22.11.12

Berliner Krankenhaus

Nach Missbrauchsvorwürfen: Charité kämpft um ihren Ruf

Die Kette dramatischer Vorfälle reißt nicht ab: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen Pfleger. Es war wohl nicht der erste Fall.

Von Andrea Barthélémy
Foto: dapd

Schwere Vorwürfe gegen einen Krankenpfleger der Berliner Charité: Der Mann soll eine 16-jährige Patientin missbraucht haben

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Berlin. Für Eltern ist es eine furchtbare Vorstellung: Das eigene Kind, dem im Krankenhaus eigentlich geholfen werden soll, wird dort Opfer eines sexuellen Missbrauchs. Den Vorwürfen zufolge hatte der beschuldigte Pfleger nur drei Minuten Zeit, um sich an der 16-Jährigen zu vergehen, die nachts in die Rettungsstelle des Virchow-Kinderklinikums gebracht worden war. Das Mädchen war mit Beruhigungsmitteln betäubt und vertraute sich später seinen Eltern an. Doch eine Strafanzeige wurde nicht gestellt und auch die Charité ermittelte zunächst intern. Erst durch einen Zeitungsbericht wurde der Vorfall publik – eine Woche später.

Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft, der Fall löst breite Empörung aus. Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) fordert personelle Konsequenzen. "Das Ereignis ist schockierend. Jetzt müssen unverzüglich alle Fakten auf den Tisch."

Dabei war nach dem Drama um die gefährlichen Darmkeime, mit der sich Babys auf zwei Säuglingsstationen der Charité infiziert hatten, gerade erst ein klärendes Gespräch zwischen Senatorin und Charité-Vorstand geführt worden. Es ging darin um mangelhafte Kommunikation und fehlende Transparenz: Beides war bei den Darmkeim-Vorfällen im Oktober heftig kritisiert worden, in deren Verlauf ein infiziertes Baby an seinem Herzfehler starb und die Leiche zunächst bestattet statt obduziert wurde. Dem Vorwurf, zu lange geschwiegen zu haben, muss sich die Charité – Deutschlands größtes Universitätsklinikum – nun erneut stellen.

Als Charité-Chef Karl Max Einhäupl am Mittwoch dazu erstmals vor die Presse trat, wirkte er zerknirscht und erschüttert: "Wir haben ein Kommunikationsproblem", räumte er erneut ein, kündigte aber an, die Vorfälle vorbehaltlos aufzuklären. Auch bei der öffentlichen und internen Kommunikation will er neue Seiten aufziehen: Als ersten Schritt richtete die Charité am Donnerstag eine Telefon-Hotline für besorgte Patienten, Eltern oder Mitarbeiter ein, die psychologischen Rat und Hilfe suchen.

Denn Fragen stellen sich in der Tat viele, nachdem nun erste Details des Übergriffs bekanntwurden: Danach war der Pfleger, der schon seit 40 Jahren an der Charité arbeitet, zumindest bei einigen Kollegen schon wegen ähnlicher Delikte bekannt. Laut Einhäupl, der seinen Angaben nach erst am Dienstag von den Vorfällen erfuhr, lagen diese Fälle mindestens fünf Jahre zurück. Aktenkundig waren sie nicht. Warum die Mitarbeiter ihren Verdacht nicht weitergaben und ob die damalige Pflegedienstleitung davon wusste, bleibt offen. Die heutige Pflegedienstleiterin Hedwig Francois-Kettner konnte nichts dazu sagen.

Aber in Berlin werden weitere dunkle Erinnerungen wach: Zum einen an den sogenannten "Todesengel", die Krankenschwester Irene B., die zwischen 2005 und 2006 fünf Menschen an der kardiologischen Intensivstation der Charité tötete, indem sie ihnen Medikamente in Überdosis spritzte. Auch damals hatten Kollegen nicht eingegriffen. Danach gelobte die Charité Besserung und richtete in ihrem Intranet ein Meldesystem für Beinahe-Fehler sowie ein anonymes Vertrauenstelefon ein. Doch laut Pflegedienstleitung laufen dort nur zwei bis drei Anrufe pro Jahr ein. Möglicherweise wissen viel zu wenig Betroffene von dieser Einrichtung.

Aber auch diverse Missbrauchsfälle im Helios Klinikum Buch liegen noch nicht lange zurück. Dort hatte ein junger Pfleger sich 2010 an drei kleinen Jungen vergangen und war nach einer Strafanzeige der Eltern zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Auch dort waren die Klinikverantwortlichen aus allen Wolken gefallen – danach hatten sie zusammen mit Kinderschutzverbänden ihren Patientenschutz völlig umgekrempelt.

Die Charité in Zahlen

Die Berliner Charité ist die medizinische Fakultät der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität. Mit knapp 13.000 Mitarbeitern an vier Standorten gehört sie zu den größten Arbeitgebern der Hauptstadt. Einige Zahlen:

GEGRÜNDET: 1710

MITARBEITER: 12 908 (Juni 2012)

STUDIERENDE: 7025 (2011)

JAHRESUMSATZ: 1,3 Milliarden Euro (2011)

BETTEN: 3095 (August 2012)

NUTZFLÄCHE: 547 000 Quadratmeter

OPERATIONEN: 7000 pro Monat

GEBURTEN: 4700 pro Jahr

TRANSPLANTATIONEN: 700 pro Jahr

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