12.11.12

Energie-Landkarte

IEA: Dramatische Verschiebungen stehen an

Die USA werden vom Energieimporteur zum Exporteur, Strom wird in Europa teurer. Öl und Gas aus Nahost gehen künftig verstärkt nach Asien.

Foto: dapd
Fatih Birol
IEA-Chefökonom Fatih Birol: Die Grundpfeiler des weltweiten Energie-Systems werden verschoben

London. Die internationale Energie-Landkarte wird sich in den nächsten 20 Jahren dramatisch verändern – und möglicherweise auch politische Auswirkungen nach sich ziehen. Die USA werden schon in fünf Jahren der größte Öl- und Gasproduzent der Erde und von Importen praktisch unabhängig sein. Das sagt die Internationale Energie-Agentur in ihrem Welt-Energie-Ausblick 2012 voraus, der am Montag in London vorgestellt wurde. "Die Grundpfeiler des weltweiten Energie-Systems werden verschoben", sagte IEA-Chefökonom Fatih Birol.

Die Verbraucher vor allem in Europa und Japan müssten sich in Zukunft auf höhere Strompreise als in anderen Regionen der Welt einstellen. Im Jahr 2035 werde der Strompreis pro Kilowattstunde bei 24 US-Cent in Japan und bei 19 US-Cent (vor Steuern) in Europa liegen, prognostiziert die Agentur. In China werde die Verbraucher nur sieben Cent zahlen, in den USA etwa 14 Cent. Gründe seien der Verzicht auf billige Kernenergie und ein höherer Anteil teurerer erneuerbarer Energien. In Südasien und Afrika sind derzeit 1,3 Milliarden Menschen noch völlig ohne Elektrizität – fast ein Fünftel der Erdbevölkerung. "Das ist wirtschaftlich, sozial und moralisch nicht haltbar", sagte Birol.

Dank der Steigerung bei der Produktion vor allem aus unkonventionellen Quellen wie Schiefergas und Ölsanden, aber auch dank der Effizienzsteigerung etwa von Autos werde die USA vom Importeur zum Exporteur von Energie. Im Jahr 2020 werden die USA der Prognose zufolge 11,1 Millionen Barrel Öl pro Tag produzieren, derzeit sind es drei Millionen Barrel weniger. In den Jahren danach werde die US-Produktion jedoch wieder leicht zurückgehen und das Land auch die Führungsrolle unter den Produzenten wieder an Saudi-Arabien verlieren, schätzt die Energie-Agentur.

Öl- und Gas aus Nahost werde künftig zu 90 Prozent nach Asien fließen, sagte IEA-Chefökonom Birol – "eine neue Seidenstraße". Die weltweite Nachfrage nach Energie werde von 12 000 Millionen Tonnen Öläquivalent bis zum Jahr 2035 auf fast 17 Millionen Tonnen steigen - vor allem wegen der unersättlichen Nachfrage aus China und Indien. 45 Prozent der Produktionssteigerung werde allein aus dem Irak kommen, vor knapp zehn Jahren noch Kriegsgebiet. "Die Produktionskosten im Irak sind 15 Mal geringer als etwa in Kanada und sieben Mal geringer als in Russland", sagte Birol.

Der Klimaschutz rücke in der Energiepolitik vorübergehend in den Hintergrund. Die Welt müsse massiv auf das Ausschöpfen von Effizienz-Potenzialen bei der Energienutzung setzen, wenn sich die Erde nicht um mehr als zwei Grad erwärmen soll, sagte Birol. "Es gibt eine wachsende Überzeugung in mehreren Ländern, jetzt auf den Effizienz-Knopf zu drücken", sagte er. Es bleibe nur noch ein Zeitfenster von fünf Jahren. Die Effizienzreserven etwa im Autoverkehr, beim Transport und in der Baubranche seien enorm. "Das ist der Kardinalfehler in der Energiepolitik in vielen Ländern", sagte Birol. "Zwei Drittel des Effizienzpotenzials, das wir haben, nutzen wir nicht."

Der Verzicht auf Nuklearenergie in einigen Ländern wie Deutschland und Japan sei vor dem Hintergrund der drohenden Klimaerwärmung besorgniserregend. Auch aus Frankreich kämen politische Signale, die Erzeugung von Kernenergie zurückfahren zu wollen. Allerdings werde ein Teil durch den schnell wachsenden Einsatz erneuerbarer Energieträger ausgeglichen.

