20.02.13

Fleischskandal im Nordosten

Fünf neue Proben mit Pferdefleisch gefunden

In Mecklenburg-Vorpommern wurde in mehreren Produkten Pferdefleisch gefunden. In Deutschland mittlerweile insgesamt 34 Funde.

Foto: REUTERS
A ready-made meal of Lasagne is pictured in Dortmund
Fertiggericht Lasagner: In vielen Proben wurde mittlerweile Pferdefleisch gefunden

Berlin. Die deutschen Behörden entdecken immer mehr undeklariertes Pferdefleisch in Lebensmitteln. Bisher seien 34 von 485 amtlichen Proben positiv gewesen, sagte Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) am Mittwoch am Rande einer Sitzung des Bundestags-Verbraucherausschusses in Berlin. Der Handelsriese Rewe wies Kritik an mangelnden Qualitätskontrollen der Branche zurück. Die SPD rügte Aigners Krisenplan.

Auch bei amtlichen Tests von Rindfleisch-Produkten aus Mecklenburg-Vorpommern ist jetzt in fünf Proben Pferdefleisch nachgewiesen worden. Sie stammen aus drei Unternehmen, wie das Verbraucherministerium in Schwerin am Mittwoch mitteilte. Das seien die Firma Edeka Valluhn, ein Hersteller aus dem Landkreis Rostock, der nicht genannt werden wollte, sowie die Firma Schuhbecks Geniesser Service (SGS) in Laage-Kronskamp. Diese habe Fleisch von der Firma Vossko in Deutschland sowie aus Luxemburg bezogen. In zwei Fertigprodukten von SGS waren bereits bei Eigenuntersuchungen geringe Anteile von Pferdefleisch entdeckt worden. Die Supermarktkette Rewe hatte darauf zwei tiefgekühlte Produkte aus den Regalen genommen.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt unterdessen gegen das niedersächsische Fleischunternehmen Schypke. Es bestehe der Verdacht, dass in dem Betrieb Pferdefleisch verarbeitet worden sei, sagte eine Sprecherin. Dies könne ein Verstoß gegen das Lebensmittel- und Futtermittelgesetz darstellen. "Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen, wir produzieren weiter", sagte Schypke-Vertriebschef Manfred Diekmann der Nachrichtenagentur dpa.

Laut Bundesverbraucherministerium wurden in den amtlichen Proben jeweils mehr als ein Prozent Pferdefleisch festgestellt. Daher müsse nicht nur von Spuren, sondern von einer Beimischung gesprochen werden. Weitere 18 Untersuchungen von Pferdefleisch auf Rückstände von Tierarzneimitteln seien negativ ausgefallen.

Aigner betonte die Verantwortung des Handels für die Qualität der Produkte. "Jeder Pizzabäcker weiß, welche Zutaten er verarbeitet. Auch große Handelskonzerne, die unsere ganze Republik beliefern, müssen jederzeit wissen, was drin ist in ihren Produkten und woher es kommt", sagte Aigner der "Bild"-Zeitung (Mittwoch).

Rewe wies Kritik an mangelnden Qualitätskontrollen der Branche zurück. "Die Unternehmen des Handels machen heute schon hundertfach mehr eigene Kontrollen als die Lebensmittelbehörden", sagte Rewe-Vorstand Manfred Esser der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Mittwoch).

Der Handel habe erhebliche wirtschaftliche Schäden und Rufschaden infolge von Betrugsfällen. "Wir hatten Rindfleisch bestellt und dafür bezahlt, und nun haben wir in einzelnen Fällen Pferdefleisch in den Regalen." Esser nannte es erschreckend, dass "beinahe reflexartig" mit Schuldzuweisungen an den Handel reagiert werde, bevor die Politik alle Möglichkeiten der Aufklärung ausgeschöpft habe.

Der Vorsitzende des Bundestags-Verbraucherausschusses, Hans- Michael Goldmann (FDP), nannte es überlegenswert, dass die Wirtschaft einen Geldtopf zur Mitfinanzierung von Kontrollen einrichtet. "Es darf nicht sein, dass Betrügern durch eine schwierige Finanz- und Personalsituation in den Überwachungsbehörden ein Hintertürchen auf Kosten der Verbraucher geöffnet bleibt."

Die SPD kritisierte, Aigners Krisenplan enthalte vor allem Prüfaufträge. Nötig seien rechtliche Schutzvorschriften für Mitarbeiter, wenn sie Lebensmittelskandale aufgedeckten, forderte die SPD-Verbraucherpolitikerin Elvira Drobinski-Weiß. Das geltende Verbraucherinformationsrecht verhindere zudem, dass Behörden die Namen von Pferdefleischprodukten und Herstellern nennen dürften.

Die Grünen-Abgeordnete Nicole Maisch forderte Aigner auf, konkrete Regelungen zum Abschöpfen unrechtmäßiger Gewinne bei Lebensmittelverstößen vorzulegen.

