18.10.12

Handybauer

Erneut Riesen-Verlust für einstigen Branchenprimus Nokia

Der Umbau des einstigen Handy-Marktführers läuft weiter schleppend. Das Unternehmen steckt weiter in tiefroten Zahlen - auch weil ein Hoffnungsträger scheiterte.

Foto: DPA
Wieder Riesen-Verlust für Nokia
Weil auch der Hoffnungsträger, das neue "Lumia" in Sachen Verkaufszahlen hinter den Erwartungen zurück blieb, steckt Nokia weiter tief in der Krise

Espoo. Der Handy-Riese Nokia steckt trotz aller Anstrengungen tief in den roten Zahlen fest. Im dritten Quartal gab es wieder einen hohen Verlust von 969 Millionen Euro. Seit Jahresbeginn addierte sich das Minus damit auf 3,3 Milliarden Euro. Der Quartalsumsatz brach im Jahresvergleich um fast ein Fünftel auf 7,24 Milliarden Euro ein, wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte.

Besonders schmerzhaft: Beim Absatz seiner Lumia-Smartphones – des wichtigsten Hoffnungsträgers – erlitt Nokia einen Rückschlag. Die Lumia-Verkäufe sanken im Quartalsvergleich von 4 auf 2,9 Millionen Geräte. Demnächst kommen allerdings neue Modelle mit dem Microsoft-Betriebssystem Windows Phone 8 auf den Markt. Mit ihnen verbindet Nokia die Hoffnung, wieder Anschluss im Smartphone-Markt an Rivalen wie Apple und Samsung zu finden. Zum Vergleich: Samsung verkauft mehr als 50 Millionen Smartphones pro Quartal, Apples iPhone kam noch auf rund 26 Millionen Geräte selbst als viele Fans schon auf die nächste Generation warteten.

Insgesamt wurde Nokia im dritten Quartal knapp 83 Millionen Smartphones und einfache Handys los. Das war ein Einbruch von 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und immerhin nur ein dünnes Minus um ein Prozent gegenüber dem zweiten Vierteljahr. Der Durchschnittspreis der verkauften Geräte sinkt allerdings kontinuierlich, auf zuletzt 43 Euro statt 51 Euro vor einem Jahr und 48 Euro noch im vergangenen Quartal. Als Erfolg wertete Nokia den Start seiner "Billig-Smartphones" der Asha-Serie mit 6,5 Millionen verkauften Geräten.

Zugleich konnte Nokia den Absatz einfacher Handys im Quartalsvergleich um vier Prozent auf 76,6 Millionen Geräte steigern. Gemessen am zum Vorjahresquartal bedeutete das allerdings einen satten Rückgang von 15 Prozent.

Nokia hatte bei Smartphones zu lange auf seine betagte Symbian-Software gesetzt und war in den vergangenen Jahren von Apple mit seinem iPhone und Geräten mit dem Google-Betriebssystem Android abgehängt worden. Anfang 2011 setzte Nokia vor allem auf Microsofts Windows Phone als Smartphone-Plattform. Die vor einem Jahr erschienenen Computer-Handys der Lumia-Reihe konnten jedoch bisher nicht mit dem Absatz der Konkurrenz mithalten. In diesem Jahr stieß Samsung den finnischen Konzern nach mehr als einem Jahrzehnt vom Thron des weltgrößten Handy-Herstellers.

Die Schwäche bei Smartphones ist für Nokia ein großes Problem, denn die teureren Geräte sind nicht nur ein deutlich lukrativeres Geschäft, sondern verdrängen auch zunehmend die einfachen Handys, bei denen Nokia noch stark ist.

