18.07.12

Ehemaliger Handelsriese

Neckermann.de zieht Notbremse und stellt Insolvenzantrag

Der ehemalige Handelsriese Neckermann.de steht vor dem Aus. Versandhändler stellt Insolvenzvertrag. 2400 Jobs sind nun gefährdet.

Foto: dapd/DAPD
Streik bei Neckermann
Gespräche über Jobbau mit der Gewerkschaft gescheitert: Der Versandhändler Neckermann.de hat einen Insolvenzantrag gestellt

Frankfurt/Main. Einst machte Neckermann alles möglich, nun setzt sich der Niedergang des ehemals mächtigen Handelsriesen fort. Der Versandhändler Neckermann.de stellt Insolvenzantrag. Schon lange haben die Namensvettern mit Wurzeln im Imperium des Josef Neckermann in etwa so viel gemeinsam wie ein Badeurlaub mit einer Bergtour. Während am Montag dieser Woche der Reiseveranstalter Neckermann im österreichischen Schwarzenberg mehr Luxus für Urlauber verspricht, werden in Frankfurt in letzter Minute Gespräche zur Zukunft von Neckermann.de wieder aufgenommen. Am Mittwoch ist klar: Die dunklen Wolken sind nicht zu vertreiben, der Investor dreht den Geldhahn zu.

Die Neckermänner sind leidgeprüft. Die Beschäftigten der einstigen Ikone des deutschen Wirtschaftswunders haben Besitzerwechsel, die Pleite des früheren Mutterkonzerns Arcandor und mehrere Runden Stellenabbau hinter sich. Als gravierenden Einschnitt sehen Mitarbeiter rückblickend die Fusion von Karstadt und Quelle Ende der 90er Jahre: Die damals bereits zu Karstadt gehörenden Neckermänner bekamen damit intern Konkurrenz durch den größeren Quelle-Versand. Quelle wiederum ist mittlerweile Geschichte. Der Konzern ging 2009 im Strudel der Arcandor-Pleite unter.

+++ Neckermann.de-Pleite: Was passiert mit bestellten Waren? +++

Neckermann eröffnete zwar als einer der ersten Versandhändler in Deutschland 1995 einen eigenen Online-Shop. Doch lange sah man das Internet im Unternehmen nur als zusätzlichen Bestellkanal.

"Neckermann macht's möglich" – kaum ein Slogan brachte das Lebensgefühl im Wirtschaftswunderland Westdeutschland nach dem Krieg treffender auf den Punkt. Der Kaufmann Josef Neckermann (1912 – 1992) griff die Bedürfnisse der Konsumenten auf, lange gehörten Neckermann-Kataloge zur Grundausstattung vieler Familien.

+++ Gewerkschaft sieht 50:50-Chance für Neckermann.de +++

+++ Zukunft von Neckermann.de unklar – Druck steigt +++

Der erste Katalog umfasste gerade einmal zwölf Seiten mit 147 Textilartikeln. Schnell kamen preiswerte Radios und große Elektrogeräte hinzu, selbst Schweinhälften konnte man über den bald telefonbuchdicken Universalkatalog erwerben. Das Frankfurter Unternehmen lieferte wie die Konkurrenten Otto oder Quelle bis in die hintersten Winkel der Republik. Neckermann machte zudem Pauschalreisen populär, verkaufte zwischenzeitlich unter eigenem Namen gar Versicherungen und Fertighäuser.

Heute, 100 Jahre nach Josef Neckermanns Geburt und 20 Jahre nach seinem Krebstod in Dreieich bei Frankfurt ist von dem Handelsimperium nicht mehr viel übrig. Sämtliche Firmenteile sind entweder in internationalen Konzernen wie Thomas Cook oder Zurich Versicherungen aufgegangen. Der Überrest des Versandhandels rang seit Monaten ums Überleben. Nun stehen die bundesweit 2400 Stellen bei Neckermann.de auf der Kippe.

Dabei sieht es zwischenzeitlich gut aus: Im Oktober 2010 wird der US-Finanzinvestor Sun Capital alleiniger Eigentümer der Neckermann.de GmbH, investiert kräftig in den Onlinehandel. Das Jahr 2010 läuft vergleichsweise erfolgreich. Die Hoffnung auf schwarze Zahlen im Jahr 2012 wächst. Doch das Kataloggeschäft bricht so rapide ein, dass die Erfolge aus dem Onlinehandel aufgezehrt werden.