Sodexo, einer der großen Hersteller von Schulkantinenessen in Deutschland, gab der Politik eine Mitschuld am Pferdefleisch-Skandal. "Der Gesetzgeber hat im Grunde eine Gesetzeslücke geschaffen, weil die Rückverfolgbarkeit für komplexe Produkte wie Tiefkühlpizzen oder auch die jetzt betroffene Lasagne tatsächlich nicht möglich ist", sagte Sodexo-Chefin Adrienne Axler der "Welt" (Mittwoch). "Für uns wäre es sehr hilfreich, wenn es hier seitens der Politik präzisere Vorgaben gäbe. Man muss uns auch die Mittel an die Hand geben, damit wir unserer Verantwortung gerecht werden können."

Der weltgrößte Lebensmittelkonzern Nestlé hatte nicht deklarierte Anteile von Pferdefleisch in seinen Produkten entdeckt und die Firma Schypke als Zulieferer genannt. Zu den Ermittlungen der Justiz sagte der Schypke-Vertriebschef, die Firma tue alles in ihren Kräften stehende, um in der Lieferkette die Verantwortlichen für falsch deklarierte Ware zu ermitteln.

In den vergangenen Tagen war in immer mehr Gerichten wie Lasagne, Tortelloni oder Gulasch undeklariertes Pferdefleisch entdeckt worden. Supermärkte nahmen Gerichte aus den Regalen, die Behörden in Europa verschärften die Kontrollen. In den verschiedenen Fällen geht es laut Bundesverbraucherministerium unter anderem um Fleischzulieferer aus Deutschland, Polen, Rumänien und Frankreich. Neben Fertigmahlzeiten und Schlachtbetrieben werden in Deutschland auch Großküchen untersucht.

Eine bundesweite Übersicht für Verbraucher über die Erkenntnisse der Bundesländer kann inzwischen unter der Internet-Adresse www.pferdefleisch-rueckrufe.de abgerufen werden. Wie das Bundesministerium mitteilte, können Kunden betroffene Waren nach Auskunft des Handels zurückbringen und erhalten das Geld zurück. Informationen sind auch über die Service-Telefonnummer 0228/ 24 25 26 27 (montags bis freitags, 8.00 bis 18.00 Uhr) des Ministeriums erhältlich.

Auch in Tschechien fanden die Behörden nicht deklariertes Pferdefleisch. DNA-Analysen hätten Pferdefleisch in zwei Chargen einer Tiefkühl-Lasagne nachgewiesen, teilte die nationale Lebensmittelaufsicht SZPI in Brünn (Brno) am Mittwoch mit.

Lebensmittelskandale in Deutschland

Vergammelt, verseucht, falsch deklariert - Lebensmittelskandale haben Verbraucher in Deutschland schon vor dem aktuellen Pferdefleisch-Skandal mehrfach verunsichert.

2012: Nach dem von Behörden verhängten Produktionsstopp in einer Brotfabrik bei München meldet die Bäckereikette Müller-Brot Insolvenz an. Kontrolleure fanden wiederholt Mäusekot und Speisereste von früheren Produktionen in Maschinen der Bäckerei.

2011: In Deutschland sterben rund 40 Menschen an den Folgen des gefährlichen EHEC-Darmkeims. Die Behörden warnen vor dem Verzehr roher Tomaten, Gurken und Blattsalate. Später stellt sich heraus: EHEC war von belasteten Sprossen aus Ägypten ausgelöst worden.

2010: Mit Dioxin belastetes Bio-Futtermittel eines niederländischen Herstellers wird in elf Bundesländer geliefert. Vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden viele Biohöfe gesperrt.

2008: Vergammelter Mozzarella aus Italien landet auch auf deutschen Käsetheken. Insgesamt sollen rund 11 000 Tonnen des mit Würmern und Mäusekot verunreinigten Käses europaweit als frische Ware in Supermärkten angeboten worden sein.

2005: Mindestens 50 Betriebe und Lager in mehreren Bundesländern sind in Geschäfte mit verdorbenem Fleisch verwickelt. Große Mengen wurden zu Döner, Bratwurst und Geflügelnuggets verarbeitet. Besonderes Aufsehen erregte ein Unternehmer aus dem bayerischen Deggendorf: Er importierte tonnenweise Schlachtabfälle aus der Schweiz, deklarierte sie um und verkaufte sie an Lebensmittelproduzenten im In- und Ausland.

2005: In zwei Filialen einer Supermarktkette werden bei Hannover Mitarbeiter beim Manipulieren von Fleischverpackungen ertappt. Sie hatten Hackfleisch mit abgelaufenem Verbrauchsdatum neu verpackt und so das Verfallsdatum verlängert. Mitarbeiter und Kunden anderer Supermärkte melden sich mit ähnlichen Vorwürfen.

2001: Mit dem in der EU verbotenen Antibiotikum Chloramphenicol belastete Shrimps aus Asien gelangen über die Niederlande nach Deutschland. Die EU beschließt, die Einfuhr von Shrimps, Geflügel, Honig und Kaninchenfleisch aus China zu verbieten.

1997: Ein Skandal um illegale Rindfleisch-Importe aus Großbritannien verunsichert die Verbraucher. Aus Angst vor der Rinderseuche BSE werden in Deutschland Tausende Tiere getötet, der Konsum von Rindfleisch geht drastisch zurück. Als Auslöser der Krankheit gilt die Verfütterung von Tiermehl und Tierfett, die 2001 europaweit verboten wird.

Quelle: dpa

(dpa)
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