01.02.13

Der kalkulierte Milliardenverlust

Die neue Führung der Deutschen Bank nimmt tiefrote Zahlen in Kauf, um lästige Altlasten loszuwerden. Der Aktienkurs steigt überraschend

Von Sebastian Jost

Frankfurt. Der Auftritt war bestens orchestriert. Jürgen Fitschen betritt mit dynamischen Schritten die Bühne, Anshu Jain hinterher, den obligatorischen schwarzen Rucksack in der Hand. Aufstellung nebeneinander, geduldiges Lächeln für die Fotografen. Dann folgen im Gänsemarsch die fünf Vorstandskollegen, man posiert zum Gruppenbild. Gut einstudiert wirkt das alles. Locker wirkt es nicht. Von dem Schwung, der Leichtigkeit, mit der die neuen Chefs im Sommer die am Ende von Streit und Missgunst geprägte Ära Josef Ackermanns hinter sich ließen, ist nicht viel zu spüren an diesem Tag. Die Mienen sind ernst, das Zusammenspiel der beiden Co-Chefs etwas steifer als bei früheren Auftritten, und Fitschens Stimme stockt immer wieder, als er mit seiner Rede beginnt.

Die Anspannung kommt nicht von ungefähr. Die ersten Monate der neuen Bankführung waren alles andere als bequem. Juristische Altlasten wie die Manipulationsversuche beim Zinssatz Libor lassen der Bank kaum Ruhe, mit der Frankfurter Staatsanwaltschaft liegt man wegen Unstimmigkeiten bei der Umsatzsteuer im Clinch, und das größte Sparprogramm in der jüngeren Geschichte der Bank ist mit schmerzlichen Einschnitten verbunden. Und nun sind auch noch die Zahlen schlecht: Unter dem Strich stand im Schlussquartal 2012 ein Verlust von 2,2 Milliarden Euro. Im Gesamtjahr reichte es deshalb nur noch für einen Gewinn von 700 Millionen Euro - das schlechteste Ergebnis seit dem Finanzkrisenjahr 2008.

Hinter diesen Zahlen steckt allerdings durchaus bewusstes Kalkül. Ganz offensichtlich nutzten die neuen Chefs das letzte Jahr, das noch teilweise in der Verantwortung ihres Vorgängers Josef Ackermann lag, zur Auskehr einiger Altlasten. Satte 1,6 Milliarden Euro hat die Bank für noch laufende Rechtsstreitigkeiten zurückgestellt. Außerdem schrieb sie 1,9 Milliarden Euro auf die Firmenwerte von Töchtern ab, die bereits vor etlichen Jahren gekauft worden waren und deren Gewinnaussichten sich seither verschlechtert haben. Dazu trug auch bei, dass sich die Bank schneller als geplant von vielen risikobehafteten Bilanzpositionen getrennt hat, die nun nicht mehr mit Eigenkapital unterlegt werden müssen. Das war dem Vorstand einen Milliardenverlust im vierten Quartal wert. Die Kapitalquote nach den neuen, strengen Standards stieg im Jahresvergleich von sechs auf acht Prozent. "Wir haben unsere Kapitalbasis auf organischem Weg so gestärkt, als hätten wir eine Kapitalerhöhung um mindestens acht Milliarden Euro durchgeführt", sagte Jain. Offensichtlich nahm das so manchem Investor die Angst vor einer nahenden Kapitalerhöhung, die unter den Aktionären der Deutschen Bank allgegenwärtig ist - auch wenn Jain dies angesichts einer noch schärferen Regulierung, die der Bank sowohl in Europa als auch in Amerika droht, nicht ausschließen wollte. Der Aktienkurs legte im Handelsverlauf um rund drei Prozent zu. Vielleicht lag es am positiven Marktecho, dass die Vorstände mit der Zeit zusehends weniger verkrampft wirkten. Auch wenn er oft mit Fitschen tuschelte, wirkte Jain, der souverän recht frei entlang seines Manuskripts redete, wie der inoffizielle Zeremonienmeister. Er verteilte viele Fragen aber an die Vorstandskollegen weiter. Die One-Man-Show des Josef Ackermann, bei der die übrigen Manager wie Staffage wirkten, sollte der Vergangenheit angehören.

Um die zahlreichen Einmaleffekte bereinigt erreichte der Vorsteuergewinn mit 4,9 Milliarden Euro zumindest annähernd das Vorjahresniveau von 5,3 Milliarden Euro. Für höhere Überschüsse soll nun das Sparprogramm sorgen, das die Kosten um 4,5 Milliarden Euro drücken soll. Mehrere Tausend Stellen stehen zur Disposition. Im Ausland sollen rund 8000 Stellen von teuren Standorten wie New York und Hongkong an Niedriglohnstandorte verlagert werden. Außerdem macht die Bank ernst mit der Ankündigung, auch bei der Bezahlung der Mitarbeiter zu sparen: Der Bonustopf verkleinerte sich um elf Prozent auf 3,2 Milliarden Euro. Anders als bei anderen Häusern sollen die Fixgehälter nicht im Gegenzug gestiegen sein.

Geringere Boni sind Teil des Kulturwandels, den Fitschen und Jain der Bank verordnen. Dazu gehören nun auch Ethikseminare für Mitarbeiter, außerdem werden neue Produkte genauer geprüft, ehe man sie verkauft. Fitschen forderte "vollständige Integrität" von den Mitarbeitern: "Wer diese Werte nicht respektiert, der sollte besser gehen." Allerdings bat das Führungsduo auch um Geduld: "Wir geben uns keinerlei Illusion hin: Unsere Reise wird nicht Monate dauern, sondern Jahre." Immerhin: Die Gruppe der Bankenkritiker, die vor dem Eingang protestierte, war bereits deutlich kleiner als in manchen früheren Jahren.

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