10.06.10

Karstadt-Investor

Nicolas Berggruen: Der Dandy und sein Warenhaus

Nicolas Berggruen ist so schwer zu fassen wie sein Karstadt-Konzept. Das Durchhaltevermögen des Investors, der ein unstetes Leben führt, ist gefragt.

Von Bob Geisler
Foto: dpa
Nicolas Berggruen verbringt die meiste Zeit in den USA.
Nicolas Berggruen verbringt die meiste Zeit in den USA.

Hamburg. Nicolas Berggruen gehören Bürotürme in Shanghai und Hotels in Indien. In Berlin hat der Investor, der jetzt den Karstadt-Konzern retten will, in die Sarotti-Höfe und das CaféMoskau investiert. Doch in den USA, wo der jugendlich wirkende Milliardär die meiste Zeit seines Lebens verbringt, besitzt er keine eigene Wohnung, lebt stattdessen in teuren Hotelsuiten oder im Privatjet. "Er hält es nicht lange an einem Ort aus", sagen Vertraute über den 48-Jährigen.

Ein "Irrlicht" nannte ihn jüngst "Die Zeit", einen "obdachlosen Milliardär" das "Wall Street Journal". Es ist ein unstetes Leben, das Berggruen bislang geführt hat. In Gesprächen schaut er zwischendurch immer wieder auf seinen Blackberry, mit dem er die Verbindung zu seinem Investmentimperium hält. Der Junggeselle wird oft mit schönen Frauen abgelichtet, sagt aber, eine dauerhafte Beziehung sei für ihn "kein Fokus". Das hat ihm den Ruf eines Dandys eingebracht.

Von seinem verstorbenen Vater, dem bedeutenden Sammler Heinz Berggruen, hat der Investor das Kunstverständnis geerbt, früh hat er Werke von Jeff Koons und Damien Hirst gekauft. Doch einen Ort, wo er die Bilder in Ruhe betrachten kann, hat der Sohn nicht. Sie sollen sich in einer Lagerhalle irgendwo auf der Welt befinden.

Was will so ein Mann mit Karstadt? Das mondäne KaDeWe und das Alsterhaus mögen zu dem Mann mit den Designeranzügen passen, aber Harburg, Hoyerswerda oder Bremerhaven? Die meisten der noch verbliebenen 120 Standorte des Warenhauskonzerns versprühen zumindest von außen einen eher zweifelhaften 70er-Jahre-Charme.

Es spricht für Berggruens Charisma, dass er nur einen Auftritt benötigte und die Herzen der Karstadt-Mitarbeiter für sich gewann. Es war am vergangenen Freitag, als der Investor im Warenhaus am Berliner Kurfürstendamm seine Ideen für die Rettung des insolventen Konzerns präsentierte. In perfektem Deutsch mit leicht amerikanischem Akzent sprach Berggruen von der "Kultmarke", die er wiederbeleben wolle. Er erzählte von seiner "großen Finanzkraft", die ihn unabhängig von Banken mache und umgarnte den Gesamtbetriebsrat mit der Zusicherung, mit ihm werde es weder Stellenabbau, noch Standortschließungen geben. Nach einer Dreiviertelstunde war Hoffnung in die Versammlung zurückgekehrt. "Er hat uns allen Mut gemacht", sagte ein Hamburger Betriebsrat dem Abendblatt. "Karstadt ist für ihn kein beliebiges Investment."

Die Unterstützung der Arbeitnehmer war am Ende entscheidend, um auch den Gläubigerausschuss des Warenhauskonzerns auf Berggruens Seite zu ziehen. Der Kaufvertrag ist unter Dach und Fach, nun steht noch die Einigung mit dem mächtigen Vermieterkonsortium Highstreet über Mietreduzierungen aus. Ein Verhandlungsangebot des Immobilienfonds, dem zwei Drittel der Karstadt-Häuser gehören, nahm Berggruen gestern an.