Das Hin und Her beim Atomdeal
Der Weg zur Laufzeitenverlängerung
Seit Monaten sorgen die geplanten Milliarden-Zahlungen der Atomkonzerne für Zündstoff. Sie sollen einen Teil der Gewinne abführen, die sie mit der Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke machen werden. Eine Chronologie:
24. Oktober 2009: Die schwarz-gelbe Bundesregierung legt ihren Koalitionsvertrag vor. Ein Großteil der erwarteten Milliarden- Zusatzgewinne aus den längeren Laufzeiten für Atomkraftwerke soll in den Ausbau der Öko-Energie fließen, heißt es.
7. Juni 2010: Die Regierung beschließt das größte Sparpaket in der bundesdeutschen Geschichte. Die geplante Brennelementesteuer soll ab 2011 jährlich 2,3 Milliarden Euro in die Kassen spülen und auch zur Sanierung des maroden Atommülllagers Asse verwendet werden. Sie soll unabhängig von der Verlängerung der Atomlaufzeiten erhoben werden.
23. Juni: Bei einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gehen die Spitzen der Energiekonzerne auf Konfrontationskurs und schließen eine Klage nicht aus. Finanzminister Wolfgang Schäuble treibt die Pläne trotzdem voran.
29. Juli: Die Atomindustrie verschärft ihre Drohungen und fordert, dass die Meiler mindestens 15 Jahre länger laufen als geplant.
9. August: Das "Handelsblatt" berichtet, die Atomkonzerne hätten eine Milliardensumme für einen Energiefonds angeboten, um eine Steuer zu verhindern. Bei Gesprächen mit der Regierung wollten sie einen entsprechenden Vertrag durchsetzen. Aus der Regierung kommen gegensätzliche Reaktionen.
13. August: Der Streit spitzt sich auch innerhalb der Koalition zu: Während Wirtschaftsexperten von Union und FDP die Meiler 15 Jahre länger am Netz lassen wollen, tritt Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) für kürzere Fristen ein. Unionsfraktionsvize Michael Fuchs (CDU) hält die geplante Steuer für "angreifbar". Die Industrie droht damit, Kraftwerke kurzfristig stillzulegen.
18. August: Die Regierung streitet über den Fahrplan für die Atomsteuer. Der Umweltminister erklärt, die Regierung verschiebe ihre Entscheidung um einige Wochen. Die Kanzlerin dementiert, entschieden werde wie geplant am 1. September. Auch Alternativen zu einer Steuer seien denkbar.
20. August: Teile der Unionsfraktion schwenken auf die Position der Atomkonzerne ein. Fraktionschef Volker Kauder (CDU) rückt von der geplanten Steuer ab und favorisiert eine vertragliche Einigung.
21./22. August: Eine Anzeigenkampagne von Managern gegen die Energiepolitik der Regierung heizt den Streit weiter an. Angesichts von Milliardengewinnen der Industrie sei kaum verständlich, warum die Konzerne mit einer Steuer überfordert wären, sagt Umweltminister Norbert Röttgen (CDU).
23. August: Nach einer CDU-Vorstandssitzung kündigt Generalsekretär Hermann Gröhe an, die Industrie solle bei längeren Atomlaufzeiten über die Steuer oder deren Alternative hinaus einen weiteren Beitrag zur Förderung von Ökostrom leisten. Die Bundesregierung lässt das zunächst offen.
24. August: Auch in der FDP wird der Ruf nach einer höheren finanziellen Belastung der Atomindustrie laut. Parteichef Guido Westerwelle hatte sich zuvor noch dagegen gewandt. Mit Blick auf die Anzeigenkampagne warnt Merkel die Atomlobby davor, Druck auf die Regierung auszuüben.
5. September: Die Spitzen von Union und FDP haben sich auf längere Laufzeiten für die Atomkraftwerke verständigt. Die Atommeiler sollen im Schnitt 12 Jahre länger am Netz bleiben als bisher geplant, die älteren 8, die jüngeren 14 Jahre. Die Stromkonzerne müssen im Gegenzug eine auf sechs Jahre befristete Steuer zahlen und einen Sonderbeitrag zum Ausbau von Öko-Strom leisten. Die Koalition geht davon aus, dass ihr Atomkonzept nicht vom Bundesrat gestoppt werden kann.
6. September: An den Börsen steigen die Kurse der AKW-Betreiber RWE, E.on, EnBW und Vattenfall um bis zu 5 Prozent.
9. September: Ein Vertrag zwischen Regierung und den Atomkonzernen wird öffentlich. Die Konzerne haben sich weit reichende Schutzklauseln zusichern lassen. Die Kosten für die mögliche Nachrüstung werden auf 500 Millionen Euro je Kernkraftwerk begrenzt. Sind die Kosten höher, reduzieren sich die Zahlungen für den Ökoenergie-Fonds. Gleiches gilt, wenn die Laufzeiten verkürzt werden.
18. September: Nach Angaben der Veranstalter demonstrieren 100.000 Menschen in Berlin gegen die schwarz-gelbe Atompolitik.
22. September: Es wird bekannt, dass sich der Start des dringend benötigten neuen Lagers für schwach und mittelradioaktiven Atommüll, Schacht Konrad, um fünf Jahre bis 2019 verzögern könnte. Für hochradioaktiven Müll will die Regierung am 1. Oktober die Erkundung des Salzstocks in Gorleben wieder aufnehmen. Zur Beschleunigung des Verfahrens setzt sie als letztes Mittel auch auf Enteignungen.
28. September: Das Bundeskabinett beschließt das Energiekonzept mit der Laufzeit-Verlängerung.
Quelle: dpa/abendblatt.de
dpa
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