17.01.13

Schlecker-Insolvenz

Ein Jahr nach der Pleite: Ist wirklich nichts mehr da?

Die Hälfte der Ex-Mitarbeiter hat noch keinen Job, Fragen zu etwaigen Vermögensübertragungen sind offen. Muss die Familie zahlen?

Von Özlem Yilmazer
Foto: DAPD
Schlecker-Filiale
Ein Jahr nach der Pleite: Von den ehemals 25.000 Schlecker-Beschäftigten in Deutschland ist knapp die Hälfte noch auf Jobsuche

Ehingen. "Ich glaube, Sie haben das nicht verstanden. Es ist nichts mehr da": Diese Sätze von Meike Schlecker zur familiären Finanzlage blieben haften. Ein Jahr nach dem Insolvenzantrag der Drogeriemarktkette bewegt die Frage nach dem Vermögen der Familie erneut die Gemüter.

Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz will Vermögensübertragungen von Anton Schlecker an Familienangehörige anfechten. Gelingt das, müsste die Familie zahlen. Für viele Ex-Schlecker-Mitarbeiter geht es ein Jahr nach der Hiobsbotschaft immer noch um eine neue Arbeit: Von den ehemals 25.000 Beschäftigten in Deutschland ist knapp die Hälfte noch auf Jobsuche.

Insolvenzverwalter Geiwitz ist verpflichtet, alles zurückzuholen, was Teil der Insolvenzmasse sein könnte. Dazu gehören auch möglicherweise unrechtmäßige Schenkungen und Zahlungen von Anton Schlecker an die Familie. "Der Insolvenzverwalter zeigt sich zuversichtlich, dass bald ein Abschluss herbeigeführt werden kann", sagte ein Sprecher des Insolvenzverwalters dazu. Geiwitz habe alle Geschäftsvorfälle der vergangenen zehn Jahre genau geprüft.

Dennoch, viel Hoffnung macht Geiwitz den Gläubigern mit ihren Forderungen von mehr als einer Milliarde Euro nicht. Vergangenes Jahr zeigte er dem Amtsgericht Ulm drohende Masseunzulänglichkeit an, wie es in der Insolvenz-Fachsprache heißt.

Auch viele ehemalige Schlecker-Beschäftigte ringen ein Jahr nach der Pleite noch mit den Folgen. Nach den jüngsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit waren bis zum 19. Dezember 2012 rund 53 Prozent nicht mehr arbeitslos gemeldet, was allerdings unterschiedliche Gründe haben kann. Mindestens 47 Prozent sind demnach aber noch ohne Job. Gesamtbetriebsratschefin Christel Hoffmann, die ihren Job noch bis Ende März hat, kritisiert allerdings, dass die Vermittlungsquoten der Arbeitsagenturen keinen Aufschluss über die Qualität der Anstellungen gäben.

Die Folgen der Pleite und das Schlecker-Verfahren werden auch den Insolvenzverwalter noch über Monate oder gar Jahre beschäftigen. Vom einstigen Schlecker-Imperium stehen derzeit zwei Dutzend Immobilien zum Verkauf. Die meisten Objekte sind leerstehende Lager, auch die Firmenzentrale in Ehingen ist darunter. Für den Verkauf der Immobilien mit einer Nutzfläche von gut 400 000 Quadratmetern beauftragte Geiwitz im Oktober eine Frankfurter Firma.

Vor allem die große Konzernzentrale sei eine Herausforderung, sagt der zuständige Projektleiter der Immobilienfirma Jones Lang Lasalle, Stefan Langner. Die Regionallager seien technisch in gutem Zustand, aber die Lage von einigen erschwere den Verkauf. "Wir sind aber in letzten Vorbereitungen von ersten Abschlüssen", sagt Langner. Geiwitz hatte im September über zu veräußernde Immobilien gesagt: "Dabei geht es um Schätzwerte im niedrigen dreistelligen Millionenbereich."

Interesse hat auch der Wiener Finanzinvestor Rudolf Haberleitner. Er will 600 alte Schlecker-Märkte in Deutschland wiederbeleben. Doch er denkt nur ans Mieten, wie er der dpa sagt. Er wolle auch Teile der Firmenzentrale. "Aber die gesamte Zentrale wäre viel zu groß für uns", sagt Haberleitner. Auch das Regionallager in Ehingen komme infrage. Unklar ist, ob Geiwitz einer Vermietung zustimmt. "Sein primäres Ziel ist der Verkauf zum bestmöglichen Preis."

Das einstige Schlecker-Imperium

Am 23. Januar 2012 meldete die schwäbische Drogeriemarktkette Schlecker Insolvenz an. Fakten zum Ex-Imperium:

1975 gründet Anton Schlecker die erste Drogerie in Kirchheim/Teck

Schlecker führt seine Firma bis zum Ende als eingetragener Kaufmann

Zu Bestzeiten beschäftigt Schlecker mehr als 50.000 Mitarbeiter

Im Mitarbeitermagazin rühmt sich Schlecker 2006 als "Alleininhaber des größten Drogeriemarktunternehmens der Welt"

2010 gibt es heftige Kritik an den Arbeitsbedingungen für Schlecker-Mitarbeiter

Vor der Insolvenz gab es 9000 Schlecker-Märkte im In- und Ausland

Am 27. Juni 2012 klingeln die Kassen ein letztes Mal bei Schlecker (dpa)

Was aus den Schlecker-Filialen wurde

Zu ihren besten Zeiten zählte die Drogeriekette Schlecker mehr als 8.000 Läden in Deutschland und weit über 30.000 Mitarbeiter.

