17.01.13

Porträt Gerhard Cromme: Strippenzieher und Multi-Aufsichtsrat

Von Peter Lessmann
ThyssenKrupp - Gerhard Cromme

Foto: dpa

ThyssenKrupp - Gerhard Cromme Foto: dpa

Er gilt als einer der mächtigsten deutschen Manager: Gerhard Cromme. Einst räumte er bei Siemens auf. Jetzt steht er bei ThyssenKrupp in der Kritik.

Essen. Gerhard Cromme kann so schnell nichts umhauen: Wenn es richtig brenzlig wird, wie jetzt bei ThyssenKrupp, scheint sich der Multi-Aufsichtsrat erst richtig wohlzufühlen.

Doch das Image des 69-jährigen Chefkontrolleurs beim Stahlriesen und Anlagenbauer, der diesen Posten auch bei Siemens bekleidet, ist angekratzt wie nie zuvor. Tiefrote Zahlen im Geschäftsjahr 2011/12, Skandale und Affären um illegale Kartellabsprachen oder Lustreisen – das ist auch an Cromme nicht spurlos vorübergegangen.

Kritiker halten dem promovierten Juristen aus dem niedersächsischen Vechta schwerwiegendes Versagen als Aufsichtsrat vor. Das Milliardendebakel bei den Stahlwerken in Brasilien und den USA habe er nicht nur nicht verhindert, er habe als Chefkontrolleur die Investitionspläne sogar abgesegnet.

Seit 2001 ist Cromme Vorsitzender des Aufsichtsrates des ThyssenKrupp-Konzerns, den er zuvor gemeinsam mit Ekkehard Schulz in einer Doppelspitze geführt hatte. Wenig später übernahm er den Vorsitz der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Codex – eine Initiative für mehr Offenheit, Transparenz und gute Unternehmensführung. Genau das ist bei ThyssenKrupp aber richtig schief gelaufen.

Manche Aktionäre fordern inzwischen Crommes Rücktritt. Doch deshalb gleich das Handtuch werfen ist sein Ding nicht. Der Sohn eines Studienrates für Latein und Griechisch und Vater von vier Töchtern ist der Gentleman unter Deutschlands Managern - hochgewachsen und stets in feinem Zwirn. Er versteht es immer wieder, durch sein Auftreten, durch Eloquenz und seine Fähigkeit zuzuhören, andere für sich einzunehmen. Selbst bei Betriebsräten und Gewerkschaftern, die sich in der Vergangenheit öfters mit ihm anlegten, genießt er Respekt.

Dabei weiß Cromme, der Mitte der 80er Jahre zum Krupp-Konzern kam, einen Verbündeten ganz sicher an seiner Seite: Berthold Beitz, Vorsitzender der Krupp-Stiftung, die mit einem Anteil von rund 25 Prozent der größte Einzelaktionär des Konzerns ist. Cromme soll Beitz einmal beerben.

Als Vertreter der Stiftung wurde er in das Kontrollgremium entsandt. "Cromme bleibt", sagte der 99-jährige Firmenpatriarch vor wenigen Wochen dem "Handelsblatt" kurz und bündig, als die Wogen um den Aufsichtsratschef höherschlugen. Die beiden scheinen symbiotisch verbunden zu sein: Cromme und Beitz, Beitz und Cromme – das ist ein Stück Industriegeschichte des Ruhrgebiets.

Die Geschicke der Stahlindustrie in Deutschland und ihren Wandel haben beide in den vergangenen Jahren maßgeblich geprägt. Von der feindlichen Übernahme des Konkurrenten Hoesch 1992, über die spektakuläre Schließung der Hütten- und Stahlwerkes Rheinhausen bis zur Fusion mit Thyssen im September 2001. Ende Februar wird Cromme 70 Jahre alt.