Ende April sieht sich Neckermann.de zu drastischen Einschnitten gezwungen: Unter der Überschrift "Neckermann.de beschleunigt E-Commerce Ausrichtung" erklärt des Unternehmen, es sei "eine Anpassung der organisatorischen Strukturen notwendig" – der Abbau von insgesamt 1380 Arbeitsplätzen in Deutschland sei unverzichtbar. Nach dem erfolglosen Poker dürften die Opfer nun noch größer werden.

Niedergang von Neckermann – eine Chronologie
Niedergang von Neckermann – eine Chronologie
Neckermann hat am 18. Juli 2012 Insolvenz angemeldet. Damit endet vorläufig eine über 60-jährige Unternehmensgeschichte. Den fetten Jahren folgten Krisenzeiten – eine Übersicht.
1. April 1950: Der Kaufmann Josef Neckermann gründet in Frankfurt/Main die Neckermann Versand KG.
1. Januar 2006: Das Unternehmen wird in "neckermann.de" umbenannt. Damit soll der gewachsenen Bedeutung des Internethandels Rechnung getragen werden.
28. November 2006: Der Handelskonzern Arcandor, zu dem neckermann.de gehört, gibt bekannt, sich von der Versandsparte zu trennen, um sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren.
12. Dezember 2007: Mit 51 Prozent geht die Mehrheit der Neckermann-Anteile ohne direkte finanzielle Gegenleistung an den amerikanischen Finanzinvestor Sun Capital Partners.
8. Oktober 2010: Nach der Insolvenz von Arcandor gehen auch die restlichen 49 Prozent Beteiligung an Sun Capital.
27. April 2012: Der Versandhändler kündigt an, den Kataloghandel komplett einzustellen. Zugleich gibt das Unternehmen bekannt, wegen anhaltender Umsatzeinbrüche mehr als jeden zweiten Arbeitsplatz in Deutschland streichen zu wollen. Von gut 2500 Stellen sollen 1380 wegfallen.
10. Mai 2012: Das von der Belegschaft erarbeitete Sanierungskonzept ist endgültig gescheitert. Das geben Arbeitnehmervertreter nach einem Gespräch mit Geschäftsleitung und Eigentümer bekannt.
21. Mai 2012: Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) lehnt staatliche Hilfe für Neckermann ab.
8. Juni 2012: Der Streit um Stellenkürzungen geht in die nächste Runde. Ver.di fordert die Einrichtung einer Transfergesellschaft.
2. Juli 2012: Die Neckermann-Beschäftigten rufen zu einem zweitägigen Streik auf. Damit will ver.di den Druck auf die Geschäftsführung und den Eigentümer Sun Capital erhöhen, die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag mit Abfindungen wieder aufzunehmen. Zugleich äußert die Gewerkschaft Befürchtungen, wonach weitere 1.500 Beschäftigten entlassen werden könnten.
11. Juli 2012: Der Druck auf neckermann.de wächst. Die Verhandlungen in den Einigungsstellen seien endgültig gescheitert, teilt das Unternehmen mit. Dabei geht es um mögliche Abfindungen für von Entlassung bedrohte Mitarbeiter, auf die die Gewerkschaften pochen. Vergeblich: "Die dazu notwendigen finanziellen Mittel sind jedoch nicht vorhanden", teilt Neckermann mit.
18. Juli 2012: Neckermann stellt Insolvenzantrag. Die Verhandlungen über einen Sanierungsplan seien gescheitert, teilen das Unternehmen und die Gewerkschaft in Frankfurt am Main mit. (dapd)
Die größten Versandhändler in Deutschland
Die größten Versandhändler in Deutschland
Online schlägt Katalog: Der reine Internet-Händler Amazon schlägt beim Umsatz die alteingesessenen Versandhäuser in Deutschland – allerdings nur, wenn die Konzernfirmen Bonprix, Heine und Witt nicht zur Otto Group gerechnet werden.
Neckermann belegt nach den Zahlen des EHI Retail Institute für 2010 Platz vier.
1. Amazon (Umsatz 2800 Mio. Euro)
2. Otto Group (2100 Mio. Euro)
3. Weltbild (geschätzt 1150 Mio. Euro)
4. Neckermann (871 Mio. Euro)
5. Conrad Electronic (geschätzt 785 Mio. Euro)
6. Klingel (geschätzt 740 Mio. Euro)
7. QVC (719 Mio. Euro)
8. Heine (666 Mio. Euro)
9. Witt Weiden (603 Mio. Euro)
10. Bonprix (geschätzt 600 Mio. Euro) (dpa)
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