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Ein Kilo Mode, bitte!

In den Secondhand-Läden Pick&Weight wird Kleidung nach Gewicht abgerechnet. Die Geschäfte sind die Nachfolger der geschlossenen Kleidermärkte

amburg.  Wenn neue Kunden das Geschäft an der Ecke Beim Grünen Jäger/Stresemannstraße betreten, kommt es vor, dass sie sich erst eine Weile umgucken und irgendwann nachfragen: Ist das Secondhand-Mode? So wie das Ehepaar, das an einem Wochentag zufällig vormittags am Neuen Pferdemarkt vorbeigekommen ist und die Verkäuferin anspricht. Weil ihnen das Konzept des Pick&Weight-Stores, den es seit dem vergangenen Jahr gibt, unbekannt ist. Weil sie vielleicht staubige Fenster und ausgeblichene Kleidung erwartet hatten und nicht 25.000 Artikel auf 500 Quadratmetern ausgestellt, nach Farben sortiert, dazwischen alte Fernseher, Nähmaschinen, eine Jukebox. Accessoires, die Geschäftsführerin Leila Mesgarzadeh selbst auf Flohmärkten aufgestöbert hat.

Masse trifft auf Individualität, denn natürlich finden Kunden unter den Secondhand-Teilen, die Leila Mesgarzadeh lieber "Vintage" nennt, kaum eines zweimal. Dafür finden sie aber so gut wie alles in dem Laden, der in die ehemaligen Räume einer Bank gezogen ist. 7000 Kleidungsstücke werden dort nach Angaben der Geschäftsführerin monatlich im Durchschnitt verkauft. Im Frühjahr hat das zweite Pick&Weight-Geschäft (deutsch: Aussuchen und Abwiegen) in Hamburg eröffnet, an der Großen Bergstraße in Altona, zwei Etagen, 250 Quadratmeter.

Die Läden sind die Nachfolger der Kleidermärkte, die teils jahrzehntelang in Hamburg Secondhand-Mode verkauften. Als die Gebäude an der Max-Brauer-Allee und an der Feldstraße abgerissen werden sollten, mussten die Geschäfte jedoch schließen.

Mit einem neuen Konzept ist das in Ahrensburg ansässige Unternehmen Modemarkt, zu dem die Kleidermarkt-Gruppe und damit Pick&Weight gehört, zurück in der Stadt. Auch eine weitere Expansion ist geplant. Bisher gibt es die Pick&Weight-Läden noch in Berlin, aber auch der Schritt in den Süden nach München ist vorgesehen. 60 Prozent der Ware kommt aus Deutschland, der Rest, wie zum Beispiel ein großer Satz Collegejacken, hauptsächlich aus den USA. In der sogenannten Japanese-Corner gibt es modernere, aber ebenfalls gebrauchte Kleidung. Zu den Kunden zählen Designer, Touristen und alteingesessene St. Paulianer.

Eine altertümliche Waage neben dem Eingang weist auf das Preiskonzept hin: Statt mit Festpreisen ausgezeichnet zu werden, wird die Ware abgewogen und ein Preis per Kilogramm ermittelt. Um auch nach Qualität zu unterscheiden, gibt es vier Kategorien: 25, 35, 65 und 85 Euro pro Kilo. Die Kleidungsstücke sind mit Farben danach gekennzeichnet. Ein Jeansrock beispielsweise, mit der Farbe gelb der Kategorie 35 Euro/Kilo zugeordnet, kostet etwa elf Euro. Eine leichte Seidenbluse würde 65 oder 85 Euro pro Kilo kosten, sodass der Kunde am Ende etwa sechs Euro für das Stück bezahlt. "Für Kunden ist der Preis nach Gewicht, den man vorher nie genau kennt, ein zusätzlicher Anreiz, bei uns einzukaufen", sagt Leila Mesgarzadeh. Grundsätzlich sei das Konzept für Kunden aber vorteilhafter als Festpreise, die bei Pick& Weight nur Accessoires haben.

"Die Nachfrage der Kunden nach schön präsentierter Vintage-Mode ist groß", sagt Mesgarzadeh. Laut der 28-Jährigen, die seit 2012 für Modemarkt arbeitet und im vergangenen Jahr als Geschäftsführerin die Verantwortung für die zwei Hamburger und die vier Berliner Geschäfte übernommen hat, wird bei Pick&Weight Mode so ausgestellt, "wie sie es verdient". Willkommener Nebenaspekt sei der Nachhaltigkeitsgedanke der bereits getragenen Kleidung. "Das besondere Einkaufserlebnis, das auch durch das Preiskonzept entsteht, bietet vielen einen zusätzlichen Anreiz, über Nachhaltigkeit nachzudenken", so Mesgarzadeh. Für einige Kunden seien nur die aus anderen Ländern stammenden Konfektionsgrößen und Schnitte ungewohnt. Sie müssen dann suchen und unter 25.000 Teilen etwas Passendes finden. Oder selbst umnähen.

"Pick&Weight" in der Sternschanze (Beim Grünen Jäger 16) ist montags bis freitags von 11 bis 20 Uhr geöffnet. In der Altonaer Filiale (Große Bergstraße 167) können Kunden bereits ab 9 Uhr einkaufen.

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