Der Netzwerkausrüster Nokia Siemens Networks (NSN), der die Bilanz in den vergangenen Quartalen mit hohen Sanierungskosten schwer belastet hatte, steuerte diesmal einen operativen Gewinn von 182 Millionen Euro bei. Das wurde am Markt als Auslöser für das Kursplus der Aktie gesehen, die nach Vorlage der Quartalszahlen um über vier Prozent auf zeitweise 2,30 Euro zulegte. Sie entfernte sich damit weiter von ihren Tiefständen bei nur 1,60 Euro, noch vor einem Jahr war sie aber mehr als doppelt so viel wert. Internationale Agenturen hatten die Nokia-Ratings in den vergangenen Monaten auf Ramsch-Niveau abgestuft. Der Konzern erwägt auch, sein Hauptquartier in Finnland zu verkaufen und zurückzumieten.

Nokia: Aufstieg und Niedergang
Nokia: Aufstieg und Niedergang
Nokia hat den heutigen Handy-Markt maßgeblich geprägt, wurde aber mit dem Erfolg der Smartphones von Rivalen wie Apple und Samsung überholt. Eine Chronologie:
1991: Der erste Anruf im digitalen GSM-Mobilfunknetz wird mit Nokia-Ausrüstung gemacht.
1992: Nokia bringt sein erstes GSM-Handy heraus, das Modell 1101.
1994: Nokia führt mit Modellen der 2100-Serie einen eigenen Klingelton ein. Von der Reihe werden 20 Millionen Geräte verkauft.
1998: Nokia verdrängt Motorola vom Spitzenplatz im Handy-Markt. Damals reichen 37,4 Millionen Geräte für einen Marktanteil von 22,9 Prozent.
2001: Der Handy-Markt schrumpft in der Krise der New Economy, doch Nokia kann seinen Anteil gegen den Trend von 30,6 auf 35 Prozent ausbauen. Es ist eine unangefochtene Dominanz: Motorola liegt als nächster Verfolger bei knapp 15 Prozent.
2006: Mit 345 Millionen verkauften Mobiltelefonen und 35 Prozent Marktanteil hält Nokia weiterhin alle Konkurrenten auf Abstand. Im noch jungen Smartphone-Markt mit insgesamt 22,1 Millionen Geräten kommt jedes zweite Computer-Handy von Nokia. Doch es stehen große Veränderungen bevor.
2007: Apple bringt Mitte des Jahres sein iPhone auf den Markt. Es unterscheidet sich radikal von bisherigen Smartphones mit seinem großen berührungsempfindlichen Bildschirm und dem Verzicht auf eine Tastatur. Bis Ende des Jahres werden rund 3,7 Millionen iPhones verkauft, die Dominanz von Nokia scheint noch nicht in Gefahr. Ende des Jahres kündigt Google das offene Betriebssystem Android an.
2008: Nokias Symbian-Plattform hält immer noch die Hälfte des Smartphone-Marktes. Apple arbeitet sich auf gut acht Prozent vor. Im Herbst kommt mit dem HTC Dream zunächst in den USA das erste Android-Smartphone auf dem Markt. In den Ranglisten der Marktforscher geht Android noch in der Rubrik "Andere" unter.
2010: Nokia rutscht ab. Im gesamten Handy-Markt fällt der Marktanteil auf unter 30 Prozent. Bei Smartphones macht Android binnen eines Jahres einen Sprung von 3,9 auf 22,7 Prozent, Apples iOS legt auf 15,7 Prozent zu. Nokia führt aber immer noch mit 37,6 Prozent.
2011: Android übernimmt zum Jahresende die Führung im Smartphone-Markt mit gut 50 Prozent, Apple kontrolliert ein Viertel des Geschäfts. Nokias Symbian ist nur noch die Nummer drei mit knapp zwölf Prozent. Auch im gesamten Handy-Markt liegt Nokia mit gut 23 Prozent nur noch knapp vor Samsung. Nokia setzt auf Windows Phone als nächste Smartphone-Plattform.
2012: Zum Jahresbeginn stößt Samsung Nokia vom Thron des weltgrößten Handy-Herstellers. Bei den Smartphones hängt Windows Phone auch mit dem Start der ersten Nokia-Telefone mit dem System bei zwei Prozent Marktanteil fest. (dpa)
dpa
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