18.05.13

Sammler

Hamburgs letzte Briefmarkenhändler

Der Sammlernachwuchs fehlt. In nur noch 20 Geschäften in der Stadt kann man seltene Postwertzeichen kaufen und verkaufen. Eines davon führt Klaus Burmeister.

Von Volker Mester
Foto: Roland Magunia
Herr der Zacken
Klaus Burmeister, Geschaeftsführer des Briefmarkenladens Sellschopp in Hamburg

Hamburg. Die meisten Passanten werden an dem Geschäft in der Rosenstraße zwischen Banken, einem Telekommunikationsladen und Caféketten achtlos vorübergehen. Hinter der schmucken Fassade mit den blauen Schaufensterrahmen locken keine trendigen oder prestigeträchtigen Waren, auffällige Preisschilder gibt es ebenso wenig. Drinnen dürfte sich so mancher, der nicht häufiger hereinkommt, in ein längst vergangenes Jahrzehnt zurückversetzt fühlen: Da stehen Reihen von halbhohen, mittelbraunen Apothekerschränken mit Karteikästen, an den Wänden Regale und Vitrinen mit einer Unzahl von Ordnern und Alben darin.

Doch die Optik ist nicht unpassend. Die Historie der Firma Wilhelm Sellschopp beginnt bereits im Jahr 1891 - und viele der Produkte, die hier verkauft werden, sind noch viel älter: Es sind Briefmarken, einzeln oder in Sätzen, sowie tatsächlich verschickte Briefe mit Marke, Stempel und Adresse, wobei den Laien an den Exemplaren aus dem 19. Jahrhundert allein schon die imponierend ebenmäßige Handschrift fasziniert.

Allerdings kommen solche Laien kaum je in das Geschäft. "Meistens sind es Stammkunden, die zwei- oder dreimal im Monat hereinschauen", sagt Klaus Burmeister, Geschäftsführer und Inhaber des Briefmarkenhauses. "Neue Gesichter sehen wir hier selten." Manche von ihnen waren bisher Kunden anderer Hamburger Händler, die aufgegeben haben. Nur rund 20 Briefmarkenhändler gibt es nach Schätzung von Burmeister noch in der Hansestadt. Seit Anfang der 1980er- Jahre, der besten Zeit dieser Branche, ist die Zahl der Mitgliedsunternehmen des Bundesverbands des Deutschen Briefmarkenhandels (APHV) von 1000 auf weniger als 500 gesunken.

Sellschopp ist jedoch nicht irgendein Briefmarkenhändler, sondern der zweitälteste Deutschlands. Der Gründer Wilhelm Sellschopp hatte zunächst im Jahr 1891 in San Francisco, wohin er von Hamburg aus emigriert war, ein Briefmarkengeschäft eröffnet, seit 1901 gab es eine Filiale in der alten Heimat. Als das große Erdbeben 1906 den Laden in Kalifornien zerstörte, wurde die einstige Filiale der Hauptsitz. Schon Burmeisters Großvater und Vater waren dort Kunden, und auch Klaus Burmeister ist seit der Kindheit selber Sammler - so wie viele seiner Kollegen. Zwar war es nicht schon immer sein Wunsch, Briefmarkenhändler zu werden. Doch als ihm nach einer Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann eine Stelle bei Sellschopp angeboten wurde, griff er gern zu. "Ich habe sehr viel Glück gehabt", sagt er. "Wer weiß, ob mir ein anderer Beruf so viel Spaß gemacht hätte."

Der 54-Jährige hat miterlebt, wie sich der Markt drastisch veränderte. Als er anfing - damals hatte die Briefmarkenhandlung noch in der Spitalerstraße ihren Sitz -, war er einer von 30 Beschäftigten. Heute hat Burmeister noch fünf Angestellte, drei davon sind 400-Euro-Kräfte.

Schließlich ist seit den 1990er-Jahren die intensive Beschäftigung mit den kleinen, bunten Papierquadraten gerade unter jungen Menschen nicht mehr verbreitet. Ihr Freizeitverhalten sei nicht mehr durch die Konstanz, die dieses Hobby nun einmal erfordere, geprägt, sagt Thomas A. Brückel, Geschäftsführer des Händlerverbands APHV: "Dem Briefmarkensammeln fehlen von unten eine bis zwei Generationen." Selbst Wolfgang Peschel, Sprecher des Bundes Deutscher Philatelisten (BDPh), räumt ein, dass die Leidenschaft für die Postwertzeichen ein "leicht angestaubtes Image" hat.

Zwar gibt es nach Angaben von Peschel immerhin noch etwa zwei Millionen aktive Sammler in Deutschland. Für den Kauf und Verkauf ihrer Stücke - der Handel hat ein Gesamtvolumen im unteren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich - nutzen viele von ihnen aber verstärkt das Internet. Wohl mehr als jede zweite Marke werde über Online-Handelskanäle gekauft, vermutet Brückel, daneben haben Auktionen an Bedeutung gewonnen.