Im Januar dieses Jahres meldete Schlecker Insolvenz an, wenig später folgte die Pleite der Töchter Ihr Platz und Schlecker XL.

Mehr als 25.000 noch verbliebene Beschäftigte verloren ihren Job, die letzten Filialen schlossen Ende Juni.

Seitdem wurden einige mit neuem Besitzer wieder eröffnet. Wie viele es genau sind, kann niemand sagen. Die Standorte seien von Tausenden einzelnen Vermietern an Schlecker vermietet worden, so ein Insolvenzsprecher.

Nach den Kündigungen gab es damit keine zentrale Stelle mehr, die einen Überblick über das weitere Schicksal der Geschäfte hatte. Die Veräußerung großer Immobilienpakete wurde aber öffentlich kommuniziert.

Insgesamt 102 Filialen von Ihr Platz und Schlecker XL werden als Läden des Textil-Discounters Kik, der Ein-Euro-Läden Tedi oder der Kaufhäuser Woolworth weitergeführt.

Die H.H. Holding aus dem westfälischen Bönen, zu der die Ketten gehören, hatte Ende Juli zugegriffen.

213 Ihr-Platz-Märkte veräußerte der Insolvenzverwalter an die Drogeriekette Rossmann und die österreichische MTH Retailgroup.

Die Rewe-Gruppe sicherte sich die Namensrechte für 44 Ihr-Platz-Geschäfte und beliefert diese auch mit Waren. Rewe ist auch bei einem Genossenschaftsmodell in Baden-Württemberg mit im Spiel.

Die Gewerkschaft ver.di und ehemalige Schlecker-Beschäftigte reaktivieren einige Läden als Nahversorger unter dem Namen "Drehpunkt". Rewe übernimmt die Belieferung.

Die Drogeriekette dm, nach der Schlecker-Pleite neuer Branchenprimus, übernahm bis Oktober 800 Beschäftigte der ehemaligen Konkurrenz.

Rossmann beschäftigt sogar 2000 ehemalige Schlecker-Mitarbeiter, inklusive des Personals der übernommenen Ihr-Platz-Läden.

Parallel kam es zum Verkauf der Auslandstöchter in Spanien, Portugal, Tschechien und Frankreich.

Bei der Tochter in Österreich kam die Wiener Restrukturierungsgesellschaft TAP 09 zum Zug, die alle dazugehörigen 1350 Standorte in den Ländern Österreich, Italien, Polen, Belgien und Luxemburg übernahm.

 Ihr Konzept einer Nahversorgungskette unter dem Namen "dayli" will sie jetzt auf Deutschland ausweiten.  (dapd)

Die Vorwürfe im Schlecker-Ermittlungsverfahren
Die Vorwürfe im Schlecker-Ermittlungsverfahren
Anton Schlecker führte sein Drogerie-Imperium als eingetragener Kaufmann (e.K.). Mit dieser Rechtsform gibt es keine Handhabe gegen ihn wegen möglicher Insolvenzverschleppung. Das heißt aber nicht, dass er ungeschoren davonkommt, falls er sich etwas zuschulden kommen ließ. Die Vorwürfe im Ermittlungsverfahren:
Insolvenzverschleppung:
Dieser Straftatbestand (Paragraf 15a der Insolvenzordnung) besagt im Kern, dass im Falle einer Firmenpleite Geld- oder Freiheitsstrafen drohen, wenn die Insolvenz "nicht, nicht richtig oder nicht rechtzeitig" bei Gericht angezeigt wird. Es gibt jedoch eine Einschränkung: Anders als etwa bei einer GmbH oder einer Aktiengesellschaft greift das Gesetz nicht für den eingetragenen Kaufmann (e.K.), weil der nämlich keine juristische Person ist. Beim Dachunternehmen Anton Schlecker e.K. ergibt sich somit keine Handhabe, sehr wohl aber bei den Tochterfirmen IhrPlatz und Schlecker XL, die als GmbH & Co. KG beziehungsweise GmbH firmierten.
Bankrott:
Dieser Straftatbestand (Paragraf 283 Strafgesetzbuch) hängt eng mit einer Insolvenz zusammen, denn "wer bei Überschuldung oder bei drohender oder eingetretener Zahlungsunfähigkeit" beispielsweise Werte für die mögliche Insolvenzmasse zur Bedienung der Gläubiger verheimlicht oder verschwinden lässt, dem drohen bis zu fünf Jahre Haft oder Geldstrafe. Belangt werden kann auch jemand, der die Bücher einer Firma nicht oder nicht ausreichend führt oder aufbewahrt.
Untreue:
Kann laut Paragraf 266 im Strafgesetzbuch vorliegen, wenn jemand die ihm anvertraute Macht missbraucht und die Pflicht zur Betreuung eines Vermögens verletzt. Bei dem Geschäftsführer einer Firma kann das zum Beispiel der Fall sein, wenn er Firmenvermögen unter Wert verkauft und so nicht den Gegenwert erzielt, wie es seine Pflicht gewesen wäre. Es drohen fünf Jahre Haft oder Geldstrafen. (dpa)
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