Analyse

Energiekonzern Vattenfall – ein Unternehmen zerfällt

Foto: Andr Zand-Vakili/ZGBZGH

Atomkraftwerke stillgelegt, Braunkohle steht zum Verkauf, das Stromnetz geht an die Stadt, und das Sponsoring der Cyclassics wird beendet – wohin steuert der Konzern? Eine Abendblatt-Analyse.

Hamburg/Berlin. Der Ton hat sich verändert bei Vattenfall, jedenfalls der des Chefs. Kurz, knapp, ohne Umschweife antwortet Magnus Hall auf Fragen. Mancher seiner Vorgänger wie etwa Lars Göran Josefsson vermittelte früher noch eine gewisse skandinavische Gelassenheit. Hall, seit 1. Oktober Chef des staatlichen schwedischen Energiekonzerns, gibt sich kurz angebunden. Ob Vattenfall in Deutschland gescheitert sei? Keineswegs, kontert der Manager: "Man verliert etwas, man gewinnt etwas. Das ist Wirtschaft." Das Unternehmen habe nicht die Absicht, sich aus Deutschland zurückzuziehen. "Deutschland bleibt für uns der größte Markt", sagte Hall dieser Tage in der Deutschland-Zentrale von Vattenfall in der Chausseestraße in Berlin.

Es bleibt der Eindruck, dass Vattenfall – obwohl noch immer der führende Energieversorger in Nordostdeutschland – hierzulande in den vergangenen Jahren weit mehr verloren als gewonnen hat. 2007 gingen kurz nacheinander die Atomkraftwerke Krümmel bei Hamburg und Brunsbüttel an der Unterelbe wegen technischer Pannen vom Netz. Seither nahmen beide den Regelbetrieb nicht wieder auf. Bedingt durch den vom Bundestag 2011 beschlossenen Atomausstieg, wurden die Reaktoren inzwischen endgültig stillgelegt. Für Vattenfall war dies das Ende der Atomkraft in Deutschland weit vor der gesetzlich festgelegten Frist des Jahres 2022. Abgeschlossen ist das Kapitel allerdings erst mit dem Abriss und der Entsorgung der Anlagen, die Jahrzehnte in Anspruch nehmen können. In den Katakomben von Brunsbüttel wurden jüngst brisante Altlasten entdeckt: Hunderte Stahlfässer mit schwach- und mittelaktivem Atommüll, die dort seit Jahrzehnten lagern. Dutzende von ihnen sind von Rostfraß zersetzt.

Sein Hamburger Stromverteilnetz verkaufte Vattenfall in diesem Jahr an die Hansestadt, nachdem ein Volksentscheid dies 2013 erzwungen hatte. Mehr als 1000 Mitarbeiter wechselten von dem Energiekonzern zu städtischen Unternehmen, unter anderem zur neu gegründeten Firma Stromnetz Hamburg. Der Verkauf des größten Hamburger Fernwärmenetzes folgt voraussichtlich 2018. Am Sponsoring des Hamburger Radrennklassikers Cyclassics hat Vattenfall vor diesem Hintergrund offenbar die Lust verloren. 2015 steigt der Konzern aus der Finanzierung des größten europäischen Radrennens aus. "Nach zwei Jahrzehnten ist es nun an der Zeit, etwas Neues zu fördern. Daran arbeiten wir für die Jahre ab 2016", sagt Pieter Wasmuth, Vattenfall-Generalbevollmächtigter für Hamburg und Norddeutschland. Im Oktober 2013 hatte sich Vattenfall nach 15 Jahren bereits als Sponsor der Lesetage zurückgezogen. Sämtliche Aktivitäten in Hamburg und Schleswig-Holstein waren dem Konzern zu Beginn der 2000er-Jahre mit der Übernahme der Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW) zugefallen. In der Metropolregion Hamburg beschäftigt Vattenfall nach allen Anpassungen derzeit noch 3700 Mitarbeiter, deutschlandweit sind es rund 17.000.