Auf den Versand setzt auch Burmeister. Etwa 50 Prozent des Umsatzes der Firma Wilhelm Sellschopp, der sich auf einen höheren sechsstelligen Betrag beläuft, stammen aus dem Versandhandel, einzelne Bestellungen kommen sogar aus den USA oder aus Südafrika. Die hauptsächlich älteren Kunden legen allerdings Wert auf einen gedruckten Katalog, 110 Seiten stark ist das aktuelle Exemplar und randvoll mit Angaben wie "Sachsenkringel", "Gelber Hund" oder "mit H-Blatt 94 F ohne Phosphor Streifen!", die nur dem Kenner etwas sagen. Das reine Internetgeschäft ist bei Sellschopp nur eine unbedeutende Randaktivität. "Persönlicher Kontakt ist wichtig, denn Briefmarkenhandel ist Vertrauenssache", findet Burmeister. Zum Service gehört für ihn auch, Sammlungen kostenlos zu schätzen.

Den größten Teil des Geschäfts macht der Traditionshändler mit Marken im Wert zwischen 50 und 200 Euro, aber es werden auch Stücke für 5000 oder für 15.000 Euro verkauft. Vor Jahren ging bei Sellschopp sogar eine Marke für mehr als 30.000 Euro über den Ladentisch.

Es sind vor allem die passionierten Sammler, darunter nicht wenige Ärzte, Rechtsanwälte und Unternehmer, die den Fortbestand des Ladens sichern können. Selbst solche Enthusiasten sind jedoch nicht vor Fälschungen sicher, die nach Einschätzung von Experten vermehrt über das Internet und den telefonischen Handel verbreitet werden. So nahm die Staatsanwaltschaft Ende 2012 Ermittlungen gegen einen Hamburger Händler auf. Er soll nicht nur Briefmarken manipuliert und dadurch überteuert verkauft haben. Er habe, so heißt es in der Branche, auch gleich die Stempel von Echtheitsprüfern, von denen es rund 120 in Deutschland gibt, nachgemacht.

In die Gefahr, auf Fälscher hereinzufallen, geraten nicht zuletzt diejenigen Sammler, die auf vermeintlich besonders günstige Preise achten, weil sie auf eine Wertsteigerung spekulieren. Die "Flucht in die Sachwerte" infolge der Finanzkrise habe sich vereinzelt auch auf die Philatelie ausgewirkt, sagt APHV-Geschäftsführer Brückel.

Von der schon einmal während der Boomzeit des Briefmarkenhandels in den 1980er-Jahren ausgegebenen Devise, die Briefmarke sei die "Aktie des kleinen Mannes", hält Brückel aber nichts: "Ich würde niemandem empfehlen, in erster Linie auf die Wertsteigerung zu schielen. Sammeln sollte man, weil es Spaß macht." Auf steigende Preise könne man sowieso nur bei seltenen Spezialitäten rechnen. Gerade für Standardware, zu der nahezu alle Marken aus der Bundesrepublik seit den 1960er-Jahren zählen, sei in absehbarer Zeit nicht mit Preissteigerungen zu rechnen. Die Begründung: "Jeder Sammler, der aufgibt, überschwemmt den Markt damit. Es gibt davon einfach zu viel Material", sagt Brückel.

Für Burmeister liegt der Reiz ohnehin in der Jagd auf schwerer zu findende Exemplare. "Interessant wird es, wenn man Marken sammelt, die man nicht an jeder Ecke finden kann", sagt er. "Umso mehr freut man sich, wenn man dann schließlich doch irgendwo auf sie stößt. Das ist die eigentliche Philatelie." Der Hamburger hat sich vor allem auf deutsche Marken aus der Zeit des Kaiserreichs und aus den Kolonien spezialisiert, handelt daneben aber mit jüngeren Postwertzeichen aus Deutschland und Westeuropa. "Man lernt durch die Beschäftigung mit den Marken viel über die Geschichte eines Landes", hat Burmeister festgestellt.

Dieses Argument macht sich der Sammlerverband BDPh zunutze, um Kinder wieder stärker für dieses Hobby zu interessieren. In dem Projekt "Schule und Philatelie" versuche man, Schüler über Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag an das Hobby heranzuführen, sagt Peschel. Zudem gebe es Überlegungen, Jugendliche über ein Online-Computerspiel zum Briefmarkensammeln zu animieren. Die eigentliche Kernzielgruppe der Menschen über 45, die im Hinblick auf Zeit und Geld als passionierte Sammler infrage kommen, sei hingegen schwerer zu erreichen, muss Peschel zugeben.

Vielleicht aber kommt für die Händler die Rettung ja aus China: Briefmarken aus dem Reich der Mitte haben zuletzt deutlich an Wert zugelegt. Denn immer mehr Chinesen kaufen sie in Deutschland, weil es in ihrer Heimat noch keinen gut organisierten Fachhandel gibt. Die Voraussetzungen sind nicht schlecht - Statistiken zufolge gibt es in China bereits ungefähr 20 Millionen Briefmarkensammler.

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