändler Neckermann eine Mitarbeiterversammlung begonnen. Die Insolvenzverwalter Michael Frege und Joachim Kühne haben dazu etwa 2000 Beschäftigte in der Frankfurter Unternehmenszentrale zusammengerufen, wie eine Sprecherin der Rechtsanwälte sagte.
Für Mittag war zudem eine Aufsichtsratssitzung geplant. In Deutschland stehen nach letzten Angaben bei Neckermann.de etwa 2250 Jobs an den Standorten Frankfurt und Heideloh in Sachsen-Anhalt auf dem Spiel. Der
Versandhändler hatte am Mittwoch Insolvenzantrag gestellt
, nachdem der Eigentümer, der US-Finanzinvestor Sun Capital, den Geldhahn zugedreht hatte. (dapd/dpa/abendblatt.de)
Niedergang von Neckermann – eine Chronologie
Neckermann hat am 18. Juli 2012 Insolvenz angemeldet. Damit endet vorläufig eine über 60-jährige Unternehmensgeschichte. Den fetten Jahren folgten Krisenzeiten – eine Übersicht.
1. April 1950: Der Kaufmann Josef Neckermann gründet in Frankfurt/Main die Neckermann Versand KG.
1. Januar 2006: Das Unternehmen wird in "neckermann.de" umbenannt. Damit soll der gewachsenen Bedeutung des Internethandels Rechnung getragen werden.
28. November 2006: Der Handelskonzern Arcandor, zu dem neckermann.de gehört, gibt bekannt, sich von der Versandsparte zu trennen, um sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren.
12. Dezember 2007: Mit 51 Prozent geht die Mehrheit der Neckermann-Anteile ohne direkte finanzielle Gegenleistung an den amerikanischen Finanzinvestor Sun Capital Partners.
8. Oktober 2010: Nach der Insolvenz von Arcandor gehen auch die restlichen 49 Prozent Beteiligung an Sun Capital.
27. April 2012: Der Versandhändler kündigt an, den Kataloghandel komplett einzustellen. Zugleich gibt das Unternehmen bekannt, wegen anhaltender Umsatzeinbrüche mehr als jeden zweiten Arbeitsplatz in Deutschland streichen zu wollen. Von gut 2500 Stellen sollen 1380 wegfallen.
10. Mai 2012: Das von der Belegschaft erarbeitete Sanierungskonzept ist endgültig gescheitert. Das geben Arbeitnehmervertreter nach einem Gespräch mit Geschäftsleitung und Eigentümer bekannt.
21. Mai 2012: Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) lehnt staatliche Hilfe für Neckermann ab.
8. Juni 2012: Der Streit um Stellenkürzungen geht in die nächste Runde. Ver.di fordert die Einrichtung einer Transfergesellschaft.
2. Juli 2012: Die Neckermann-Beschäftigten rufen zu einem zweitägigen Streik auf. Damit will ver.di den Druck auf die Geschäftsführung und den Eigentümer Sun Capital erhöhen, die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag mit Abfindungen wieder aufzunehmen. Zugleich äußert die Gewerkschaft Befürchtungen, wonach weitere 1.500 Beschäftigten entlassen werden könnten.
11. Juli 2012: Der Druck auf neckermann.de wächst. Die Verhandlungen in den Einigungsstellen seien endgültig gescheitert, teilt das Unternehmen mit. Dabei geht es um mögliche Abfindungen für von Entlassung bedrohte Mitarbeiter, auf die die Gewerkschaften pochen. Vergeblich: "Die dazu notwendigen finanziellen Mittel sind jedoch nicht vorhanden", teilt Neckermann mit.
18. Juli 2012: Neckermann stellt Insolvenzantrag. Die Verhandlungen über einen Sanierungsplan seien gescheitert, teilen das Unternehmen und die Gewerkschaft in Frankfurt am Main mit. (dapd)
Die größten Versandhändler in Deutschland
Online schlägt Katalog: Der reine Internet-Händler Amazon schlägt beim Umsatz die alteingesessenen Versandhäuser in Deutschland – allerdings nur, wenn die Konzernfirmen Bonprix, Heine und Witt nicht zur Otto Group gerechnet werden.
Neckermann belegt nach den Zahlen des EHI Retail Institute für 2010 Platz vier.
1. Amazon (Umsatz 2800 Mio. Euro)
2. Otto Group (2100 Mio. Euro)
3. Weltbild (geschätzt 1150 Mio. Euro)
4. Neckermann (871 Mio. Euro)
5. Conrad Electronic (geschätzt 785 Mio. Euro)
6. Klingel (geschätzt 740 Mio. Euro)
9. Witt Weiden (603 Mio. Euro)
10. Bonprix (geschätzt 600 Mio. Euro) (dpa)