Unaufhaltsamer Zerfallsprozess

Die Energiewende in Deutschland zwingt die einst mächtigen Strom- und Gaskonzerne zu Anpassung und Neuausrichtung. Jedes der vier führenden Unternehmen geht damit anders um. E.on soll in zwei Teile aufgegliedert werden, beschloss die Konzernspitze kürzlich: ein Unternehmen für erneuerbare, eines für konventionelle Energien. Energie Baden-Württemberg (EnBW), das mehrheitlich dem Land Baden-Württemberg und einigen seiner Gemeinden gehört, wird vom Atom- und Kohlekonzern unter Aufsicht der grün-roten Landesregierung zu einer Art Ökomusterversorger umgebaut. Bei RWE sträuben sich bislang die beteiligten Kommunen in Nordrhein-Westfalen gegen eine Reform. Sie fürchten um ihre dringend benötigten Dividenden. Die allerdings finanziert RWE derzeit aus seiner Substanz.

Bei Vattenfall wiederum wirkt die interne Entwicklung wie ein unaufhaltsamer Zerfallsprozess. Einen drastischen Einschnitt plant das Unternehmen für das kommende Jahr in Ostdeutschland: Vattenfall will sein gesamtes Braunkohlegeschäft – Kraftwerke und Tagebaue in Brandenburg und Sachsen – mit insgesamt 8000 Mitarbeitern verkaufen, um die konzerninterne Klimabilanz zu verbessern. Braunkohle verursacht den spezifisch höchsten Ausstoß von Kohlendioxid im Vergleich der fossilen Energieträger. "Wir tun dies unabhängig davon, wie die Neuwahlen in Schweden im kommenden Frühjahr ausgehen", sagte Konzernchef Magnus Hall mit Blick auf die inzwischen gescheiterte rot-grüne Minderheitsregierung in Schweden, die den Konzern im Herbst 2014 dazu gedrängt hatte: "Den Beschluss zum Verkauf des ostdeutschen Braunkohlegeschäfts hat unser Verwaltungsrat gefällt, nicht die schwedische Regierung."

Wie verfahren die Situation für Vattenfall in Deutschland ist, zeigt auch die Situation in und um Hamburg. Am 30. Dezember sollte das Kraftwerk Moorburg mit dem ersten von zwei Blöcken in den Regelbetrieb gehen. Wenige Tage zuvor verschob Vattenfall den Start erneut, diesmal auf Ende Februar. Der Probebetrieb des hoch automatisierten Kraftwerks müsse noch ausgedehnt werden, sagte eine Sprecherin. Die Anlage, eines der größten Steinkohlekraftwerke in Europa, wird Hamburgs Ausstoß von Kohlendioxid bei der Energieerzeugung von jährlich mehr als elf Millionen Tonnen auf bis zu 20 Millionen Tonnen erhöhen. Die CDU-Alleinregierung des damaligen Hamburger Bürgermeisters Ole von Beust hatte Vattenfall 2005 ausdrücklich animiert, das Kraftwerk doppelt so groß auszulegen, wie ursprünglich geplant. Moorburg sollte mit einer Fernwärmeleitung ausgestattet werden und damit das alte Kohlekraftwerk in Wedel ersetzen, das den Hamburger Westen mit Fernwärme versorgt. Doch Bürgerinitiativen und Umweltorganisationen verhinderten den Bau einer Fernwärmeleitung durch die Elbe nach Altona. So laufen nun zwei Kohlekraftwerke, um Hamburg zu versorgen. Auf das drei Milliarden Euro teure Kraftwerk Moorburg hat Vattenfall bereits vor dem Start mehr als eine Milliarde Euro abgeschrieben.