Doch wie genau sich der Investor die Rettung Karstadts vorstellt, das hat er bis heute nicht verraten. Sein Konzept ist ebenso wenig fassbar wie er selbst. Gegenüber einem Berliner Radiosender nannte Berggruen den Karstadt-Kauf eine "sehr persönliche" Sache. Den Namen des KaDeWe habe er schon sehr früh als Kind gekannt. Das Luxuskaufhaus befindet sich nur wenige U-Bahn-Stationen entfernt von der Berggruen Holding, in der der Investor heute seinen Berliner Immobilienbesitz gebündelt hat. Zudem stammen die Eltern des Investors beide aus der Hauptstadt. Die bedeutende Sammlung des Vaters mit Werken von Picasso, Klee und Matisse befindet sich hier.

Geboren und aufgewachsen ist der Weltbürger allerdings in Paris. Seine Mutter, die Schauspielerin Bettina Berggruen, sprach Deutsch mit ihren drei Kindern. Berggruen las in seiner Jugend Jean-Paul Sartre und Albert Camus, auch Karl Marx und Lenin. Aus dem Schweizer Internat, in das ihn seine Eltern steckten, flog er mit 15 Jahren raus. "Ich konnte und wollte mich nicht anpassen", sagt der heutige Milliardär.

Schon mit 17 ging Nicolas Berggruen nach New York, um dort an der Universität Wirtschaft zu studieren. Kaum hatte er das Studium abgeschlossen, begann er zu investieren.

Zunächst waren es Aktien, in die er sein Geld steckte, später ganze Firmen. FGX, eine Modefirma, erwarb er beispielsweise Anfang der Neunziger für acht Millionen Dollar. 2007 verkaufte er sie - für 400 Millionen Dollar. Die britische Versicherungsgesellschaft Pearl kaufte Berggruen 2009 für 2,6 Milliarden Dollar.

Vor einigen Jahren kamen auch ökologisch und sozial orientierte Investments hinzu: eine Reisfarm in Indonesien, eine Ethanolfabrik in Oregon. Berggruen, der Gutmensch? Er wolle die Welt verbessern, etwas Bleibendes hinterlassen, sagte der Investor der "Zeit". Vielleicht ist daraus auch sein Engagement für den gebeutelten Kaufhausriesen Karstadt zu erklären.

Doch Erfahrungen im harten Einzelhandelsgeschäft kann Berggruen nicht vorweisen. Experten sehen für Karstadt eigentlich nur dann eine Chance, wenn ganze Abteilungen wie Unterhaltungselektronik, Lampen oder Haushaltswaren abgewickelt werden und sich das Unternehmen stattdessen auf Mode, Parfüms und Lifestyle konzentriert. Dafür aber braucht es einen Investor mit Durchhaltevermögen.

"Einfach nur Mietsenkungen zu verlangen, reicht als Konzept mit Sicherheit nicht aus", sagte eine Vertreterin des Immobilienkonsortiums Highstreet dem Abendblatt. Die Vermieter wollen von ihrem bisherigen Angebot, die Mieten in den kommenden fünf Jahren um 230 Millionen Euro zu senken, nicht abrücken. Berggruen verlangt "marktübliche Mieten", ohne dies näher zu erläutern.

Ein wenig mehr als Berggruen selbst ließ gestern sein Partner, die Modegruppe BCBG Max Azria, zum Karstadt-Umbau durchblicken. Für den Kauf der insolventen Warenhauskette seien sofort 70 Millionen Euro fällig, sagte David Jehan, der die internationalen Geschäfte der Gruppe leitet. Fünf Millionen Euro gingen direkt an die Gläubiger und weitere 65 Millionen Euro seien nötig, um den Betrieb der Karstadt-Filialen aufrechtzuerhalten. Für die Modernisierung der Verkaufsflächen seien zudem in den kommenden drei Jahren Investitionen von jährlich 60 Millionen Euro geplant.

