Erdgas

USA wollen mit Flüssiggas Europas Energiemarkt angreifen

Ein Transportschiff lädt Flüssiggas im Hafen von Sabine Pass in Texas an der Grenze zum US-Bundesstaat Louisiana.

Foto: Getty Images / Bloomberg/Getty Images

Ein Transportschiff lädt Flüssiggas im Hafen von Sabine Pass in Texas an der Grenze zum US-Bundesstaat Louisiana.

In Amerika wird Erdgas billiger gewonnen. Es soll in die EU verschifft werden, den Russen Konkurrenz machen – und den Markt spalten.

Berlin.  Auf dem bevorstehenden G20-Gipfel in Hamburg wird Donald Trumps Auftritt skeptisch beäugt. Besonders Europas Regierungschefs sind gereizt ob der ständigen Attacken auf Freihandel und den Klimaschutz. Doch die Air Force One, der Jet des US-Präsidenten, macht vorher noch einen Abstecher nach Warschau. Dort steht am Donnerstag ein Treffen an, welches das Konfliktpotenzial noch vergrößert – denn Trump will dort den Angriff auf Europas Gasmarkt vorbereiten.

Vor osteuropäischen Spitzenpolitikern will er die Vorteile von Erdgaslieferungen aus den USA anpreisen. Passender Anlass: Anfang Juni ist am neuen polnischen Schiffsterminal Swinemünde die erste Lieferung überhaupt von heruntergekühltem US-Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, kurz LNG) angekommen – per Tanker.

Wird Gas auf minus 162 Grad Celsius heruntergekühlt und dadurch flüssig, schrumpft das Volumen auf ein Sechshundertstel im Vergleich zum gasförmigen Zustand. Dann kann es auf Spezialschiffe geladen werden. Das kostet deutlich mehr als der Transport per Pipeline, lohnt sich aber trotzdem, wenn zwischen Märkten große Preisunterschiede bestehen.

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Gas gibt es in den USA in rauen Mengen

Die erste Lieferung soll die Blaupause sein für den Einstieg der US-Amerikaner in den europäischen Gasmarkt. Gary Cohn, Vorsitzender des Nationalen Rats für Wirtschaftsfragen und ein vertrauter Trumps, erläuterte vergangene Woche, was dem Präsidenten vorschwebt. Trump wolle Regeln abschaffen, die den Erdgashandel behindern, neue Pipelines in den USA zulassen, die den Rohstoff an die Küste bringen und zusätzliche LNG-Verflüssigungsterminals auf den Weg bringen. "Wenn die Anlagen gebaut sind, werden sie hoffentlich mittels langfristiger Lieferverträge weltweit Gas exportieren", so Cohn.

Vor allem Asien und Europa stehen im Fokus der Amerikaner. Für Trump ist es mehr als eine willkommene Einnahmequelle. Die Exporte sollen dabei helfen, die hohen Handelsbilanzdefizite des Landes abzubauen, so, wie er es seinen Wählern versprochen hat. Trump möchte alle Hindernisse so schnell wie möglich aus dem Weg räumen.

Lange Zeit behinderten US-Gesetze den Export

Gas gibt es in den USA in rauen Mengen. Die Preise sind am Boden, seit vor etwa zehn Jahren neue Fördertechniken größere Verbreitung fanden, bei denen das Gestein mittels horizontaler Bohrungen und der Injektion eines Chemikalien-Wasser-Gemischs aufgebrochen wird ("Fracking"). Da Erdgas oft als Nebenprodukt von Öl gefördert wird, schwemmte der Bohr-Boom innerhalb kurzer Zeit den US-Gasmarkt und ließ die Preise purzeln. Gas kostet dort schon seit Jahren deutlich weniger, zurzeit nur rund die Hälfte des europäischen Großhandelspreises.

Lange Zeit behinderten US-Gesetze den Export. Der Bau neuer Pipelines stockt. Vor dem Fracking-Boom rechnete die Industrie zudem damit, dass Gas importiert werden müsse – und baute Importterminals statt Exportanlagen. Auf europäischer Seite hingegen gibt es Kapazität fast ohne Ende. Die hiesigen Hafenanlagen zum Löschen von LNG sind nicht ausgelastet.

