16.01.13

Zocken mit Lebensmitteln

Wetten auf Rohstoffe: Beim Mais droht neue Preisspirale

Nahrungsmittel bleiben ein globales Geschäft, in dem Investoren trotz aller Kritik kräftig mitmischen. Spekulanten wittern gute Geschäfte.

Von Jürgen Krämer
Foto: dpa
Maisernte
Nahrungsmittel bleiben ein globales Geschäft, in dem Finanzinvestoren kräftig mitmischen

Frankfurt/Main. Spekulation hat zwar schon immer das Treiben an den Warenterminbörsen bestimmt. Die öffentliche Empörung war aber gewaltig, als eine Jahrhundertdürre in den USA die Preise für wichtige Nahrungsmittel im vergangenen Sommer auf Rekordhöhen trieb. Kaum eine Diskussion erhitzt die Gemüter so sehr wie der Streit über zu hohe Nahrungsmittelpreise. Auch wenn die Preise in den vergangenen Monaten zurückgefallen sind: Die Lage kann sich schnell wieder zuspitzen.

Schon rechnen Experten wieder mit steigenden Preisen beim Mais. In den Vereinigten Staaten sind die Lagerbestände wegen der schweren Dürre massiv geschrumpft. Der Rohstoff wird als Futtermittel gebraucht. Außerdem wird er im großen Stil zu Ethanol verarbeitet und Treibstoffen beigemischt. Bereits im November hatte die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) Alarm geschlagen. Der Markt für Mais sei "äußert angespannt", warnten die Ernährungsexperten in ihrem jüngsten Nahrungsmittelbericht. Die Bestände seien auf einen "historischen Tiefpunkt" gefallen.

Wie stark das Angebot beim wichtigen Agrarrohstoff gesunken ist, zeigen aktuelle Daten aus den Lagerhallen der USA, des mit Abstand größten Maisproduzenten der Welt. Von der Nachrichtenagentur Bloomberg befragte Experten rechnen damit, dass die US-Vorräte an Mais Ende 2012 etwa 15 Prozent niedriger waren als ein Jahr zuvor und den geringsten Stand seit zehn Jahren erreichten. Nach Schätzungen des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums vom Januar wurden mit 274 Millionen Tonnen im Dürrejahr 2012 etwa 40 Millionen Tonnen weniger Mais geerntet als ein Jahr zuvor.

Führende deutsche Banken wie die Commerzbank hatte sich im vergangenen Jahr auf dem Höhepunkt der öffentlichen Empörung aus dem Geschäft mit Nahrungsmitteln zurückgezogen. Auch die Deutsche Bank hatte überraschend angekündigt, vorerst keine neue Finanzprodukte an die Kunden zu verkaufen, die auf dem Handel mit landwirtschaftlichen Rohstoffen basieren oder etwas mit Wetten auf die Preisentwicklung von Grundnahrungsmitteln zu tun haben. Ein Schritt, der von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch allerdings als nicht ausreichend kritisiert wurde.

Ganz anders sieht das aber bei führenden US-Banken aus. Morgan Stanley hat den Mais als Top-Spekulationsobjekt entdeckt und auf die hauseigene Liste für Top-Anlagen 2013 gesetzt. Nach Einschätzung der US-Bank dürfte Mais an den Rohstoffmärkten bald schon wieder teurer werden. Wegen des schwächeren Angebots rechnen die Experten des Kreditinstitutes mit einem überdurchschnittlichen Preisanstieg. Ähnliche Töne kommen auch von Goldman Sachs. Die Investmentbank rät Anlegern, ebenfalls weiter in Mais zu investieren, und stellt kräftige Gewinne in Aussicht.

Die Jahrhundertdürre in den USA hatte den Preis für Mais im vergangenen August auf 8,49 Dollar je Scheffel (etwa 25,4 Kilogramm) steigen lassen, so hoch wie noch nie. Seitdem ist Mais an der Rohstoffbörse in Chicago deutlich billiger geworden. Aber schon stehen die Spekulanten wieder in den Startlöchern. Seit Freitag ist der Preis für einen Scheffel kräftig gestiegen, von 6,95 Dollar auf zuletzt 7,24 Dollar. Der leitende Rohstoff-Experte von Goldman Sachs, Jeffrey Currie, hat jedenfalls eine klare Meinung zur weiteren Entwicklung an den Rohstoffmärkten. Seiner Einschätzung nach ist der "Super-Zyklus", eine über viele Jahre andauernde Phase steigender Rohstoffpreise, noch nicht beendet.

Mit Rohstoffen zocken
Mit Rohstoffen zocken:
Viele Investoren kaufen Agrarrohstoffe wie Weizen oder Mais an den Börsen nicht direkt. Sie entscheiden sich für Anlageprodukte, die lediglich der Preisentwicklung folgen. Trend: steigend.
Diese Derivate (lat. derivare, ableiten) beziehen sich zwar auf einen Basiswert wie etwa ein Lebensmittel, können aber unerwünschte Kursentwicklungen abfedern.
Besonders gefragt sind derzeit Derivate wie Exchange Traded Commodities (ETCs) und Exchange Traded Funds (ETFs).
Darüber investieren Anleger in einen Index, also einen Korb, der Rohstoffwerte umfasst.
Durch den anhaltenden Erfolgszug dieser Indexprodukte ist in den vergangenen Jahren viel Geld an die Rohstoffmärkte geflossen, was die Kursentwicklungen beeinflussen kann.
Es ist also möglich, dass die Spekulationen die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben und damit eine Mitschuld an den Hungersnöten in armen Ländern tragen.
Manche Produktanbieter denken deswegen auf einen Verzicht von solchen Anlagen nach. (dpa)
Agrarwetten – Druck auf deutsche Banken nimmt zu
Agrarwetten – Druck auf deutsche Banken nimmt zu
Die weltweite Lebensmittelknappheit hat die Spekulation mit Agrarrohstoffen in Verruf gebracht.
Auch wenn die Finanzlobby die Schädlichkeit von Agrarwetten konsequent bestreitet, haben sich einige deutsche Banken und Fondsanbieter mittlerweile aus dem Geschäft zurückgezogen.
Öffentlicher Druck dürfte dabei eine wichtige Rolle gespielt haben. Die größten Anbieter sind jedoch weiter dabei.
Zuletzt hatte eine Fonds-Tochter der Landesbank Berlin (LBB) bekanntgegeben, das Geschäft mit Agrarrohstoffen einzustellen.
Zuvor hatten bereits die Commerzbank, die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und die Fondsgesellschaft der Sparkassengruppe, Dekabank, ihren Rückzug bekanntgegeben.
Damit wächst der Druck auf die größten Akteure Allianz Global Investors und Deutsche Bank.
Die Deutsche Bank war wegen einer Auseinandersetzung mit der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch besonders ins Visier der Kritiker geraten.
Das größte deutsche Bankhaus will in diesem Jahr zumindest keine neuen börsengehandelten Anlageprodukte auf Basis von Grundnahrungsmitteln auflegen.
Eine Arbeitsgruppe soll bis Jahresende zudem Ursachen und Auswirkungen steigender Preise für Agrarrohstoffe analysieren.
Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode reicht das bei weitem nicht: "Während die Deutsche Bank seit Monaten angeblich den Ausstieg prüft, droht Menschen der Hunger – auch aufgrund der Geschäfte der Deutschen Bank. Wenn sich eine Bank nicht sicher sei, welchen Schaden ihre Rohstoffanlagen anrichten, gebe es nur einen verantwortlichen Schritt: Diese Anlagen aus Vorsorgegründen nicht mehr anzubieten." (dpa)
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