Situation in Wedel völlig offen

Auch die Situation in Wedel ist völlig offen. Um das Kohlekraftwerk zu ersetzen, plant Vattenfall nun den Bau eines Gas-und-Dampf-Kraftwerks (GuD). Regionale Bürgerinitiativen sträuben sich schon jetzt gegen einen Neubau – aber auch gegen den Weiterbetrieb des veralteten und lauten Kohlekraftwerks. Sie plädieren für einen Neubau an einem anderen Standort, etwa an der Müllverbrennungsanlage Stellinger Moor in Bahrenfeld, die 2015 stillgelegt werden soll. "Wir behalten uns beide Optionen offen, den Neubau eines GuD-Kraftwerks in Wedel oder den Weiterbetrieb des Kohlekraftwerks", sagt der aus Finnland stammende Vattenfall-Europachef Tuomo Hatakka, der auch für das Energiegeschäft in Deutschland zuständig ist.

Für Hamburg bedeutet das möglicherweise die – unter dem Aspekt des Klimaschutzes – denkbar schlechteste Variante. Sollte ein Neubau in Wedel blockiert werden, laufen beide Kohlekraftwerke zur Versorgung der Stadt unter Umständen viele Jahre lang parallel. Besonders Moorburg trägt auch bei Luftschadstoffen wie Stickoxiden, Feinstaub oder Quecksilber, deutlich zur Verschlechterung der Luft in Hamburg bei. "Moorburg darf pro Jahr 6000 Tonnen Stickoxide ausstoßen. Das ist mehr als der gesamte Pkw-Verkehr in Hamburg", sagt Manfred Braasch, Landesgeschäftsführer des BUND in Hamburg. "Zwar kommt von Moorburg in der Innenstadt nicht mehr viel an, aber die Hintergrundbelastung nimmt natürlich zu. Und die Grenzwerte werden schon jetzt massiv überschritten, etwa durch den Schiffsverkehr."

1,3 Milliarden Verlust für Vattenfall

In den ersten neun Monaten dieses Jahres fuhr Vattenfall unter dem Strich rund 1,3 Milliarden Euro Verlust ein. Neben den Abschreibungen auf das Kraftwerk Moorburg trugen dem Konzern dazu auch die laufenden Kosten für die Stilllegung seiner norddeutschen Atomkraftwerke bei. Europachef Hatakka setzt darauf, dass das Unternehmen mit dem Vertrieb von Strom und Gas vor allem in den beiden größten deutschen Metropolen Berlin und Hamburg weiterhin erfolgreich sein wird, zudem mit der Erzeugung von Fernwärme und Strom. In der Hauptstadt war ein Volksreferendum für den Rückkauf der Energienetze durch die Stadt 2013 knapp gescheitert. "Unser Geschäft mit Endkunden wächst", sagt Hatakka. "Wir haben weiterhin eine starke Basis in Deutschland."

Auch auf die erneuerbaren Energien setzt Vattenfall große Hoffnungen. In Deutschland, Großbritannien und Skandinavien zählt der Konzern zu den führenden Betreibern von Offshore-Windparks. Westlich von Sylt geht nun das Meereskraftwerk "Dan Tysk" in Betrieb. Bis 2017 will Vattenfall in Nachbarschaft zu "Dan Tysk" obendrein den Offshore-Windpark "Sandbank" fertigstellen. "Bei der Energiewende, bei der Transformation der Energiemärkte in Deutschland und Europa wollen wir einer der Vorreiter sein", sagt Hatakka. Das bleibt für den Konzern ein ambitioniertes Ziel. Im dritten Quartal 2014 stieg der Anteil der fossilen Energien Kohle und Erdgas an der Stromerzeugung bei Vattenfall wieder leicht an, auf derzeit 50 Prozent. Etwa 30 Prozent des von Vattenfall erzeugten Stroms stammt aus Atomkraftwerken, die der Konzern in Schweden betreibt, weitere 17 Prozent aus Wasserkraftwerken. Die erneuerbaren Energien Wind und Biomasse hingegen steuern zum Strommix von Vattenfall – statistisch gebündelt mit der Müllverbrennung – derzeit gerade mal drei Prozent bei.