Optimistisch stimmt, dass Nicolas Berggruen in den vergangenen Jahren zumindest eine erfolgreiche Sanierung in Deutschland gelungen ist. 2007 übernahm er den Möbelhersteller IMS, Teil des insolventen Konzerns Schieder. Er kündigte an, einen "bedeutenden Akteur im europäischen Möbelmarkt zu schaffen". Heute hat IMS 3500 Mitarbeiter. Der damalige Insolvenzverwalter spricht noch mit Hochachtung von Berggruen, der sich als "verlässlicher Partner" erwiesen habe.

Aus den Zeiten der Schieder-Sanierung kennt Berggruen zudem einen Mann, der für ihn die Kärrnerarbeit bei Karstadt erledigen könnte. Thomas Fox, 52, hatte IMS mit harter Hand auf Vordermann gebracht und ist nun bereits seit einem Jahr Teil des Teams von Karstadt-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg. Dem hemdsärmeligen Sanierungsexperten geht der Ruf voraus, ein Mann fürs Grobe zu sein.

Den Karstadt-Beschäftigten wäre es zu wünschen, dass ihre Hoffnungen auf Rettung nicht ein weiteres Mal enttäuscht werden. Gut ein Jahr ist es her, dass sich die letzte vermeintliche Lichtgestalt, Thomas Middelhoff, bei der Karstadt-Mutter Arcandor mit den Worten verabschiedete, er übergebe das Unternehmen "wohl geordnet". Kurz darauf war der Konzern pleite.

