Hamburg

Goodgame baut Hunderte Stellen ab

Bei dem Hamburger Spieleentwickler drohen Entlassungen. Vor wenigen Monaten war die Gründung eines Betriebsrats gescheitert

Hamburg.  Bislang war der Hamburger Spieleentwickler Goodgame dafür bekannt, dass er seine Mitarbeiter mit einem eigenen Firmenpool und Freibier verwöhnt. Nun plant die Firma aus Bahrenfeld Massenentlassungen. In einer Presseerklärung meldet Goodgame, es werde Kündigungen voraussichtlich in "einem unteren dreistelligen Bereich" geben. Aus informierten Kreisen heißt es, bis zu 400 Arbeitsplätze könnten abgebaut werden.

Die 2009 von Kai und Christian Wawrzinek gegründete Firma beschäftigt derzeit 1100 Mitarbeiter und bezeichnet sich selbst als Deutschlands größtes Spieleunternehmen. Es ist auf die Entwicklung von Spielen spezialisiert, die auf mobilen Geräten oder über den Browser am Rechner gespielt werden. Die Spiele selbst sind kostenlos, Geld verdient das Unternehmen mit eingeblendeter Werbung oder digitalen Zusatzangeboten. Zu den größten Erfolgen des Unternehmens gehört "Em­pire". Das Geschäft lief lange gut. Vor rund anderthalb Jahren wollte Good­game noch massiv expandieren.

Die Kündigungen begründete Goodgame mit einer Änderung der Strategie: Man wolle sich in Zukunft verstärkt auf sein "sehr profitables Kerngeschäft" – Strategiespiele für Smartphones und Internetspiele – konzentrieren. Die Produktion einfacher Handyspiele gibt die Firma im Zuge der Neuausrichtung dagegen auf. In der Branche herrscht ein starker Wettbewerb, die Entwicklung der Spiele wird teurer, der Anspruch der Nutzer steigt.

Ende vergangenen Jahres hatten Goodgame-Mitarbeiter versucht, einen Betriebsrat zu gründen – erfolglos. Eine große Mehrheit der Mitarbeiter sprach sich dafür aus, eine andere Form der Mitarbeitervertretung zu installieren. Zuvor waren etliche Fachkräfte entlassen worden, die sich um die Gründung eines Betriebsrats bemüht haben sollen. In der Zwischenzeit haben die Beschäftigten ein Mitbestimmungsgremium, das sogenannte Goodgame Employee Committee, gegründet. Diese Vertretung bietet den Angestellten allerdings in der aktuellen Situation kaum Schutz. "Für die Mitarbeiter ist die Lage eine Katastrophe", sagt Heiko Hecht, Fachanwalt für Arbeitsrecht.

Er hat zahlreiche der vor Monaten gekündigten Mitarbeiter vertreten. Aus seiner Sicht hat das Fehlen eines Betriebsrats für die jetzt potenziell Betroffenen eine ganze Reihe von Nachteilen: Ohne eine gesetzliche Mitarbeitervertretung gebe es bei Goodgame nun kein Gremium, das vor einer Kündigung angehört werden muss. Es gibt keine Zustimmungspflicht zu Entlassungen. Außerdem kann das Goodgame Em­ployee Committee nicht das Arbeitsgericht anrufen, um die Rechte der Beschäftigten einzufordern. Auch wenn Goodgame nun einen Sozialplan angekündigt hat – dieser ist nicht mit einem Betriebsrat verhandelt worden. Ob der Abbau sozialverträglich erfolge, sei fraglich. "Die Mitarbeiter sind dabei auf den Goodwill von Goodgame angewiesen", sagt Hecht.

Bei Goodgame heißt es, man plane den Abbau in drei Stufen. Ein Abfindungsprogramm, eine Transfergesellschaft und betriebsbedingte Kündigungen seien vorgesehen. Zunächst gebe es ein "vorgeschaltetes höher dotiertes freiwilliges Abfindungsprogramm", sagte Goodgame-Sprecher Dirk Hensen. Erst danach sei ersichtlich, wie viele Mitarbeiter entlassen werden. Zugleich will sich Goodgame einige Beschäftigte für die Zukunft sichern. "Wenige Hundert Mitarbeiter, die wichtig für die erfolgreiche Fortführung von Goodgame Studios sind, haben wir darüber hinaus schriftlich informiert, dass sie für das freiwillige Abfindungsprogramm nicht infrage kommen", sagte Hensen.

Die Befürchtungen hätten sich bestätigt, kritisiert Ver.di

Der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Hansjörg Schmidt äußerte sich empört über die Entlassungen. Er bezeichnete den Umgang bei Goodgame mit den Mitarbeitern als "einfach unwürdig". Goodgame würde "Mitarbeiter durch die kalte Küche abservieren". Auch die Gewerkschaft Ver.di kritisierte die Entlassungen. Die Befürchtungen hätten sich bestätigt, sagte Pressesprecher Björn Krings. Die jetzige Situation erkläre wahrscheinlich, warum der Betrieb in der Vergangenheit so allergisch auf die angestrebte Gründung eines Betriebsrats reagiert habe. Ver.di hatte schon damals das Vorgehen von Goodgame kritisiert. 14 Beschäftigten, die eine Betriebsratswahl vorbereitet hatten, sei "mit fadenscheinigsten Gründen" gekündigt worden, sagte Ver.di-Landesbezirkschef Berthold Bose.

Dabei war Goodgame bisher gleichzeitig durch vordergründig luxuriöse Arbeitsbedingungen aufgefallen. Geboten wurden den Beschäftigten Poolpartys und ein Fitnessstudio. "Alles Blendwerk", hatten Mitarbeiter auch schon bei der letzten Kündigungsrunde festgestellt.