12.11.12

Marktmanipulation

Italien will Ratingagenturen anklagen

Mitarbeiter von Standard & Poor's und Fitch sollen sich Marktmanipulation und Missbrauch von Insiderwissen vor Gericht verantworten.

Foto: dpa/DPA
 Rating-Agentur Fitch
Verdacht auf Die italienische Staatsanwaltschaft will Mitarbeiter von Fitch und S&P vor Gericht bringen

Mailand. Die italienische Staatsanwaltschaft will sieben Mitarbeiter der großen US-Ratingagenturen Standard & Poor's (S&P) und Fitch wegen des Vorwurfs der der Marktmanipulation vor Gericht bringen. Gegen zwei Mitarbeiter der Agentur Moody's habe die Anklage ihre Vorwürfe dagegen fallengelassen, teilte die italienische Steuerpolizei am Montag mit. Ein Gericht muss nun entscheiden, ob ein Prozess eröffnet wird.

Die Justiz hatte schon vor längerer Zeit mitgeteilt, sie untersuche, ob es im Zusammenhang mit einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit Italiens im Jahr 2011 durch S&P zu unerlaubten Marktmanipulationen und der rechtswidrigen Verwendung von vertraulichen Informationen gekommen ist. So soll geklärt werden, ob vor der offiziellen Verkündung Insider-Informationen weitergegeben wurden. Federführung hat die Staatsanwalt in der süditalienischen Kleinstadt Trani.

Angestoßen hatten die Prüfungen zwei Verbraucherverbände, die sich über die Auswirkungen der Agentur-Berichte auf die Aktienkurse in Mailand beschwert hatten. S&P hatte damals in einem Rundumschlag die Bonitätsnote mehrerer Euro-Staaten herabgestuft, darunter auch die Italiens. Fitch hatte angekündigt, in Kürze die Bewertung der Kreditwürdigkeit Italiens um ein bis zwei Noten zu senken.

Alle drei Agenturen hatten erklärt, sie seien sich keiner Schuld bewusst. S&P bekräftigte am Montag, die Vorwürfe entbehrten jeder Grundlage.

In einem in der vergangenen Wochen veröffentlichten Urteil eines australischen Gerichts wurde S&P zudem wegen eines Top-Ratings für hochriskante Investments zur Rechenschaft gezogen. Die US-amerikanische Ratingagentur habe Investoren damit in die Irre geführt. Den Anlegern, die nach der Finanzkrise 2008 den Großteil ihres Geldes verloren, stehe deshalb sowohl von S&P als auch von den Instituten, die die komplexen Investmentprodukte arrangierten, Entschädigung zu. S&P kündigte Einspruch an.

Die Buchstabencodes der Ratingagenturen
Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken oder Staaten und sind damit äußerst einflussreich auf den Finanzmärkten. Dabei fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Hauptgeschäft ist jedoch die Bewertung einzelner Wertpapiere. Die weltweit bedeutendsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.
Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Die Skala beginnt beispielsweise bei S&P und Fitch mit der Bestnote AAA (englisch: "Triple A"), bei Moody's mit Aaa. Es folgen AA, A, BBB, BB, B, CCC, CC, C. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab BB+ beginnt der spekulative Bereich, der auch "Ramsch" genannt wird. Die Skala reicht bis D, das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners, also die Pleite, eingetreten ist.
Eine mögliche Änderung des Ratings kündigen die Agenturen meist über eine Veränderung des Ausblicks ("Outlook") an. Dafür gibt es die Stufen "positiv", "stabil" und "negativ". Anstelle des Ausblicks gibt es bei S&P auch die etwas schärfere Kategorie "CreditWatch", eine Art Beobachtungsliste. Dabei geht es um eine kurzfristigere Überprüfung. Bei der jüngsten Einschätzung der Euro-Länder ging es genau um diesen Punkt.
Je schlechter die Ratingagenturen die Bonität eines Schuldners beurteilen, desto teurer und schwieriger wird es, sich Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, schlimmstenfalls ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern auch andere Investoren. Für Investitionen in Staatsanleihen gilt dies jedoch nur eingeschränkt, da es zum Beispiel wegen der Größe des Marktes zu Papieren wie US-Treasuries keine gleichwertigen Alternativen gibt.
Drei US-Ratingagenturen beherrschen den Markt
Drei Ratingagenturen mit langer Geschichte und US-amerikanischen Wurzeln beherrschen den weltweiten Markt für die Benotung der Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Staaten:
Standard & Poor's (S&P): Der Ratingriese ist Teil des Gemischtwarenladens McGraw-Hill – ein börsennotierter Medienkonzern, der unter anderem Schulbücher verlegt. An McGraw-Hill wiederum sind große Investmentfonds beteiligt sowie Unternehmenschef Harold McGraw. Bis Ende 2012 soll der US-Konzern aufgespalten werden in eine Bildungs- und eine Finanzmarktsparte, zu der dann auch S&P gehört.
Moody's: Der härteste Konkurrent von S&P ist selbst börsennotiert. Anteile halten bekannte, eher unauffällige Investmentfonds, aber auch Investoren-Legende Warren Buffett, der mit seiner Firma Berkshire Hathaway auf mehr als zehn Prozent der Moody's-Anteile kommt. Als S&P Anfang August die Kreditwürdigkeit der USA von der Topnote AAA auf AA herabstufte, kritisierte Buffett dies scharf. Moody's blieb zunächst bei der Top-Note.
Fitch: Die kleinere Nummer drei geht ebenfalls auf einen US-amerikanischen Gründer zurück, gehört heute aber zu 60 Prozent dem börsennotierten französischen Finanzinvestor Fimalac. Die restlichen Anteile hält der US-Medienkonzern Hearst ("Cosmopolitan", "Elle", ESPN). Hinter Fimalac steht der in Frankreich weit vernetzte Geschäftsmann und Unternehmer Marc Ladreit de Lacharrière. Fitch sitzt in New York und London. (dpa)
rtr/dpa
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