Der Fall Karstadt - eine Chronologie
Der Fall Karstadt - eine Chronologie von der ersten Krise bis zur Insolvenz:
20. Juli 2000: KarstadtQuelle-Vorstandschef Walter Deuss legt sein Amt nieder. Nachfolger wird der bisherige Chef der Karstadt-Warenhaus AG, Wolfgang Urban.
13. Januar 2001: Karstadt kündigt den Abbau von bis zu 7000 der 52.000 Stellen im Warenhausbereich an.
17. Mai 2004: Vorstandschef Urban muss gehen.
1. Juni: Quelle-Neckermann-Chef Christoph Achenbach übernimmt den Posten.
14. Oktober: Ein Sanierungsplan sieht den sozialverträglichen Abbau von 5500 Stellen und den Verkauf von 77 kleineren Häusern vor.
7. April 2005: Achenbach tritt zurück, Thomas Middelhoff wird wenige Woche später neuer Vorstandschef.
15. Juli: Verkauf der Modekette Wehmeyer.
3. August: KarstadtQuelle trennt sich von 75 kleineren Warenhäusern sowie den Fachmarktketten SinnLeffers und Runners Point.
27. März 2006: KarstadtQuelle verkauft für 4,5 Milliarden Euro seine gesamten Warenhaus-Immobilien. Der Konzern mietet die Gebäude zurück.
22. Dezember: KarstadtQuelle übernimmt für 800 Millionen Euro den 50-Prozent-Anteil der Lufthansa an dem Reiseunternehmen Thomas Cook.
12. Februar 2007: Middelhoff kündigt die Fusion von Thomas Cook mit der Nummer drei in Europa, dem britischen Konkurrenten MyTravel, an.
29. März: Middelhoff setzt die Umbenennung der Konzernholding KarstadtQuelle in Arcandor durch.
12. Dezember: Arcandor trennt sich von seinen verbliebenen Immobilienbeteiligungen und der Versandhaustochter Neckermann.de.
15. Dezember: Der Konzern weist für das Geschäftsjahr 2007/2008 einen Verlust von 746 Millionen Euro aus.
12. Februar 2009: Middelhoff verabschiedet sich mit roten Zahlen.
1. März 2009: Der langjährige Telekom-Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick übernimmt das Ruder.
20. April 2009: Arcandor kündigt ein drastisches Sparprogramm an: Der Konzern will sich auf die profitablen Kernbereiche der Versandhandelstochter Primondo (Quelle), der Touristiktochter Thomas Cook und der Karstadt-Kette konzentrieren. Die Premium-Häuser KaDeWe, Alsterhaus und Oberpollinger sollen verkauft werden.
5. Juni: Arcandor beantragt beim Bund Rettungshilfe in Höhe von 437 Millionen Euro.
8. Juni: Die Bundesregierung lehnt Staatsbürgschaften und Notkredite ab und stellt den Arcandor-Eigentümern ein Ultimatum: Der Bund beteilige sich nur an den Rettungsbemühungen, wenn Arcandor seinen Sanierungsbeitrag deutlich aufstockt.
9. Juni: Arcandor beantragt beim Amtsgericht Essen Insolvenz für Karstadt, Quelle und weitere Unternehmensteile.
1. September: Das Insolvenzverfahren wird eröffnet. Eick geht nach nur sechs Monaten.
7. November: Die Gewerkschaft ver.di stimmt einem Millionenverzicht der Belegschaft zur Rettung der Warenhauskette zu. Demnach werden die rund 28.000 Karstadt-Beschäftigten bis 31. August 2012 unter anderem auf Urlaubsgeld und Teile des Weihnachtsgeldes verzichten, insgesamt 50 Millionen Euro pro Jahr.
1. Dezember: Der Insolvenzverwalter kündigt die Schließung von 10 der noch 130 Karstadt-Häuser an. Darunter ist die Filiale im Hamburger Elbe Einkaufszentrum, die im Dezember 2009 zumacht.
6. Dezember: Arcandor-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg äußert sich optimistisch zur Zukunft der Warenhauskette. Karstadt schreibe erstmals seit der Insolvenz wieder schwarze Zahlen.
15. März 2010: Der Insolvenzplan für Karstadt, der die Fortführung des Kaufhauses garantieren soll, wird beim Amtsgericht eingereicht. Die Suche nach einem Investor geht damit in die heiße Phase.
12. April: Die Karstadt-Gläubiger geben nahezu einstimmig grünes Licht für den Verkauf der verbliebenen 120 Warenhäuser als Ganzes. Die befürchtete Zerschlagung des Warenhauskonzerns ist damit zunächst vom Tisch - sofern ein Käufer gefunden wird, der die Bedingungen akzeptiert.
23. April: Die deutsch-skandinavische Investmentfirma Triton legt ein Kaufangebot vor. Die Offerte sieht den Abbau von mehreren Tausend Jobs sowie eine Kürzung der Mietzahlungen vor.
26. April: Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di lehnt weitere Zugeständnisse der Belegschaft ab.
21. Mai: Der Investor Nicolas Berggruen unterbreitet dem Gläubigerausschuss ein detailliertes Kaufangebot.
23. Mai: Wenige Tage vor Ablauf der Frist für Übernahmeangebote am 27. Mai taucht ein dritter Kaufinteressent auf: Das Immobilienkonsortium Highstreet, an dem die US-Investmentbank Goldman Sachs die Mehrheit der Anteile hält, will die 120 Karstadt-Häuser vollständig übernehmen und als Konzern erhalten.
28. Mai: Der Gläubigerausschuss berät in der Hauptverwaltung des Traditionskonzerns in Essen die drei vorliegenden Kaufangebote. Nach mehr als siebenstündigen Gesprächen wird die Entscheidung auf den 7. Juni vertagt.
30. Mai: Dem "Spiegel" zufolge will auch eine Gruppe unter Führung des St. Petersburger Unternehmers Artur Pachomow überraschend 100 Prozent der Karstadt-Geschäftsanteile für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag erwerben.
7. Juni: Der Gläubigerausschuss trifft sich erneut, um sich auf den Karstadt-Käufer zu einigen. Der Zuschlag erhält der Privatinvestor Berggruen - sofern er sich mit dem Vermieter Highstreet auf die Höhe der Mieten einigen kann. Die Verhandlungen laufen seitdem.
2. September: Highstreet einigt sich mit Berggruen. Karstadt ist gerettet.
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