Der Bau zahlreicher solcher Verflüssigungsanlagen läuft bereits. Bis 2019 sollen neben der bereits eröffneten in Sabine Pass am Golf von Mexiko, von der das Schiff nach Polen ablegte, fünf weitere hinzukommen. Auch die asiatischen Märkte sowie Lateinamerika sind für die US-Exporteure interessant.

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Osteuropäische Staaten wären gern unabhängig von russischem Gas

Europa ist allerdings ein besonders brisanter Fall. Hier wird die US-Gasschwemme – ein für Trump möglicherweise angenehmer Nebeneffekt – den Streit um die Zukunft der Energieversorgung noch vertiefen. Auf der einen Seite stehen zahlreiche osteuropäische Staaten, welche die Abhängigkeit von russischem Pipeline-Gas beenden wollen. Sie warten gespannt auf die Angebote, die ihnen Trump am Donnerstag machen wird.

So spielt Polen sogar mit dem Gedanken, eine zweite LNG-Anlage zu bauen. Auch die baltischen Staaten wollen ihre Quellen diversifizieren. Sie alle fürchten, im Krisenfall durch Russland erpressbar zu sein und auch in guten Zeiten überhöhte Preise in Kauf nehmen zu müssen.

Zusätzlich in die Enge manövriert fühlt sich der Osten durch die Entscheidung der deutschen Regierung, Russlands Bau einer zweiten, riesigen Pipeline durch die Ostsee direkt nach Mecklenburg-Vorpommern zuzulassen: "Nord Stream 2" von Staatsmonopolisten Gazprom. Deutschland würde dadurch wirtschaftlich und politisch zur zentralen Gasdrehscheibe des Kontinents aufsteigen. Nicht nur die Ukraine, auch Polen und die Slowakei fühlen sich dadurch hintergangen. Denn bislang hatten sie als Faustpfand in der Hand, dass Russland ihre Pipelines nutzen musste, wenn es die westeuropäischen Märkte erreichen und seine Lieferverpflichtungen einhalten wollte.

Berlin: Pipeline ist wirtschaftliche Entscheidung

In Berlin hieß es zu Nord Stream 2 von Bundeskanzleramt und Wirtschaftsministerium bislang ausweichend, das sei keine politische, sondern eine wirtschaftliche Entscheidung. Die EU-Kommission versucht verzweifelt, einen Mittelweg zu finden. Sie teilt die Bedenken der Osteuropäer, muss aber auch Deutschlands fehlenden Handlungswillen zur Kenntnis nehmen. Derzeitiges Ziel ist es, statt mit Deutschland direkt mit Gazprom zu verhandeln, um dem Monopolisten Zugeständnisse abzuringen. Etwa, dass auch andere Unternehmen die Kapazitäten nutzen dürfen.

Wie gespannt die politische Lage beim Thema Gas ist, zeigte kürzlich die Reaktion des deutschen Außenministers Sigmar Gabriel (SPD), als bekannt wurde, dass der US-Senat eine Reihe von Sanktionen gegen Russland bestätigte, die auch deutsche Konzerne betreffen könnten, die Kredite für das Projekt zur Verfügung stellen wollen. Mit vielen Ausrufezeichen versehen, schrieb er zusammen mit dem österreichischen Bundeskanzler, die USA bezweckten "völkerrechtswidrige extraterritoriale Sanktionen gegen europäische Unternehmen".

Trump verfolgt einen Plan

In diese angespannte Lage platzt nun Trump mit seinem Auftritt in Warschau. Lässt er in den USA den Marktkräften freien Lauf, räumt Bedenken gegen Fracking und neue Pipelines beiseite und modifiziert die Exportregeln für die Gaswirtschaft, dann könnten die USA schnell zu einem nennenswerten Lieferanten aufsteigen. Für Europa keine schlechte Nachricht: Je mehr Lieferanten den hohen Importbedarf decken, desto geringer ist die wirtschaftliche und politische Erpressbarkeit.

Doch Trump verfolgt damit einen Plan. US-Medien berichten, er habe als Präsidentschaftskandidat auf die Frage, ob er mehr LNG-Terminals bauen wolle, zurückgefragt: "Was ist LNG?" Inzwischen weiß er es. Und es könnte ihm gleich in dreifacher Hinsicht nützlich werden: Die Exporteinnahmen nach oben treiben, Russlands Marktposition untergraben und gleichzeitig den Energie-Konflikt innerhalb der europäischen Union weiter zuspitzen.

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